Tafel Deutschland

Tafel Deutschland-Chef: „Habe mich ins Ruhrgebiet verliebt“

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Tafel Deutschland e. V. Unter dessen Dach sind fast 1000 Tafeln in Deutschland mit 60.000 Ehrenamtlichen organisiert. Seit 2011 lebt der gebürtige Sauerländer in Essen-Kupferdreh.

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Tafel Deutschland e. V. Unter dessen Dach sind fast 1000 Tafeln in Deutschland mit 60.000 Ehrenamtlichen organisiert. Seit 2011 lebt der gebürtige Sauerländer in Essen-Kupferdreh.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Essen.  Verdienstkreuz für Jochen Brühl: Der Bundesvorsitzende der Tafel Deutschland lebt seit 2011 in einer Essener WG und hat ein Buch veröffentlicht.

Zwei Dinge hat sich Jochen Brühl vor vielen Jahren nach dem Studium geschworen: Nie mehr in einer WG leben und bloß nicht ins Ruhrgebiet ziehen. Nun, mit beiden Vorsätzen sollte es nicht so recht klappen. Der Bundesvorsitzender von Tafel Deutschland e.V. lebt schon seit acht Jahren im Essener Stadtteil Kupferdreh – obendrein unter einem Dach mit 13 anderen Menschen in einer großen Wohngemeinschaft. Für sein langjähriges Engagement im sozialen Bereich hat der Bundespräsident den Essener mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, die Verleihung durch Oberbürgermeister Thomas Kufen fand jetzt in der 22. Etage des Essener Rathauses statt.

Jochen Brühl und das Ruhrgebiet – die abgrundtiefe Abneigung gegenüber der rußigen Malocherregion ist längst umgeschlagen in innige Verbundenheit und Heimatgefühl. „Ich habe mich ins Ruhrgebiet verliebt“, sagt der frisch Dekorierte. Sein Kompliment an das Land und die Menschen mag klischeehaft klingen, aber Brühl weiß es gut zu begründen. Und es kommt ehrlich rüber, nicht anbiedernd. Einer seiner Lieblingsorte ist der Baldeneysee, wo er es nach stressigen Dienstreisen durchs ganze Land genießt, einfach nur auf der Bank zu sitzen und die Stille am Wasser zu genießen.

„Volle Tonne, leere Teller“ – sein Buch mit Gesprächen über Armut und Verschwendung

„Volle Tonne, leere Teller“ lautet der Titel seines Buches, das vor wenigen Tagen in den Buchhandel gekommen ist. Es ist eine Sammlung von Gesprächen über Armut und Verschwendung, über Gerechtigkeit und Engagement. Gespräche, die Brühl mit illustren Persönlichkeiten wie Sternekoch Tim Raue, TV-Moderator Jörg Pilawa, Ex-Manager Thomas Middelhoff und Schauspieler Hannes Jaenicke, aber auch mit bloggenden Hartz-IV-Empfängern und Aussteigern geführt hat. Besonders beeindruckt habe ihn das Gespräch mit Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, der sich offen über aktuelle Themen wie die Rolle der Frau in der Kirche, Homosexualität und Missbrauch geäußert habe und leidenschaftlich dafür plädiere, sich für andere einzusetzen.

Geprägt haben den Wahl-Essener die Kindheit im Sauerland und das protestantische Elternhaus in Altena. Er studierte Sozialarbeit, wurde Diakon und ist hauptamtlich beschäftigt beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM). 1999 gründete er in Ludwigsburg die Ludwigs-Tafel mit, damals eine von 200 in Deutschland. Heute gibt es 940 solcher Tafeln, die Brot und Tütensuppe, Obst und Shampoo an bedürftige Menschen ausgeben. Seit 2013 steht Brühl als Bundesvorsitzender an der Spitze des Dachverbandes Tafel Deutschland. In den 60.000 Ehrenamtlichen, die Millionen Tonnen Lebensmittel vor dem Wegwerfen retten und diese Tafeln tragen, sieht er eine der größten Bürgerbewegungen der Republik.

2011 verschlägt es Brühl nach Essen – „aus Liebe zu seiner Frau“

Wer mit 53 in einer WG lebt, mag von manchen für einen Exoten gehalten werden. Dabei ist er alles andere als ein Paradiesvogel, sondern weitaus geerdeter, als viele glauben. In der Konfrontation von Überfluss und Mangel sieht der Tafel Deutschland-Vorsitzende ein Problem und zugleich eine Herausforderung. Wo andere aufgeben, verströmt er demonstrativ Optimismus. Der Kirchenmann spricht aus ihm, wenn er sagt: „Es gibt sehr viel Licht.“

Nach Essen hat es ihn 2011 verschlagen. „Aus Liebe zu meiner Frau“, wie er gerne zugibt. Zu dritt lebt seine Familie in dem großen Kupferdreher Haus – in einer Wohngemeinschaft zusammen mit elf anderen Menschen, darunter fünf Kinder im Alter zwischen drei und zwanzig Jahren. Die Küche und das Esszimmer sind die Orte, an denen sich die WG trifft. „Aber alle haben eigenen Wohnungen, in denen sie die Tür hinter sich schließen können.“

Alle sieben Wochen ist Jochen Brühl mit dem WG-Wocheneinkauf an der Reihe

Unter der Woche pendelt der Manager meistens im Zug zwischen Berlin und Kassel oder zu anderen Terminen im Land. Daheim in Essen lebt er Großfamilie, er ist seit Anfang an dabei, Mitbewohner der ersten Stunde. Er sagt: „Wir feiern zusammen und trauern zusammen.“ Alle sieben Wochen setzt sich Brühl planmäßig ans Steuer des Kombi, um den immensen WG-Wochen-Einkauf zu stemmen – für einen Tisch, an dem eine Fußballmannschaft samt Ersatzleuten Platz fände. Die Vierzehn sind Menschen mit unterschiedlichen Neigungen und Stärken – und ein Team mit Arbeitsteilung. Die eine kümmert sich um Geld oder Internet, der andere versteht mehr von Gärtnerei oder Kochen. Jochen Brühl sieht in seiner Kupferdreher Großfamilie überhaupt nichts Ideologisches, er bleibt lieber ganz pragmatisch. „Es ist ein tolles Projekt gegen die Vereinsamung.“

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