Schülerschule

Schülerschule wird 50: Für viele Kinder die Weichen gestellt

Geburtstagsfeier: Die Schülerschule feierte im August 2019 ihr 50-jähriges Bestehen. Im Gemeindeheim Burgaltendorf kamen ehemalige Schüler und ihre Familien mit Schülerschule-Gründerin Ria Voswinckel (Mitte vorn) zusammen.

Geburtstagsfeier: Die Schülerschule feierte im August 2019 ihr 50-jähriges Bestehen. Im Gemeindeheim Burgaltendorf kamen ehemalige Schüler und ihre Familien mit Schülerschule-Gründerin Ria Voswinckel (Mitte vorn) zusammen.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Schülerschule in Essen feiert 50-jähriges Bestehen: Sie ist das Lebenswerk von Ria Voswinckel und war für viele Kinder eine Weichenstellung.

Sie hat das Bundesverdienstkreuz erhalten und das Rentenalter schon lange erreicht, und doch macht Ria Voswinckel (82) weiter: Jetzt feierte ihre Schülerschule 50-jähriges Bestehen, und die pensionierte Lehrerin denkt nicht ans Aufhören. Unermüdlich nimmt sie all jene an die Hand, für die Schule vom ersten Tag an eine Herausforderung bedeutet, weil sie kaum Deutsch können, weil sie mit Traumata aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland gekommen sind oder weil ihre Eltern weder lesen noch schreiben können.

Als Ria Voswinckel mit ihrer Arbeit begann, sprach niemand von bildungsfernen Schichten und Kindern mit Migrationshintergrund. Aber Ria Voswinckel wusste wie das ist, wenn man nach Bildung hungert und dieser Hunger nicht gestillt wird. Ihre Mutter starb früh, der Vater kam ins KZ, Ria wuchs im Kinderheim auf. Das Mädchen, das in Essen geboren war, lebte auf dem Land im Kreis Höxter und arbeitete beim Bauern: „Ich zog schon morgens vor der Schule mit den Kühen auf den Acker.“ Bis der Schulunterricht im Krieg ganz wegfiel.

Die Schulbildung gering, der Wille groß

Ihre Kindheit sei schwer gewesen, ihre Schulbildung gering, ihr Wille groß: Sie träumte vom Abendgymnasium. Arbeitete tagsüber bei der Vertrauensärztlichen Dienststelle und später im Heim für „gefallene Mädchen“ in Dortmund, war Hilfskraft, ein unbedarftes Mädchen, das sich mit heftigen Schicksalen konfrontiert sah und Lerngruppen gründete. Nach Dienstschluss ging sie selbst zur Schule: „Ich arbeitete, arbeitete, arbeitete, aber immer fröhlich“.

Sie schaffte das Abitur und das Lehramtsstudium in Münster, bekam einen Lehrauftrag an der dortigen Uni und gründete 1969 die Schülerschule. Kümmerte sich um die Kinder, „die in der Schule nicht so sehr wegen intellektueller Probleme scheiterten, sondern wegen sozialer, gesundheitlicher, sprachlicher“. Die Studenten, die an der Schülerschule arbeiteten, hätten keine klassische Nachhilfe gegeben, sondern das Kind und sein ganzes Umfeld in den Blick genommen, die Familien besucht, Freizeitaktivitäten angeboten.

„Wir haben nicht auf die 1 für den einzelnen geschielt, sondern aufgepasst, dass keiner absackt“

Ganzheitlich sei ihr Ansatz gewesen und auf Gegenseitigkeit beruhend: Die Schüler lernten, einander zu helfen, Verantwortung für andere zu übernehmen. Wer einem Mitschüler Mathe erkläre, erlebe dabei ja auch: „Ich kann was!“ Es sei nie darum gegangen, auf die 1 für den einzelnen zu schielen, „sondern aufzupassen, dass keiner absackt“.

Nach dem frühen Tod ihres Mannes kehrte Ria Voswinckel 1983 mit ihren Kindern in ihre Geburtsstadt Essen zurück. Hier arbeitete sie bis zu ihrer Pensionierung erst an der Hüttmannschule, dann an der Hauptschule Bärendelle und setzte die Schülerschule fort. „Ich bin nachmittags einfach dageblieben.“ Anfangs kamen viele deutsche Kinder, später nahm die Zahl der ausländischen Kinder zu. Ria Voswinckel hat kurdische Familien im Asylheim besucht oder dem tamilischen Jungen den Wechsel aufs Gymnasium erleichtert.

Sie hat mit Kindern gekocht, Feste gefeiert, die Ferien verbracht, „und sie haben Blumen und Bilder mitgebracht, um unseren Raum zu schmücken“. Im Laufe der Jahre hat sie immer wieder neue Räume und Sponsoren für die Schülerschule suchen müssen; seit einigen Jahren gibt es eine Schülerschule gGmbH, die auf ihren Ideen basiert.

Die Schülerschule war für viele Kinder auch Familie

Gleichzeitig setzt sie selbst die Arbeit mit einigen Mitstreitern und ohne institutionelles Dach fort. Wenn einer ihrer Schützlinge erlebe, wie ein Mitschüler an seinen Noten verzweifelt, spreche er ihn an: „Komm’ mal mit in die Schülerschule.“ Gelernt wird in der Stadtbibliothek, wo sie sich mit ihren Schülern trifft, auch mit solchen, die schon in Ausbildung oder Studium stecken.

Mehrere hundert Kinder und Jugendliche habe sie im Laufe der Jahre begleitet. Viele von ihnen haben dieser Tage mit ihr das 50-jährige Bestehen der Schülerschule gefeiert, mancher brachte die eigenen Kinder mit, was für Ria Voswinckel nur logisch ist: „Die Schülerschule war für viele auch Familie.“

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