Thyssenkrupp

Thyssenkrupp-Beschäftigte verspüren Ungewissheit und Unruhe

Wohin des Weges: Dem Essener Traditionsunternehmen Thyssenkrupp drohen harte Einschnitte und Stellenabbau. Seit der gescheiterten Stahlfusion herrsche am Standort Essen Unruhe, heißt es.

Wohin des Weges: Dem Essener Traditionsunternehmen Thyssenkrupp drohen harte Einschnitte und Stellenabbau. Seit der gescheiterten Stahlfusion herrsche am Standort Essen Unruhe, heißt es.

Foto: Christof Köpsel

Essen.   Die von Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff angekündigte harte Sanierung ist seit Tagen Gesprächsthema Nummer eins in der Essener Hauptverwaltung.

Mittagszeit im Thyssenkrupp-Quartier. Mitarbeiter strömen in das Betriebsrestaurant im Gebäude Q 2, nicht weit vom historischen kruppschen Stammhaus entfernt. Die Gespräche an den Tischen, so hört man, kreisen seit Tagen um den radikalen Kurswechsel des Weltkonzerns mit global 160.000 Mitarbeitern. „Die schwierige wirtschaftliche Lage ist das Thema Nummer eins in der Kantine“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter von Business Services, der Dienstleistungsgesellschaft des Unternehmens. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen – wie übrigens auch die anderen, die wir ansprechen. Die meisten winken sogar von vornherein ab. Irgendwie verständlich in Zeiten der Krise. Schmerzhafte Einschnitte drohen: Der Konzern muss mehrere tausend Stellen streichen.

„Die Situation war schlecht und ist nicht besser geworden“, fügt der Mann hinzu. Schon seit Anfang der 1990er Jahren sei er bei dem Essener Traditionskonzern beschäftigt. Ja, es stimme, was Konzernchef Guido Kerkhoff („Die Loyalität der Mitarbeiter ist gigantisch“) im Interview mit dieser Zeitung über die Belegschaft sagt: „Die Identifikation der Menschen mit dem Unternehmen ist weiterhin da, aber es gibt auch eine große Verunsicherung.“

Ein Mitarbeiter sagt: „Kein weiß, was los ist“

So sieht es auch sein Kollege, der in Essen wohnt und hier aufgewachsen ist. Die Stimmung am Standort Essen sei eine Mischung aus „Unruhe und Ungewissheit“: „Keiner weiß, was los ist.“

Gärtner von Thyssenkrupp sind dabei, die großen Rasenflächen zwischen Thyssenkrupp-Allee, Quartiersbogen und Altendorfer Straße zu trimmen, Mitarbeiter der Hauptverwaltung flanieren in Grüppchen über die „Allee der Welten“. Sie säumt das langgezogene Wasserbecken, das gerade gesäubert wird. „Die aktuelle Situation ist alles andere als schön“, sagt einer, der seit zehn Jahren in Diensten von Thyssenkrupp steht. Die allgemeine Ungewissheit habe auch ihn persönlich ergriffen. „Denn ich weiß nicht, ob ich zu den Tausenden gehöre, deren Arbeitsplatz auf der Kippe steht.“ Was die Anspannung spürbar erhöht: Der Mann ist verheiratet und hat zwei heranwachsende Kinder, Arbeitslosigkeit wäre für ihn eine Katastrophe.

Am Standort Essen arbeiten 4700 Menschen

4700 Menschen sind nach Angaben eines Konzernsprechers am Standort Essen beschäftigt: nicht nur in den 13 Q-Gebäuden im Quartier, sondern auch in ausgelagerten Büros in Bredeney beispielsweise. Nach der gescheiterten Stahlfusion erwartet den Konzern eine harte Sanierung, auch die Konzernzentrale soll verkleinert werden. „Aber es ist viel zu früh, um sagen zu können, was das für den Essener Standort exakt bedeutet“, betont der Konzernsprecher.

Fest steht: Thyssenkrupp will die Verwaltungskosten von 380 auf 200 Millionen Euro senken – fast eine Halbierung. Dies bedeute aber nicht, betont der Sprecher, dass der Stellenplan halbiert werde.

Digital-Experte sieht Chance, wieder in die Erfolgsspur zu kommen

In die seit Tagen wabernde Ungewissheit mischt sich besonders bei den älteren Mitarbeitern ein kräftiger Schuss Selbstbewusstsein. „Wir haben unsere Arbeit immer gut gemacht und werden sie auch weiterhin gut erledigen“, sagt der Mann von Business Services. Und ergänzt: „Am Ende wird der Kurswechsel nicht an uns Mitarbeitern scheitern.“

Der aus Indien stammende Ingenieur spricht ein nahezu akzentfreies Deutsch. In der Autosparte bekleide er eine leitende Position in einem Digitalisierungsprojekt, sagt er. Seine Stimmung umschreibt er mit einem einzigen Wort: „gelassen“. „Es besteht die Chance, wieder auf den Erfolgskurs zurückzukommen.“ Schwarze Zahlen zu schreiben, das allein reiche allerdings nicht aus. „Wir müssen uns mit der Konkurrenz messen und jede Sparte für sich muss besser sein.“

Ein Manager im dunkelblauen Anzug eilt mit großen Schritten in Richtung Q 1, wo auch der Konzernchef sein Büro hat. Wie er die Perspektiven des Unternehmens beurteile? „Ich schaue positiv in die Zukunft“, erwidert er.


THYSSENKRUPP UND DAS QUARTIER

  • Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff hat zwei Ziele verfolgt: die Stahlfusion mit Tata und die Aufspaltung des Konzerns. Dazu wird es allerdings nicht mehr kommen. Auch von der EU-Wettbewerbskommission in Brüssel kam das Signal: Die Ehe mit Tata wird untersagt.
  • Die neue Konzernzentrale ist 2010 in Essen gebaut worden – genau an der Stelle, an der die Geschichte der Firma Krupp 200 Jahre zuvor begonnen hatte.
  • Das Thyssenkrupp-Quartier ist ein offen angelegter, für jedermann zugänglicher Campus. Im Hauptgebäude Q 1 mit den markanten Panoramafenstern sind alle wichtigen Abteilungen des Unternehmens untergebracht.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben