Arbeitsmarkt

„Speed-Dating“ für Geflüchtete im Job-Center Essen

Beim Speed-Dating für „Medizinische Fachangestellte“ können Flüchtlinge potenzielle Arbeitgeber kennenlernen. Hier stellt sich Bewerberin Rand Savas (l.) bei Dr. Birgit Olbrück, Ärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, vor.

Beim Speed-Dating für „Medizinische Fachangestellte“ können Flüchtlinge potenzielle Arbeitgeber kennenlernen. Hier stellt sich Bewerberin Rand Savas (l.) bei Dr. Birgit Olbrück, Ärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, vor.

Foto: Christof Köpsel

Essen.   22 Geflüchtete unter anderem aus Syrien und Afghanistan stellen sich beim „Speed-Dating“ bei Essener Ärzten vor. Einige haben echte Job-Chancen.

Er hofft so sehr auf einen Ausbildungsplatz: Ibrahim Sadek absolviert gerade ein Praktikum im Elisabeth-Krankenhaus. In seiner Heimat Syrien, aus der er 2014 flüchten musste, hat er studiert und in einem Spezialkrankenhaus gearbeitet. „Mein Bruder war früher Apotheker und lebt jetzt in Bremerhaven“, erzählt der 39-Jährige. Er ist der älteste von 22 Kandidaten beim „Speed-Dating“ im Job-Center an der Ruhrallee. „Ich bin aufgeregt!“, sagt er.

Mit etwas Glück kann er einen der fünf Arbeitgeber von sich überzeugen. Bestmöglich ist er auf die temporeichen Vorstellungsrunden an den Tischen vorbereitet. Die Bewerbungsmappe unterm Arm wartet er in der Reihe hinter einigen jungen Frauen auf dem schlichten Büroflur. Auch sie suchen ihre Traum-Chefs.

Projekt „Eine Chance für Geflüchtete“ startete 2017

Dr. Patricia Aden kennt einige Kandidaten. Seit 1979 unterrichtet die Ärztin medizinische Fachangestellte (früher „Arzthelferinnen“) im Berufskolleg. Sie ist Mitinitiatorin des 2017 gestarteten Projekts „Eine Chance für Geflüchtete“. Die Erfahrungen mit den überwiegend unter 25-Jährigen seien gut. Vertreter der Ärztekammer Nordrhein und des Alfried-Krupp-Krankenhauses haben die Männer und Frauen vorher über den Beruf informiert. Mitarbeiter des Job-Centers erklärten, was in die Unterlagen muss.

Die Ärztekammer hatte Kliniken und Praxen aufgerufen, Bewerber per Einstiegsqualifizierung einzustellen. Hierbei werden junge Erwachsene ein Jahr an den Beruf herangeführt. „Eine vergleichbare Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten gibt es in den Herkunftsländern nicht“, weiß Aden. Bewähren sich die Kandidaten, werden die zwölf Monate angerechnet.

Bei einem Hausarzt in Überruhr hat die Kandidatin schon Praxisluft geschnuppert

Rund zehn Minuten hat die junge Frau im roten Mantel, um den Internisten für sich zu gewinnen. Gamargul Nazari (26) aus Afghanistan lächelt schüchtern. Aus dem schwarzen Wollschal, den sie lose um den Kopf geschwungen hat, lugt eine schwarze Haarsträhne hervor. Sie erlaubt uns, bei ihren Dates dabei zu sein. Bei einem Hausarzt in Überruhr hat die junge Mutter schon vier Wochen Praxisluft geschnuppert. Die Arbeit im Labor hat ihr gefallen, mit dem PC kam sie nicht so zurecht.

„Das lernen Sie auch noch“, ermutigt sie Marion Peters, Bereichsleiterin Job-Service Essen. „Sie nutzen ja auch ein Smartphone!“ Seit 2017 ist Nazari in Deutschland, jetzt wohnt sie in Stadtwald. Gleich nach dem Abitur hat sie in Baglan im Nordosten des Landes geheiratet. Die Kinder sind drei und fünf Jahre. Nachmittags geht sie zum Sprachkurs, vormittags lernt ihr Mann Deutsch. „So sind die Kleinen immer versorgt.“

Kandidatin gibt Schwächen am Computer zu

„Ich höre mir alle Bewerber an!“, sagt Birgit Olbrück. Auch die Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe aus Kray ist gespannt, wer sich zu ihr setzt. Olbrück fragt Nazari nach der Kinderbetreuung. „Was war ihr Lieblingsfach in der Schule?“, will sie wissen. „Bio!“, so die prompte Antwort. Das freut die Medizinerin. Neben Laborarbeit und Umgang mit Menschen seien Computer-Kenntnisse im Job vonnöten, betont sie. Die Kandidatin gibt die Schwäche offen zu.

„Haben Sie noch Fragen?“, wendet sich die Ärztin an Nazari. Die erkundigt sich nach den Arbeitszeiten. Erstaunlich: Beide verlieren nicht ein Wort über die Bezahlung. Auch beim zweiten Gespräch mit einem Internisten bleibt das Finanzielle außen vor. Der Hausarzt macht allerdings gleich Nägel mit Köpfen. Nazari punktet und bekommt zwei Probetage Ende Juli. Die Kopie des Lebenslaufs behält er. Vorsichtig fragt der Mediziner nach dem Schal. Das Bewerbungsfoto zeigt sie ohne. Für die Rüttenscheider Patienten halte er ihre Kopfbedeckung nicht so passend. Aber sonst scheint die Chemie zu stimmen.

Den Flüchtlingen geht es um qualifizierte Jobs in ihrer neuen Heimat

„Unentgeltlich arbeitet niemand, der durch das Projekt vermittelt wird“, sagt Heike Schupetta, Sprecherin des Job-Centers. Auch die Vorstufe zur Ausbildung, die betriebliche Einstiegsqualifizierung (EQ), wird vergütet. Den Erfolg des Projektes zeigen Zahlen aus den zurückliegenden zwei Jahren: Über 30 Jugendliche konnten Ausbildungsverträge mit Arztpraxen oder Krankenhäusern abschließen. Wie die Statistik 2019 ausfällt, bleibt abzuwarten. Noch steht der zweite Durchgang aus. Dann wollen auch Ibrahim Sadek und Gamargul Nazari wieder für sich werben. Denn in ihrer neuen Heimat möchten sie einen qualifizierten Job ergattern.

>> Flüchtlings-Projekt wird fortgesetzt

  • Der Gesundheitssektor in Essen hat hohen Personalbedarf. Aktuell sind fast 5600 medizinische Fachangestellte in lokalen Praxen und Kliniken beschäftigt.
  • Das Projekt „Eine Chance für Geflüchtete“ geht am Mittwoch, 22. Mai, von 16 bis 18 Uhr im Job-Center an der Ruhrallee 175 weiter. Zwölf Praxen und das Alfried-Krupp-Krankenhaus werden sich als Arbeitgeber vorstellen.

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