Clan-Kriminalität

Schwedische Polizisten treffen Essener Clan-Experten

Besuch aus Göteborg: Camilla Krueger und Matts Björk informieren sich fast zwei Wochen lang in Essen über das Phänomen Clan-Kriminalität. Rechts Thomas Weise von der Spezialabteilung zur Bekämpfung von Clan-Kriminalität, ganz links sein Kollege Steffen Daun.

Besuch aus Göteborg: Camilla Krueger und Matts Björk informieren sich fast zwei Wochen lang in Essen über das Phänomen Clan-Kriminalität. Rechts Thomas Weise von der Spezialabteilung zur Bekämpfung von Clan-Kriminalität, ganz links sein Kollege Steffen Daun.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Essen.  Essen ist Hochburg von Clan-Kriminalität. Göteborg in Schweden leidet unter Bandenkriminalität. Experten beider Städte tauschen sich aus.

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Die schwedische Hafenstadt Göteborg und die Ruhrmetropole Essen trennen an sich Welten. Doch es ist die Gewaltkriminalität, die die beiden Großstädte zusammenrücken lässt. Hüben ist es die Clan-Kriminalität, Essen ist eine Hochburg libanesisch-arabischer Familienclans, drüben grassiert die Bandenkriminalität. Camilla Krueger und Matts Björk von der Göteborger Polizei schauen den Kollegen des Essener Polizeipräsidiums für gut zwei Wochen über die Schulter. Es soll ein fruchtbarer Erfahrungsaustausch werden für beide Seiten.

Erst vor kurzem seien noch zwei schwedische Delegationen in Präsidium gewesen, berichtet Thomas Weise, Sprecher der Spezial-Abteilung zur Bekämpfung von Clan-Kriminalität. „Die erste Frage der Delegationen lautete: Wie viele Handgranaten gehen hier am Tag hoch?“.

Eine für deutsche Ohren höchst verstörende Frage, die aber ein Schlaglicht wirft auf die dramatische Eskalation der Gewalt in dem skandinavischen Königreich. In einem Land, das eigentlich den Ruf genießt, sehr wohlhabend und sozial, sehr offen und friedfertig zu sein.

Schweden 2019: 50 Tötungsdelikte in nur sechs Monaten und 187 Bombenexplosionen

Folgt man jedoch den ernüchternden Schilderungen der beiden Göteborger Polizeioffiziere, wirft die zunehmende Bandenkriminalität lange Schatten auf das Land mit dem Bullerbü-Charme. Ein neuartiges Phänomen dort: Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres haben kriminelle Banden 187 Bomben und Granaten explodieren lassen. Entsprechend hoch der Blutzoll: Im selben Zeitraum seien 50 Tötungsdelikte registriert worden.

Ein Land im Ausnahmezustand. „Schießereien auf offener Straße und selbst am helllichten Tag gehören auch in Göteborg zum Polizeialltag“, berichtet Camilla Krueger. Die Sergeantin versieht in ihrem Revier im Nordosten den Streifendienst und kennt das Milieu bestens. „Meistens dreht es sich um Drogengeschäfte und Schutzgelderpressung“, fügt ihr Kollege Matts Björk hinzu, der als Dienstgruppenleiter ihr Vorgesetzter ist. Allein im Nordosten gebe es vier Quartiere, die vom Ministerium offiziell als Gefahrenzonen klassifiziert sind.

Wie in Essen gibt es auch in Göteborg eine Paralleljustiz mit eigenen Friedensrichtern

Der Begriff Clan-Kriminalität existiere in Schweden nicht, statt dessen werde ganz allgemein von „criminal gangs“ gesprochen, von kriminellen Banden. Es handele sich um verschiedene Nationalitäten, darunter befänden sich auch Täter mit libanesischen und somalischen Wurzeln.

Camilla Krueger und Matts Björk sehen sich mit ähnlichen Phänomen konfrontiert wie ihre Essener Kollegen. „Es gibt eine Paralleljustiz mit eigenen Friedensrichtern und eine zunehmende Gewalt gegenüber Frauen“, sagt die Polizistin. Der Begriff „Hedersmord“ sei ein ziemlich neues schwedisches Wort, wörtlich übersetzt bedeutet es Ehrenmord.

Respektlosigkeiten von Bandenmitgliedern gegenüber Polizeibeamten seien ebenfalls an der Tagesordnung. Damit nicht genug. Die Banden selbst forderten selbstbewusst respektvolles Verhalten ihnen gegenüber ein. Björk: „In Wirklichkeit wollen sie der Polizei damit sagen: Du sollst Angst vor uns haben.“

Einschüchterungsversuche und Verfolgungsfahrten kennt die schwedische Polizistin auch

Ähnlich wie in der Clan-Hochburg Essen seien Polizisten auch in den kriminellen Hotspots Stockholm, Malmö und Göteborg das Ziel mehr oder weniger offener Drohungen durch kriminelle Bandenmitglieder. Verfolgungsfahrten auf dem Heimweg und das einschüchternde „Wir-wissen-wo-du-wohnst“ kennen Göteborger Polizisten zur Genüge. „Das passiert mir praktisch jeden Tag“, gesteht Camilla Krueger. „Sie kennen mein Auto, mein Kennzeichen, meine Fahrwege.“

Am vorvergangenen Wochenende (9. November) explodierte in der Innenstadt von Malmö eine Handgranate, danach eröffneten Bandenmitglieder das Feuer auf zwei wehrlose Teenager. Sie wurden von Kugeln getroffen, einer von ihnen tödlich. Demonstrativ führte das Nachbarland Dänemark danach Passkontrollen für Reisende aus Schweden ein. Auch die schwedische Regierung ziehe die Schrauben an, so seien die lange Zeit geringen Strafen für illegalen Schusswaffenbesitz deutlich erhöht worden, berichtet Matts Björk.

Die schwedische Polizei reagiert aber nicht nur mit mehr Repression auf die zunehmende Bandenkriminalität, sie demonstriert auch Dialogbereitschaft. „Im Anschluss an eine Razzia bleibe ich an Ort und Stelle und suche das Gespräch mit den Menschen im betroffenen Stadtteil“, berichtet Camilla Krueger. Die Schwedin ist eine resolute Frau, die für Respektlosigkeiten von Männern Null Toleranz aufbringt. „Bei Verkehrskontrollen habe ich es in 20 Jahren Dienstjahren noch jedes Mal geschafft, die Papiere zu Gesicht zu bekommen“, sagt sie, und fügt hinzu: „Dafür brauche ich keine Hilfe.“

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