Bücherschränke

Öffentliche Bücherschränke in Essen stimulieren die Leselust

Der Bücherschrank am Grillo-Theater: Sylvia Grytt aus Borbeck schaut regelmäßig vorbei und wird meistens fündig. Sie hält den Umberto-Eco-Klassiker in der Hand, entscheidet sich aber dann fürs gelbe Reclam-Heftchen „Das Käthchen von Heilbronn“.

Der Bücherschrank am Grillo-Theater: Sylvia Grytt aus Borbeck schaut regelmäßig vorbei und wird meistens fündig. Sie hält den Umberto-Eco-Klassiker in der Hand, entscheidet sich aber dann fürs gelbe Reclam-Heftchen „Das Käthchen von Heilbronn“.

Foto: Martin Horn / FUNKE Foto Services

Essen.  Öffentliche Bücherschränke in Essen sind kostenlose Tauschbörsen und bei Bücherfreunden beliebt. Die meisten nehmen nicht nur, sie spenden auch.

Kristina Bossmann aus Schonnebeck ist eine Leseratte mit Haut und Haaren – und begeistert vom öffentlichen Bücherschrank am Grillotheater. An diesem Nachmittag steht sie schon wieder vor der Vitrine: aber nicht um zu nehmen, sondern um zu geben. Und das reichlich. Suzanne Collins’ Bestseller-Trilogie „Die Tribute von Panem“ und ein paar Taschenbücher stellt sie ebenso in den Glasschrank wie staubtrockene Fachbücher ihres Mannes zu Arbeitsgesetzen, Beamtenrecht und Verwaltungsgerichtsordnung. „Ich brauche zuhause eben Platz für meine Bücher“, lacht sie.

Durch die nahe Kettwiger, Essens Einkaufsstraße, schiebt sich an diesem frühen Sommernachmittag ein breiter Strom von Einkaufsbummlern. Aber auch am Bücherschrank direkt nebenan herrscht Hochbetrieb. Immer wieder treffen neue Nutzer ein, um Bücher kostenlos und anonym zu tauschen.

„Alles was ich gelesen gebe, stelle ich später wieder rein“

„Ich bin hier Stammgast und schaue alle zwei Tage, ob was Interessantes für mich dabei ist“, sagt Jörg Feller, ein gelernter Installateur aus Kray. Für den bibliophilen Trip in die Innenstadt bevorzugt er die S-Bahn. „Ist ja nur eine Haltestelle.“ Der 50-Jährige bevorzugt eigentlich Thriller, Krimis und Kriegsromane, heute hat er sich die Taschenbuchausgabe des humorigen Romans „A Long Way Down“ des britischen Popliteraten Nick Hornby aus dem Bücherschrank gefischt. Wenn er den Band gelesen aus der Hand gelegt hat, werde er ihn selbstverständlich wieder zurückgeben. „Alles was ich gelesen habe, stelle ich später wieder rein.“

Mehr als ein Dutzend öffentliche Bücherschränke gibt es zwischen Borbeck im Norden und Heisingen im Süden, hinzu kommen vereinseigene und private. Die Mercator-Stiftung hat im Kulturhauptstadtjahr 2010 zehn Bücherschränke im Ruhrgebiet aufgestellt, der Grillo-Schrank gilt als der Vorzeigeschrank. Der Energieriese Innogy (früher RWE) hat in Essen ein halbes Dutzend weitere aufgestellt (siehe Infobox).

Innogy-Projektleiterin: „Unsere Bücherschränke sind literarische Fundgruben“

Der vorm Grillotheater feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag, er ist vor zehn Jahren aufgestellt worden. Bücherschränke sind Tauschbörsen unter freiem Himmel, Orte, an denen fremde Menschen leicht ins Gespräch kommen.

Obendrein haben Bücherfreunde und -freundinnen etwas Klassenloses an sich. Denn es sind keineswegs nur Geringverdiener, Bedürftige und (ausländische) Studenten, die Hände und Augen neugierig über die vielen Bücherrücken wandern lassen. Auch gut verdienende Leseratten werden von diesen freizugänglichen Schränken angezogen. „Unsere Bücherschränke sind literarische Fundgruben und damit Teil des kulturellen Angebots in der jeweiligen Kommune“, sagte Innogy-Projektleiterin Maria Janßen, als der Konzern vor zwei Jahren in Marienmünster den 150. Schrank aufstellte.

„Der Bücherschrank vor dem Grillotheater ist zentral gelegen, deshalb bin ich bis zu dreimal pro Woche hier“, verrät Eva Spiegel aus Überruhr. Sie kenne nahezu alle öffentlichen Bücherschränke in Essen. Der in der Viehofer sei häufig leer und biete zuviel Konsalik, winkt sie ab. „Der in Haarzopf hingegen ist von allen der Vollste.“ Sie selbst bevorzugt Krimis und Science Fiction, populäre Naturwissenschaften und anspruchsvolle Romane. „Dieses Mal habe ich aber nichts gefunden“, sagt sie achselzuckend und holt aus ihrem Einkaufsbeutel den „Polarsommer“ hervor – ihre Buchspende für heute.

Ehrenamtliche Paten wie Wolfgang Nötzold sind die Stützen der Bücherschrank-Idee

Ohne ehrenamtlich tätige Paten würde das System Bücherschrank kaum funktionieren. In Essen kümmert sich Pate Wolfgang Nötzold (72) um mehrere Bücherschränke gleichzeitig. „Ich schaue zwei, dreimal die Woche vorbei, rücke die Bücher gerade, sortiere und säubere“, sagt der pensionierte Lehrer.

Die zweite Aufgabe sei nun,die Schränke zu „befüttern“. „Seitdem sich herumgesprochen hat, dass er Bücherschrank-Pate ist, erhält er kartonweise Nachschub meistens aus privaten Haushaltsauflösungen. Für besonders reichen und stetigen Nachschub sorge das Diakoniewerk Neue Arbeit. „Das ist der Renner“, staunt Nötzold. Was läuft gut, was weniger? „Sie können reinstellen, was Sie wollen – alles läuft“, erwidert er. Ob 20 Bände Karl May oder einen halben Meter Arztromane, das gehe alles weg. Immer wieder finden sich längst vergriffene Titel in den öffentlichen Schränken.

Zurück zum Bücherschrank am Grillo. Sylvia Grytt aus Borbeck hält ein gelbes Reclam-Heftchen in der Hand: „Das Käthchen von Heilbronn“. „Bücherschränke sind eine tolle Idee, man bekommt Anregungen und Lust aufs Lesen.“ Was auffällt, der Schrank ist ständig in Benutzung. Ein älteres Ehepaar legt sechs Bände rein, er nimmt eins raus: Konsaliks „Arzt von Stalingrad“.

„Ein Buch mehrfach zu lesen, das ist wie gute alte Freunde zu treffen“

Kristina Bossmann, die Leseratte, hat ein Arbeitszimmer voller Bücher. „Gute Bücher behalte ich natürlich“, sagt sie und erwähnt, dass sie eine Wiederleserin sei. „Ein Buch mehrfach zu lesen, das ist wie gute alte Freunde zu treffen.“ Als sie zu Ende gesprochen hat, kommt eine Frau mit einem Fahrrad angeradelt. Sie schaut kurz in die Vitrine, packt rasch drei Bände in ihren Jutebeutel und fährt sofort weiter. Kristina Bossmann freut sich: Ihre „Tribute“-Spende hat im Nu eine neue Besitzerin gefunden.

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