Siemens-Jubiläum

Vor 125 Jahren: Mit Siemens wurde Essen elektrisch

Die Kruppstraße ist seit 1930 Sitz der Siemens-Niederlassung. Derzeit wird sie für 2,5 Millionen Euro modernisiert.

Die Kruppstraße ist seit 1930 Sitz der Siemens-Niederlassung. Derzeit wird sie für 2,5 Millionen Euro modernisiert.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen.  Siemens gründete 1894 seine Niederlassung Essen und war seither Motor für den Fortschritt in der Region. Viele Umbrüche prägten die jüngste Zeit.

Uli Hülse hat in zwei Jahren seinen „Runden“. Dann wird der heute 61-Jährige 50 Jahre im Dienst von Siemens in Essen sein. Ein halbes Jahrhundert lang bei ein- und demselben Arbeitgeber, das ist heutzutage selten. 1971 begann der Stoppenberger bei Siemens eine Lehre zum Fernmeldemonteur. Da war er gerade 14 Jahre alt.

Seither hat Uli Hülse viele Veränderungen bei Siemens erlebt. Tochterfirmen wurden ausgegründet, verkauft oder an die Börse gebracht. Kollegen, die gleichzeitig seine Kumpel waren, gehörten plötzlich nicht mehr zur Siemens-Familie. „Die ersten 20 Jahre waren gefühlt noch ruhig, dann wurden die Taktungen immer kürzer“, sagt der Essener. Arbeiteten 2002 noch rund 2000 Mitarbeiter in der Niederlassung, waren es 15 Jahre später nur noch die Hälfte. Trotz aller Umbrüche erfüllt es Uli Hülse bis heute mit Dankbarkeit und auch einem gewissen Stolz, ein Siemensianer zu sein, sagt er. Soziale Standards seien bei Siemens immer noch hoch, im Gegenteil zu vielen anderen Unternehmen ringsum.

Uli Hülse ist mit seinen 47 Jahren Betriebszugehörigkeit einer der Dienstältesten in der Siemens-Niederlassung Essen, die am heutigen Samstag ihr 125-jähriges Bestehen feiert. Für die Mitarbeiter und deren Familien gibt es ein Fest am Sitz der Niederlassung in der Kruppstraße.

Vom Blaumann zum „Knöpfchendrücker“

Dass Uli Hülse ein Teil dieser 125-jährigen Geschichte geworden ist, verdankt er seinen Eltern. Sein Vater war im Bergbau tätig und sein Junge sollte auf keinen Fall „auf den Pütt gehen“. Und da im Zeugnis von Uli Hülse damals die gute Note 2 in Mathe stand, meinte der Berufsberater in der Schule, dass er ein „besserer Elektriker“ werden sollte. Und so wurde der 14-Jährige schließlich Fernmeldemonteur bei Siemens, „weil meine Eltern eine Waschmaschine von Siemens besaßen“. Der renommierte Name zog.

In seiner Ausbildung arbeitete Uli Hülse noch im Blaumann, bearbeitete Metall in der Lehrwerkstatt an der Frohnhauser Straße mit Bohrer und Feile. Er habe das Geschäft eben noch von der Pike auf gelernt. Sein erstes großes Projekt nach der Ausbildung, an dem er mitarbeitete, war ein Auftrag vom Energiekonzern RWE, der sich damals ein eigenes Telefonnetz in Essen aufbaute. Dass sich heute, 45 Jahre später, Siemens längst ganz aus dem Telefongeschäft zurückgezogen hat, hätte Uli Hülse damals nie für möglich gehalten.

Als er bei Siemens begann, gab es auch noch keine Computer. Ein Foto aus den 50er-Jahren zeigt eine Bürolandschaft in der Siemens-Niederlassung, als auf den Schreibtischen lediglich Telefone standen und einzelne Papierstapel lagen. Heute arbeitet Uli Hülse ausschließlich am Computer. „Wenn mein Vater wüsste, dass ich heute nur noch Knöpfe drücke“, lacht er und lässt den Satz unvollständig stehen. Seine Abteilung nennt sich nach der jüngsten Umstrukturierung nun Smart Infrastructure im Bereich Fire & Safety und Uli Hülse ist Projektmanager. Hinter den englischen Worten verbirgt sich das Geschäftsfeld intelligente Gebäude- und Sicherheitstechnik.

Siemens trieb die Elektrifizierung im Bergbau voran

Die Geschichte seines Arbeitgebers in Essen begann am 15. September 1894. Damals wurde das „Technische Bureau von Siemens & Halske“ in der Burgstraße gegründet. Werner von Siemens setzte auf das Potenzial des Ruhrgebiets. Die Elektrifizierung der Zechen und Hütten aber auch der Städte nahm Fahrt auf. 1894 ging in Bochum die erste elektrische Straßenbahn in Betrieb - entwickelt und gebaut von Siemens. Im Bergbau lösten elektrisch betriebene Fördermaschinen die dampfbetriebenen ab.

Siemens stand für Fortschritt. So baute 1898 das gerade gegründete Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk mit Siemens das erste öffentliche Kraftwerk auf dem Gelände der Zeche Victoria Mathias im heutigen Eltingviertel. Es war der Grundstein für den späteren RWE-Konzern. Bis heute zählt RWE zu den wichtigsten Auftraggebern der Siemens-Niederlassung in Essen.

Im öffentlichen Raum sorgte Siemens beispielsweise mit der ersten elektrischen Straßenbahn 1894 in Bochum für Aussehen. Und später im Oktober 1928: Damals montierte das Unternehmen die erste öffentliche Ampel über Tage in Essen. Sie hing über der Kreuzung Alfred-, Bismarck- und Kahrstraße.

Bürobegäude an der Kruppstraße entstand 1930

Nach dem Wachstum in der Region und vielen Zukäufen, unter anderem der Schuckert-Werke und der Maschinenfabrik Thyssen, entschloss sich Siemens, ein eigenes Bürogebäude in der Stadt zu bauen. 1930 wurde das Haus an der Kruppstraße fertiggestellt, wo die Niederlassung bis heute sitzt. Im Krieg stark zerstört wurde das Gebäude nach 1945 wiederaufgebaut und in der 1960er Jahren entlang der Sachsenstraße erweitert. Heute gehört es Siemens selbst nicht mehr. Pünktlich zum 125. Jubiläum hat der jetzige Eigentümer 2,5 Millionen Euro in die Hand genommen und das Haus nach den Wünschen von Siemens modernisiert.

Wie in vielen anderen Unternehmen hat sich auch bei Siemens das Arbeitsleben stark verändert. Mobiles Arbeiten auch von zu Hause aus und flexible Arbeitszeiten gehören zum Konzept. Uli Hülse fremdelt noch ein wenig mit den neuen Möglichkeiten. „Ich bin eher so ein alter Knochen, der morgens regelmäßig ins Büro kommt“, sagt er.

In der Jubiläumsschrift berichtet Niederlassungsleiter Manfred Siegener, wie früher Büroraum geplant wurde. „Es entschied der Dienstgrad darüber, ob und in welcher Größe jemand Pflanzen oder Blumen bekam, ob derjenige oder diejenige einen großen, einen kleinen oder keinen Besprechungstisch oder überhaupt ein Einzelbüro bekam. Auch die Zahl der Fensterachsen im Büro war streng nach Dienststellung per Richtlinie vorgegeben. Das ist Gott sei Dank vorbei.“

Denkt man heute an Siemens in Essen, dann gehört sicher der Bau des Thyssenkrupp-Quartiers dazu, an dem der Konzern beteiligt war, der Rhein-Ruhr-Express aus dem Hause Siemens oder die preisgekrönte Energiesanierung des Rathauses. Wie die Geschichte der Niederlassung in Essen in Zeiten fortschreitender Digitalisierung fortgeschrieben wird, weiß Uli Hülse natürlich nicht. Die Zeiten jedenfalls dürften kaum wieder ruhiger werden. Eine Sprecherin des Unternehmens jedoch ist sich in einem sicher: „Dass Siemens mit der Niederlassung vor Ort ein Gesicht in der Region hat, ist unser Erfolg.“

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