Bundespolitik

Schöne Bescherung für Essens Genossen

Es bleiben Ungereimtheiten, bekennt Guntram Schneider, der von der Bundestagsabgeordneten Petra Hinz nach Essen gelotst wurde. Aber im Zweifel zieht die Drohkulisse mit den nicht vorhandenen Alternativen: Schwarz-Grün. Oder eine Neuwahl ohne Kraft an der Spitze. Dann doch lieber dieser Vertrag.

Es bleiben Ungereimtheiten, bekennt Guntram Schneider, der von der Bundestagsabgeordneten Petra Hinz nach Essen gelotst wurde. Aber im Zweifel zieht die Drohkulisse mit den nicht vorhandenen Alternativen: Schwarz-Grün. Oder eine Neuwahl ohne Kraft an der Spitze. Dann doch lieber dieser Vertrag.

Essen.  Der Plan, die kritische SPD-Basis mit Prominenz aus den Verhandlungsrunden zur Großen Koalition auf Zustimmungs-Kurs zu bringen, scheint aufzugehen. Zumindest bei denen, die kommen.

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Ja, is denn scho Weihnachten?

An der Sartoriusstraße sieht es an diesem tristen Novembersamstagnachmittag fast so aus. Das liegt nicht an dem üppig behangenen silbern glänzenden Tannenbaum da vorn auf der kleinen Bühne. Oder an den künstlichen Christsternen auf den Tischen im Rellinghauser Awo-Treff.

Sondern daran, dass die gut 40 Sozialdemokraten im Saal ungläubig staunend an den Lippen des Redners hängen, der ihnen wortreich vermittelt: Gemessen an den Einträgen im Goldenen Wahlbuch hätten sie als Sozis von dieser soeben ausgehandelten großen Koalition eigentlich weit weniger Äpfel, Nüss’ und Mandelkern zu erwarten gehabt, als das 185-Seiten-Papier ihnen jetzt beschert.

"Ein Haufen schlecht gelaunter Oppas"?

Mancher nickt. Und Guntram Schneider legt nach: Was Schwarz und Rot da in Berlin als Vertrag ausgehandelt haben, ist ein Erfolg, betont der NRW-Arbeits- und Sozialminister: „Angesichts der Kräfteverhältnisse hätte ich nicht geglaubt, dass wir das so hinkriegen.“

Nur geht es eben nicht allein darum, was jene für ein Gefühl haben, die mit am Verhandlungstisch saßen. Darum ist er nach Essen gekommen. Denn da ist dieser Mitgliederentscheid, zu dem die SPD sich verpflichtet hat, es geht darum, die vielzitierte Parteibasis zu überzeugen. Oder wie Oliver Welke neulich in der heute-show formulierte: „Im Grunde entscheidet also ein Haufen schlecht gelaunter Oppas aus dem Ruhrgebiet über die Zukunft unseres ganzen Landes.“

Opas sind auch nach Rellinghausen gekommen, aber wer nur einen Rentnertreff erwartet hat, liegt falsch, und gar so schlecht gelaunt sind sie hier heute auch nicht. Allenfalls skeptisch.

"Von den Dreckschweinen aus den Unternehmen übertölpelt"

So wie Tobias Peters. „Mein Bauchgefühl sagt: Nee“, meint der 46-jährige arbeitsuchende Sozialwissenschaftler – und scheint ein bisschen über sich selbst erstaunt, dass ihn der Minister „mit seiner ehrlichen, offenen Art“ rumgekriegt hat: „Er hat mir deutlich gemacht, dass die sehr seriös verhandelt haben. Ich muss da jetzt einfach Vertrauensvorschuss geben.“

Gemessen am Beifall denken offenbar viele so. Klar gibt es immer noch Vorbehalte. Dass er nach mehr als vier Jahrzehnten im Lande in seiner zweiten Heimat immer noch nicht wählen gehen darf, frustriert einen Genossen. Ein anderer fürchtet, dass die Arbeiter trotz Mindestlohn „von den Dreckschweinen aus den Unternehmen übertölpelt werden“, wieder andere wüssten gern vorher, wer demnächst eigentlich Minister werden soll.

Keiner muss sich den Koalitionsvertrag schön trinken

Aber keiner, der lospoltert. Vielleicht weil Schneider und all die anderen Gesandten der Partei in den kommenden Inforunden gut daran tun zuzugeben, dass Kanzlerin Merkel neuerdings nicht die Internationale singt: „Ich möchte nicht alles rosarot malen“, sagt er dann, und die Genossen im Saal nicken, „ich möchte Vertrauen vor allem in der Arbeitnehmerschaft zurückgewinnen“, und die Genossen nicken noch heftiger.

Der Kasten Krombacher, hinten in der Ecke, bleibt in 100 Debattenminuten unangetastet. Keiner, der sich den Koalitionsvertrag schön trinken muss. Wenn es nach den Sozialdemokraten im Awo-Saal ginge, gäb’s keine Zweifel am Okay für das Papier. Aber es waren eben nur 40 da. Und weitere 40 tags drauf bei NRW-Verkehrsminister Mike Groschek auf der Margarethenhöhe. Zu wenig, um das Geschenk schon sicher unterm Baum zu wissen.

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