Georgsempfang

Ein Plädoyer für Gelsenkirchens letzten Platz

„Ich nehme jetzt mal wieder die Potenzialbrille“: Olivier Kruschinski zieht aus dem Platz 401 für seine Heimatstadt Gelsenkirchen in der Statistik zum „Lebenswert“ erstaunlich viel Energie. Foto:Joachim Kleine-Büning

„Ich nehme jetzt mal wieder die Potenzialbrille“: Olivier Kruschinski zieht aus dem Platz 401 für seine Heimatstadt Gelsenkirchen in der Statistik zum „Lebenswert“ erstaunlich viel Energie. Foto:Joachim Kleine-Büning

Gelsenkirchen-Schalke.   S04-Fan Olivier Kruschinski macht Mut beim Georgsempfang der katholischen Kirche nach Städteranking und „#401GE“. Launiger Vortrag mit Moral.

Dieser Abend war voller Bilder, voller Slogans, voller ungewöhnlicher Vergleiche, und deshalb passte das: Georgsempfang der Katholischen Stadtkirche, in einer Kirche, in der kürzlich die letzte Messe gelesen wurde, in einer Stadt, die im Vergleich auf den letzten Platz unter dem Aspekt „lebenswert“ gekommen ist, und mit einem vollmundigen und ehrlichen Bekenntnis zu Kirche und Gelsenkirchen. Das geht.

Die Zahlen sprechen für sich, aber sie sagen längst nicht alles, und die Mathematik ist nicht alles in der Welt, schon gar nicht im Mikrokosmos Gelsenkirchen, könnte die Botschaft von Markus Pottbäcker und Olivier Kruschinski im katholischen Gotteshaus an der Franz-Bielefeld-Straße lauten.

Wahrheit bilden die Menschen ab

Der Propst hatte den Anpfiff übernommen, der Macher der Kampagne „#401GE“ den langen Ball aufgenommen und vor den gut gefüllten Kirchenbänken gezeigt, was alles möglich ist, ohne jedes Lamentieren.

„Beide sind irgendwie am Ende,“ leitete Pottbäcker ein und über, „aber leben aus einer tiefen Hoffnung.“ Und auf das vielzitierte Ranking des Prognos-Instituts blickend: „Statistik bildet nicht die Wahrheit ab, das können nur Menschen.“

Das Publikum beim Stolz gepackt

In einer anderen Szenerie hätte jetzt Halbzeit sein können, denn Olivier Kruschinski packte sein Publikum an einer sensiblen Stelle: beim Stolz. „Ich lebe da, wo andere Urlaub machen“, das Bekenntnis des Tourismus- und Marketing-Mannes gewann in gut 45 Minuten immer mehr Form und immer mehr an Glaubwürdigkeit. „Es gibt über 2000 Städte in Deutschland, und wer interessiert sich für die anderen zwischen München und Gelsenkirchen?“ argumentierte er.

Kultur, Bergbau, Fußball

„Es kommen 400.000 Menschen im Jahr hierher, die das nicht haben, was wir an Kultur, Bergbau und Fußball bieten können“, so sein Credo. „Wir dürfen allerdings nicht anfangen, die Stereotypen zu negieren, mit denen sie kommen: Alles dreckig, viele Arbeitslose. Denn zu sagen, das stimmt doch nicht, ist leider auch ein Ruhrgebietsreflex.“

Kritischer Umgang mit den Parametern

Und er fasste seine Überzeugung in mehreren Botschaften zusammen: „Kritischer Umgang, denn die Zahlen des Rankings sind nicht anfechtbar. Aber mit Gewichtung der Parameter, denn wie sollte man mit dem Durchschnittseinkommen von 1500 Euro aus Gelsenkirchen in München eine Wohnung bezahlen, wo nebenbei 270.000 Einwohner von Armut bedroht sind? Muss denn wirklich immer nur höher, schneller, weiter, noch mehr, noch ein größeres Auto gelten?“ Kruschinski brachte es auf eingängige Formeln: „Mit dieser Statistik wird unsere Lebensleistung ins Lächerliche gezogen. Hier kann man ganz fantastisch leben“, unterstrich der „bekennende Ückendorfer. Und griff abschließend noch zu Herbert Grönemeyer: „Hier, wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld.“

>> Gelsen – Kirch – en

Die einzige Großstadt in Deutschland mit einer „Kirche“ im Namen, schrieb Propst Markus Pottbäcker den Gästen des Abends ins Merkbuch. Auch die erste Kirche der Stadt war bereits eine Georgskirche, etwa am Standort der heutigen Innenstadt-Kirchen. Seit Kirche derart im Zentrum der Stadt war, sei allerdings vieles anders geworden.

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