Handwerk

Immer mehr Bäcker und Metzger geben in Gelsenkirchen auf

Die fetten Jahre sind schon lange vorbei:

Die fetten Jahre sind schon lange vorbei:

Foto: Daniel Helbig

Gelsenkirchen-Buer.   Die Gründe für das Handwerker-Sterben sind vielschichtig. Das Phänomen hat nicht zwangsläufig etwas mit einer „Geiz ist geil“- Mentalität zu tun.

Viele Metzgereien, aber auch Bäckereien verschwinden aus dem Stadtbild. „Gab es im Jahr 2009 in Gelsenkirchen noch 34 Betriebe, so sank die Zahl der Bäckereien auf 25 im Jahr 2018“, weiß Martina Nählen von der Kreishandwerkerschaft Emscher-Lippe-West. „Das ist bedauerlich, denn hier stirbt eine Tradition“, sagt Christian Zipper, Obermeister der Bäcker-Innung.

„Neben der Konkurrenz von Lidl & Co erreichen viele handwerkliche orientierte Unternehmen mit ihren Verkaufskräften nicht mehr das Preisniveau, in dem Geld verdient werden kann“, so Zipper. Aufwand und Ertrag stünden in einem schlechten Verhältnis. Das, und der durch EU-Normen aufgebauschte bürokratische Aufwand habe zur Konsequenz, dass kaum ein junger Mensch Interesse zeigt, einen Bäckerbetrieb zu übernehmen, geschweige denn eine Ausbildung zu starten, bei der Nachtbetrieb sowie Wochenendarbeit an der Tagesordnung sind. Doch zurück zu den Erträgen.

Wertschätzung fällt gering aus

In Deutschland seien breite Schichten der Bevölkerung nicht bereit, einen angemessenen Preis für Lebensmittel zu zahlen. „Die Wertschätzung ist zu gering“. Das gleiche gelte für das Handwerk und die Arbeit.

„Für viele ist es wichtiger, ein schickes Handy zu haben. Essen interessiert da nicht“, ist auch Bettina Ptasseks Erfahrung. Sie führt zusammen mit ihrem Mann Martin in der buerschen Innenstadt die gleichnamige Fleischerei. „Früher gab es in jedem Stadtteil eine Metzgerei“. Das ist lange Vergangenheit. In den vergangenen zehn Jahren wurde jede vierte Metzgerei geschlossen.

Weniger Metzgereien, aber mehr Fleischkonsum

Und das, obwohl der Fleisch- und Wurstkonsum gestiegen ist. Laut Deutschem Fleischerverband waren es 2014 pro Person 60,4 Kilo im Jahr, 2016 stieg der Konsum um 200 Gramm. Während Ptassek Schweinefleisch nur bei einem Bauern aus der Region ordert, setzt die Industrie auf Masse. Sie produziert in Mengen und zu Preisen, gegen die das Handwerk keine Chance habe, argumentiert auch die Deutsche Fleischindustrie. „Da werden Lebewesen verramscht“, schimpft Bettina Ptassek. Und sie werde von einigen Kunden gefragt: „Warum ist das Fleisch bei euch so teuer?“

Zu kämpfen haben die Handwerker nicht nur in Sachen Preis gegen Lidl & Co. Auch ein Vollsortimenter wie Rewe und Edeka schmälert den Umsatz. Fleisch und Brot für den spontanen sommerlichen Grillabend wird häufig erst nach Landenschluss der handwerklich orientierten Familienunternehmen gekauft. „Dann greifen die Kunden in die Affenkäfige der Discounter und schaufeln die Hähnchenbollen für 15 Cent in den Einkaufswagen“, sagt Christian Zipper.

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