Sommergespräch Wolf Hoffmann

Gelsenkirchen: Zukunft des Schloss-Fördervereins ist offen

Seit 2009 leitet Wolf R. Hoffmann den Förderverein Schloss Horst in Gelsenkirchen.

Seit 2009 leitet Wolf R. Hoffmann den Förderverein Schloss Horst in Gelsenkirchen.

Foto: Christiane Rautenberg / WAZ

Gelsenkirchen-Horst.  Schloss Horst ist gerettet, trotzdem sieht der Fördervereins-Chef Wolf R. Hoffmann noch einiges zu tun. Die Gastronomie etwa sei noch ausbaufähig.

Schloss Horst? Von wegen! Was da in den 1980er Jahren an der Turfstraße/An der Rennbahn verfiel, war mehr eine Ruine als ein repräsentativer Herrschaftssitz. Es war der 1985 gegründete Förderverein, der für die Rettung kämpfte – bekanntlich mit Erfolg. Wie dieses Kunststück gelang, wie es heute um das Gebäude, seine Einrichtungen und den Verein steht, dazu hat Wolf-R. Hoffmann als dessen Vorsitzender seine ganz eigene Meinung.

Schloss Horst ist gerettet, das Vereinsziel erfüllt. Warum gibt’s den Förderverein überhaupt noch?

Hoffmann: Das ist eine berechtigte Frage. Das Gebäude ist restauriert, die Vorburg saniert und mit Bürgercenter, Standesamt, Stadtteilbibliothek, Druckwerkstatt und Erlebnismuseum optimal genutzt. Das Umfeld ist mit der Neubausiedlung Am Bowengarten und dem Golfplatz auf der einstigen Galopprennbahn auch auf einem guten Weg. Wenn die letzte Erweiterung des Erlebnismuseums fertiggestellt ist, müssen wir tatsächlich überlegen, ob womöglich eine Stiftung ausreicht, unsere Arbeit fortzusetzen. 2021 stehen Vorstandswahlen an. Wie es danach weiter geht, ist noch unklar.

Wie kam es damals dazu, dass der Förderverein die Initialzündung zur Rettung des Schlosses gab?

In der Tat gäbe es das Schloss in der heutigen Form ohne den Verein nicht. Das ist dem verstorbenen Gründer Johann Kollner zuzuschreiben, der Horsts gute Stube wiederbeleben wollte und dafür viele Mitstreiter gewann. Und dem Stadtplaner Lutz Heidemann, der dem Verein beitrat, ihn in wissenschaftlichen Fragen beriet und dafür sorgte, dass er von der Verwaltung als Gesprächspartner auf Augenhöhe wahrgenommen wurde. Er lenkte so manche Diskussion auch in seriösere Bahnen. Immer wieder kam es zu absurden Vorschlägen, wie zum Beispiel die Gräfte zu fluten und dort Bötchen fahren zu lassen. Nach dem Kauf des Gebäudes durch die Stadt 1988 hatten die Akteure das Glück, die richtigen Minister zur richtigen Zeit vor Ort zu haben, was dann in eine 90-prozentige Landesförderung mündete. Nicht zu Unrecht wurde der Förderverein mit der silbernen Halbkugel, einem Denkmalpreis, ausgezeichnet.

Inwiefern hat sich der Förderverein dann nach 1988 weiter engagiert?

In vielerlei Hinsicht. Das Miniaturmodell von Schloss Horst im Maßstab 1:40, das im Erlebnismuseum ausgestellt ist, hat der Förderverein initiiert und mitfinanziert. Wir haben neben der NRW-Stiftung, der Volksbank Ruhr Mitte, der Sparkasse Gelsenkirchen und ein paar Service-Clubs als Geldgeber auch die privaten Sponsoren organisiert, etwa mit der Idee, Patenschaften für einzelne Figuren wie Schreiner, Zimmermann oder Bauherr Rutger von der Horst anzubieten. Etliche wissenschaftliche Publikationen haben wir ermöglicht und museumspädagogische Projekte wie die aktuelle Leonardo-Brücke initiiert. Für die Museumspädagogik haben wir in Kooperation mit dem Kulturreferat u.a. acht Helme aus mehreren Epochen, eine Platten- und Kettenrüstung, Gewänder und Tuniken sowie Tongeschirr für Kindergeburtstage angeschafft.

Und welche Rolle spielt der Förderverein heute?

Wir sehen uns immer noch als Hüter und Mahner in Sachen Schloss Horst. Was die abgesagten Ü30-Partys in der Glashalle angeht, so hatten wir schon früh realisiert, dass diese stark besuchten Veranstaltungen auch Nachteile mit sich bringen. An den Wänden finden sich Fußabdrücke von den Party-Gängern, auf dem Boden Fettspritzer von den Brätern. Auf eine Optimierung hoffen wir auch in der Gastronomie: Es wäre schon schön, wenn der Biergarten vor dem Schloss mehr bespielt würde und mittags öffnete. Die Stadt hat damals das Fundament und die Leuchten finanziert, tatsächlich wird der Bereich aber kaum genutzt. Um da für mehr Frequenz zu sorgen, muss mehr passieren als nur Großveranstaltungen und Hochzeits- oder Familienfeiern zu organisieren.

Sie selbst sind ja der Museumspädagoge im Schloss. Was zählt da zu Ihren Aufgaben?

Ich konzipiere und organisiere federführend das Gaudium, das 2020 erstmals über Fronleichnam an vier Tagen stattfinden soll, dazu in Zusammenarbeit mit Benjamin Bork die Ferienspaß-Aktionen und die Kindergeburtstage. Das wird stark nachgefragt. Aber natürlich bieten wir auch unterschiedliche Führungen durchs Museum an. Die Palette reicht von Schnupper-, Kurz-, Taschenlampen- und romantischen Winter-Führungen bis hin zu Themen wie Frauen auf der Schlossbaustelle, Medizin im Mittelalter und eine Baumeister-Führung.

Stichwort Museum: Die Erlebnisausstellung zu Leben und Arbeiten auf einer Schlossbaustelle in der Renaissance scheint nur Eingeweihten bekannt zu sein...

Was die Besucherzahlen angeht, so ist da durchaus noch Luft nach oben. Rund 10.000 Interessierte zählen wir jährlich. Aber natürlich spielen wir in einer anderen Liga als etwa das Ruhrmuseum. Sicherlich müssen wir den Bekanntheitsgrad in Form von Werbemaßnahmen noch verbessern. Stünde das Museum in Köln, München oder Hamburg, so würde sich die Frage nach der Besucherzahl nicht stellen. Die Leute würden uns die „Bude“ einrennen.

Was gibt’s denn bei Ihnen, was es in anderen Museen so nicht zu sehen ist?

Bei uns können die Besucher – mit Ausnahme der Modelle – wirklich alles anfassen. Mitmach-Museen gibt’s viele, aber bei uns in Horst ist das schon außergewöhnlich. Wer mag, kann sich ins Bett eines Bauhandwerkers legen, sich aufs Plumpsklo eines Pächters setzen oder mit Axt und Hammer in den Arbeitsalltag eines Zimmermanns reinschnuppern. Derzeit überlegen wir, eine Führung für Demenzkranke anzubieten, denn beim Blick in die beengten Räume der Handwerker fühlen sich viele in ihre Kindheit oder nach dem Krieg zurückversetzt. Bei uns erfahren Kinder, in welch glücklicher Zeit sie eigentlich leben: elektrisches Licht, Wasserspülung – all das gab’s ja im 16. Jahrhundert nicht. Da mussten die Menschen auch im Schnee nach draußen zur Toilette oder sich selbst Holz hacken für ein Feuer. Lesen und schreiben lernten Pächterkinder auch nicht, sie mussten Schweine hüten und Wasser holen.

Wie sieht das Schloss wohl in 20 Jahren aus?

Ich hoffe, dass das Museum dann immer noch durch Pädagogen betreut wird – und dass die Besucherzahlen nach oben gehen. Das Gaudium wird es dann hoffentlich auch noch geben. Derzeit ist das Open-Air-Spektakel ja ein Selbstläufer, zu dem Interessierte aus ganz NRW anreisen. Und vielleicht ist dann auch die Gastronomie so aufgestellt, dass auch tagsüber Gäste im Biergarten sitzen.

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