Kleiderordnung

Unperfekthaus kämpft gegen Diskriminierung von Anzugträgern

Gilt als Ort der Vielfalt: Das Unperfekthaus.

Gilt als Ort der Vielfalt: Das Unperfekthaus.

Foto: Franziska Bombach / WAZ FotoPool

Essen.  Obwohl es ein Zentrum für Kreative sei, herrsche kein Jeanszwang: Das Unperfekthaus hat eine charmante Debatte zur Kleiderordnung ausgelöst.

Als Unternehmer und Nordstadt-Mäzen Reinhard Wiesemann in den 1980er-Jahren seine Karriere startete, da war er noch ein Exot als bekennender Jeansträger in Führungsrolle. Ähnlich wie einst der Turnschuh tragende Joschka Fischer im Bundestag, provozierte auch Wiesemann inmitten einer bügelgefalteten Welt.

Die hat sich mittlerweile soweit gedreht, dass der Anzugträger speziell in der Kreativ-Branche einen schweren Stand hat. Er, der schwarze Baumwollsocken und geputztes Lederschuhwerk den freien Knöcheln samt Marken-Sneaker vorzieht, hat in den Coworking-Spaces der Republik einen schweren Stand. Mit einem viel beachteten Facebook-Beitrag ergreift nun ausgerechnet Reinhard Wiesemann Partei für den Anzugträger.

Der Gründer des Unperfekthauses stellt in dem sozialen Netzwerk die Frage nach einem „Aufstand der Kreativen“: Hätten früher konservative Menschen Jeansträger wie ihn diskriminiert, so hätten heute umgekehrt Anzugträger das Gefühl, nicht mehr akzeptiert zu werden. Wiesemann stellt auch die Frage, ob die „Missachtung von Menschen, die sich etwas formaler kleiden, ein Zeichen (...) des zunehmenden Misstrauens etablierten Menschen gegenüber?“ sei.

„Schon vor einigen Jahren habe ich daher ein Schild am Eingang des Unperfekthauses angebracht, mit dem wir zeigen, dass alle Menschen bei uns willkommen sind, ganz egal was sie tragen“, sagt Wiesemann auf Anfrage.

Anlass für den Facebook-Post: Arzt hatte sich im Unperfekthaus unwohl gefühlt

Anlass für den Facebook-Beitrag sei vor wenigen Tagen die Begegnung mit einem Arzt gewesen. Dieser sei zu Gast im Unperfekthaus gewesen und habe sich dort mit Anzug und Krawatte unwohl gefühlt: „Er wurde schief angeguckt und hat mir das auch so gesagt“, so Wiesemann.

Anlass für das Schild im Eingangsbereich sei vor einigen Jahren eine ähnliche Unterhaltung mit einem Mitarbeiter der Stadtverwaltung gewesen, erklärt Wiesemann. Akzeptanz sei keine Einbahnstraße, bekräftigt er: „Ich besitze weder Anzug noch Krawatte und erwarte, dass man mich so akzeptiert. Das muss umgekehrt natürlich auch gelten.“ Im Unperfekthaus dürfe man sich kleiden wie man will.

Wiesemann findet die Entwicklung „absolut richtig, dass starre Kleidergrenzen aufgehoben werden“. Sogar die Sparkassen hatten zuletzt ihren Dresscode gelockert und die Krawattenpflicht gekippt. „Wir leben in einer sehr angenehmen, freiheitlichen Gesellschaft, da hat sich Deutschland sehr positiv entwickelt“, lobt Wiesemann. Das müsse man zwischendurch immer wieder betonen – auch gegenüber Jeans tragenden Freigeistern.

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