Immobilie

Was aus dem „Mörderhaus“ in Essen-Stadtwald wurde

Das Haus in der Lerchenstraße 36 in Stadtwald. Das Foto entstand im August 2016, als die Polizei die Leiche des Besitzers in der Regentonne fand.

Das Haus in der Lerchenstraße 36 in Stadtwald. Das Foto entstand im August 2016, als die Polizei die Leiche des Besitzers in der Regentonne fand.

Foto: Eva Adler / FUNKE Foto Services

Essen.  In der Lerchenstraße wurde im August 2016 die Leiche von Karl K. in einer Regentonne gefunden. Drei Jahre später erinnert an die Tat nichts mehr.

Lerchenstraße 36 in Stadtwald. Der graue Gitterzaun, der dort einst stand, ist weg. Auch die Natursteinmauer und der Vorgarten mit der großen Birke. Wo einst das weiße Haus mit den hölzernen Fensterläden und dem markanten Fachwerk-Erker stand und die nebenstehende Garage mit den braunlasierten Holztoren, erhebt sich ein neues Haus. Der Rohbau ist fast fertig. Es ist ein grauer Betonwürfel, der sich Stein für Stein rechts neben den beiden schmucken Gründerzeithäusern auftürmt. Der Bau zwängt sich geradezu in die Baulücke, wie als wollte er damit auch die gruselige Geschichte des Ortes verdrängen.

Nichts erinnert mehr an das grausame Verbrechen, das sich hier im Juni vor drei Jahren ereignete. Der damals 51-jährige Mieter Roland P. hatte seinen Vermieter Karl K. nach einem Streit erschlagen und in einer Regentonne in dem verwachsenen Garten verbuddelt. Einige Wochen später war die Polizei auf den Leichnam des 75-Jährigen gestoßen.

Etwa anderthalb Jahre später erhielt der Essener Makler Leonard Löhrer einen Anruf vom Nachlasspfleger. Karl K. hatte keine Verwandten und das Nachlassgericht hatte beschlossen, dass das Haus verkauft werden soll. Dieser Auftrag ging an Löhrer.

Der Mord in der Lerchenstraße in Essen-Stadtwald war bundesweit in den Medien

Das alte Jahrhundertwendehaus hatte durchaus Charme. Ein Haus aus der Gründerzeit, das Grundstück nach hinten im Grünen gelegen, noch dazu in Stadtwald. Doch welche Vorzüge stellt man für potenzielle Käufer heraus nach dieser Geschichte? Im Haus, das einen heruntergekommenen Eindruck auch wegen des längeren Leerstandes machte, standen noch die alten Möbel. Als Löhrer es das erste Mal betrat, da war die Bettdecke im Schlafzimmer noch so aufgeschlagen, wie Karl K. am letzten Tag seines Lebens morgens aufgestanden war. Der Lippenstift der verstorbenen Mutter von Karl K. stand noch auf der Kommode.

Leonard Löhrer hat nach eigenem Bekunden schon mehrere Häuser verkauft, in denen Kapitalverbrechen stattgefunden haben. Das ist freilich keine leichte Aufgabe, zumal der Makler diesen Umstand beim Verkauf nicht verschweigen darf. Würde er auch für die Lerchenstraße 36 einen Käufer finden? Eine Adresse, bei der man schon beim einfachen Googeln auf alle Details des Verbrechens stößt. Lange war der Fall bundesweit präsent in den Medien. Erst die Tat, dann der Gerichtsprozess, das Urteil - 14 Jahre Haft - und schließlich der plötzliche Tod von Roland P. in der Gefängniszelle.

Die acht Wohnungen waren binnen vier Monaten bereits verkauft

Als Löhrer dann eines Abends gegen 20 Uhr, es dämmerte bereits, nochmals um das Haus ging, war das für ihn ein beklemmendes Gefühl, wie er beschreibt. Und Löhrer beschlich die Erkenntnis: „Das mit dem Verkauf bekommst du nicht hin“. Nach einem solch schrecklichen Ereignis, das öffentlich so präsent war, und der Zustand des Hauses musste ein richtiger Neuanfang her. Das Haus musste weg. Und mit ihm die ganze Geschichte.

Der Makler suchte sich einen Bauträger, der mit ihm zusammen eine neue Immobilie auf dem Grundstück entwickelte. Das Mehrfamilienhaus mit acht Eigentumswohnungen nannten sie Stadtwaldpalais. Man kann zwar den Umstand bedauern, dass die alte Villa einem Quadratisch-praktisch-Bau gewichen ist, wie er derzeit überall zu sehen ist; man kann beklagen, dass das einst locker bebaute Grundstück aus wirtschaftlichen Gründen nun maximal genutzt wird. Doch binnen vier Monaten hatte Löhrer nach eigenem Bekunden die acht Wohnungen bereits verkauft. Die Käufer wussten alle, was auf dem Grundstück passiert war, und wenn nicht, dann erzählte ihnen Löhrer von „dem Mörderhaus“. Das Verbrechen an Karl K. sei jedoch für niemanden ein Grund gewesen, nicht zu kaufen, sagt Löhrer. Der Ort hatte offenbar mit jedem alten Mauerstein der fiel, auch seinen Grusel verloren. „Nicht das Grundstück ist das Entscheidende, sondern die Räume, wo das Verbrechen stattgefunden hat“, sagt Löhrer und fügt hinzu: „Damit ist der Neustart für den Standort gelungen.“

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