Roma

Roma in Essen-Altendorf, eine schwierige Integration

Der Ehrenzeller Platz in Altendorf ist ein beliebter Treffpunkt, auch unter Roma. Wenn an warmen Tagen die Sonne untergeht, wird es lebendig auf dem Platz. Die Schattenseite: Anwohner klagen über Lärm und Müll.

Der Ehrenzeller Platz in Altendorf ist ein beliebter Treffpunkt, auch unter Roma. Wenn an warmen Tagen die Sonne untergeht, wird es lebendig auf dem Platz. Die Schattenseite: Anwohner klagen über Lärm und Müll.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Seit 2015 sind etwa 1000 Roma nach Altendorf gezogen. Die Menschen zu integrieren ist schwierig. Ein Besuch auf dem Ehrenzeller Platz.

Hier hat jeder seinen Platz: Die Trinkerszene trifft sich etwas abseits auf einer Wiese am Rande des weitläufigen Platzes. An dessen gegenüberliegenden Seite teilt sich eine Gruppe Bulgaren Tomaten und ein Feierabendbier, während Familien aus Rumänien mit ihren Kleinstkindern im Schatten der Bäume Schutz vor der Sonne suchen.

Der Ehrenzeller Platz in Altendorf ist ein beliebter Treffpunkt für Zuwanderer aus Südosteuropa. Deren Zahl ist sprunghaft angestiegen, seit die Europäische Union 2014 auch Arbeitnehmern aus Rumänien und Bulgarien Freizügigkeit eingeräumt hat.

Aus den beiden EU-Mitgliedsstaaten sind in den vergangenen zwei Jahren fast 1000 Menschen nach Altendorf gezogen, wo sie freie und günstige Wohnungen fanden. Die Mehrheit dieser Zuwanderer stammt aus Rumänien. Fast 90 Prozent sind Roma. Mittlerweile tendiere der Leerstand im Stadtteil gen null.

Der Wohnungsleerstand tendiert gen null

Die Verhältnisse in Altendorf seien auch deshalb weit entfernt von jenen, die inzwischen in der Dortmunder Nordstadt oder in einigen Stadtteilen Duisburgs herrschen, heißt es beim Diakoniewerk der Evangelischen Kirche, wo man sich gemeinsam mit der Stadt der neuen Bürger annimmt. Dortmund wie Duisburg erleben eine Massenzuwanderung. Gleichwohl stellt der Zuzug von Roma auch Altendorf vor eine Herausforderung.

Dass schon die Kontaktaufnahme mit den Neubürgern schwierig ist, muss Ratsherr Ahmad Omeirat erfahren, als er auf dem Ehrenzeller Platz das Gespräch sucht. Aus der Nachbarschaft kommt es immer wieder zu Beschwerden über Müll und Lärm, bestätigt die Polizei, die regelmäßig rund um den Platz Streife fährt. Dort wird es lebendig, wenn an warmen Tagen die Sonne langsam untergeht. Bis zu 100 Personen oder mehr, Erwachsene und Kinder, halten sich dann auf dem Ehrenzeller Platz auf, nicht selten bis tief in die Nacht.

Mit den Leuten müsse man „Tacheles reden“, meint Omeirat, der für die Grünen im Rat der Stadt sitzt. Nicht vergessen dürfe man: „Es geht hier um Elend.“ Omeirat warnt davor, die Menschen sich selbst zu überlassen. „In den Kopfen werden sie nur geduldet.“

Auf dem Ehrenzeller Platz stellt sich ihm Romeo vor. Der junge Mann lebt nach eigenen Worten seit 1991 in Deutschland, bezeichnet sich selbst als „makedonischen Zigeuner“. Altendorf sei kein Multikulti, sagt er. „Hier treffen unterschiedliche Welten aufeinander. Man muss die Realität sehen.“ Dass sich die Roma integrieren könnten – Romeo ist da skeptisch: „Die Leute sind alle nett. Aber das mit dem Lärm und dem Müll ändern – das schaffst Du nicht.“

Diakonie setzt auf Kinder als Türöffner in die Familien

Weiß er, wovon er redet? Oder macht er sich nur wichtig? Ahmad Omeirat gefällt nicht, was er da hört. Ein Wort gibt das andere, die Stimmung droht zu kippen. Es hapert schon an der Kommunikation.

Auch Regina Moock hat den Gesprächsfaden zu den Roma gesucht – und gefunden. Mit Hilfe von Kindern. „Wir wussten nicht einmal, wer gehört zu wem, welches Kind gehört wohin“, berichtet die Sozialarbeiterin. Als Türöffner in die Community erwiesen sich regelmäßige Spielangebote der Diakonie im Hinterhof einer von Roma bewohnten Schrott-Immobilie an der Gladbecker Straße. Roma leben in Großfamilien. Der Familienzusammenhalt sichert in ihren Heimatländern das Überleben. Dort seien sie nicht selten abgeschnitten von Bildung, von staatlicher Versorgung, ja sogar von der Müllabfuhr, berichtet Günter Blocks, Projektleiter bei der Stadt Essen für EU-Zuwanderung. Eingeübte Lebensformen brächten die Menschen mit nach Deutschland. Dazu gehöre das Misstrauen gegen Behörden und die fehlende Erfahrung, dass Bildung die eigenen Chancen verbessern kann.

Während viele Flüchtlinge geradezu danach gierten, Deutsch zu lernen, bedürfe es bei Roma Überzeugungsarbeit, sich auf das neue Lebensumfeld einzulassen, berichtet Ricarda Fischer, Leiterin des Stadtteilbüros „Treffpunkt Altendorf“ von ihren Erfahrungen. Die Menschen schlagen sich durch, sammeln Schrott, handeln mit alten Autos, hat uns Romeo auf dem Ehrenzeller Platz erzählt. Oder leben von staatlicher Unterstützung.

„Es gibt welche, die suchen ihre Chance, die fassen Fuß“, berichtet Regina Moock. Andere verschwinden praktisch über Nacht und ziehen weiter, erzählt eine Ladeninhaberin an der Altendorfer Straße. „Leben und leben lassen“, sagt sie.

Diakonie und Stadt setzen auf Kinder und Heranwachsende. Denen müsse man klar machen, dass sie die Schule nicht sausen lassen, nur weil irgendein Großonkel in Hamburg auf dem Schrottplatz Hilfe braucht. Um die Menschen zu integrieren, bedürfe es Jahre, heißt es. Diverse Programme, gefördert von Bund, Land und EU, sollen dabei helfen. Zumindest bis 2020. Dann läuft, Stand heute, das letzte Programm aus.

Die Roma seien da und sie hätten das Recht dazu. Damit müsse man umgehen. „Der Weg, den wir gehen“, sagt EU-Koordinator Blocks, „ist steinig“.

Leserkommentare (45) Kommentar schreiben