Essen historisch

Vor 100 Jahren: Erste Luftpoststrecke Essen-Berlin eröffnet

Flugplatz Essen-Gelsenkirchen-Rotthausen mit Zollverein 4/5/11 und Trabrennbahn-Tribüne im Hintergrund: Das Postflugzeug vom Typ LVG C VI wird beladen, der Pilot sitzt schon im Cockpit des Doppeldeckers. Das Auto rechts führt den Wimpel „Deutsche Luftpost“.

Flugplatz Essen-Gelsenkirchen-Rotthausen mit Zollverein 4/5/11 und Trabrennbahn-Tribüne im Hintergrund: Das Postflugzeug vom Typ LVG C VI wird beladen, der Pilot sitzt schon im Cockpit des Doppeldeckers. Das Auto rechts führt den Wimpel „Deutsche Luftpost“.

Foto: Essener Luftfahrtarchiv

Essen.   Hobbyhistoriker Frank Radzicki (Essener Luftfahrtarchiv) erinnert an die Eröffnung der ersten Luftpoststrecke Ruhrgebiet-Berlin vor 100 Jahren.

Das seltene Schwarz-Weiß-Bild stammt aus den Kindertagen der deutschen Luftfahrt und erinnert an ein historisches Datum: Am 15. April 1919 – also vor genau 100 Jahren – wurde die Luftpoststrecke Essen-Berlin offiziell eröffnet. „Die Flugzeuge stammten aus den Beständen der ehemaligen kaiserlichen Fliegertruppe“, berichtet Hobbyhistoriker Frank Radzicki, der das Essener Luftfahrtarchiv betreut. Zugleich erinnert der 54-Jährige an den ehemaligen Flugplatz Essen- Gelsenkirchen-Rotthausen, von dem die neuen Postflieger damals abhoben.

Rotthausen gehörte damals zum Landkreis Essen, erst im Zuge der Kommunalreform 1924 wurde die schnell wachsende Landgemeinde Gelsenkirchen zugeschlagen. „Die Luftpost wurde in Säcken transportiert“, fügt Radzicki hinzu. Vom Ruhrgebiet ging es zunächst bis Hannover und nach der Zwischenlandung weiter in die alte Reichshauptstadt.

Zweisitzige Maschine flog 170 Stundenkilometer schnell

Die historische Aufnahme zeigt einen alten Militärdoppeldecker mit der Typen-Bezeichnung „LVG C VI“. LVG ist die Abkürzung für Luftverkehrsgesellschaft, einen der damals führenden Flugzeugproduzenten. „Die zweisitzige Maschine zählte mit dem 200 PS-Motor zu den leistungsstärkeren und flog 170 Stundenkilometer schnell.“ Im Ersten Weltkrieg dienten die Doppeldecker als Aufklärungsflugzeuge oder als Bomber. Der Begriff Luftwaffe wurde damals noch nicht verwendet. „Man sprach von der Kaiserlichen Fliegertruppe oder von den Luftstreitkräften“, so Radzicki.

Viel Platz bot die „LVG C VI“ übrigens nicht. Am Steuerknüppel saß der Pilot, hinter ihm ein Begleiter, die Postsäcke verschwanden im kleinen Rumpf. Im offenen Cockpit war es zwangsläufig sehr zugig und kühl.

1920 blieben die Postflieger erst einmal am Boden

Das schnellste Transportmittel für die Post war lange Zeit die Eisenbahn mit ihren Postzügen. Die Luftfahrt eröffnete neue Möglichkeiten. Die am 6. Februar 1919 eröffnete Luftpoststrecke Berlin-Weimar war die erste in Deutschland. In der thüringischen Residenzstadt tagte damals die deutsche Nationalversammlung. Essen-Berlin kam im April hinzu. „Aber diese Verbindung existierte nur ein Jahr“, berichtet Frank Radzicki. Der Grund für die kurze Blüte: Der Friedensvertrag von Versailles habe „den motorisierten Flugbetrieb nahezu unmöglich gemacht“. Die Folge: Von 1920 an blieben die Postflieger in Diensten der „Deutschen Luftreederei“ (DLR) erst einmal am Boden. Später marschierten die Franzosen in Essen ein, es kam zur Ruhrbesetzung und einer Verlängerung des Flugstopps.

In seinem 2006 erschienenen Band „Der Traum vom Fliegen im Ruhrgebiet“ erinnert Frank Radzicki an zahlreiche ehemalige Flugplätze zwischen Ruhr, Emscher und Lippe. Der Flugbetrieb an der Stadtgrenze Essen-Gelsenkirchen sei zunehmend erschwert worden durch Bergsenkungen. „Das Gelände versumpfte zusehends.“ Die alte Aufnahme zeigt im Hintergrund die Schachtanlage Zollverein 4/5/11, das heutige Gründerzentrum Triple Z, und die alte Tribüne der Gelsenkirchener Trabrennbahn.

Kapitel Luftfahrt im Essener Norden endete 1940

Erst mit der Eröffnung des Flughafens Essen-Mülheim im Spätsommer 1925 etablierte sich der Luftpostbetrieb aufs Neue. Der neue Flughafen erhielt sogar ein eigenes Luftpostamt.

An den Flugplatz Essen-Gelsenkirchen-Rotthausen erinnert heute nichts mehr. Heute erhebt sich über dem Flugplatz die begrünte Zechenhalde, gelegen zwischen Schwarzbach und Trabrennbahn. Bis etwa 1940 nutzten noch Segelflieger das Gelände, dann war das Kapitel Luftfahrt im Essener Norden endgültig beendet.

Von dem LVG-Doppeldecker sind 1918 und 1919 nur 1000 Maschinen gebaut worden, lediglich drei Exemplare sind noch in Museen zu besichtigen, zum Beispiel in Brüssel und Paris. Frank Radzicki: „Ein bekanntes Foto 1918 zeigt eine Maschine dieses Typs mit dem Schauspieler Hans Albers.“

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