VHS-Rundgang

Mit dem Historiker auf Spurensuche in Essen-Katernberg

Die Villa Bullmann an der Gelsenkirchener Straße in Essen-Katernberg. Der Erbauer war ein aufstrebender Bauunternehmer.

Die Villa Bullmann an der Gelsenkirchener Straße in Essen-Katernberg. Der Erbauer war ein aufstrebender Bauunternehmer.

Foto: Socrates Tassos

Essen-Katernberg.  VHS-Seminarleiter Werner Krisp führte bei einem Rundgang durch das unbekannte Katernberg: vom „Königreich Beisen“ bis zu den „Golanhöhen“.

Sonniges Herbstwetter begleitete die 20 Interessierten durch Katernberg, das Lokalhistoriker Werner Krisp mal ganz anders vorstellte. Er ist Mitglied im „Geschichtskreis Stoppenberg“ an der Volkshochschule und überraschte die Teilnehmer mit so manchem, in Vergessenheit geratenen Detail.

Mit der Frage „Wissen Sie eigentlich, wie die Gelsenkirchener Straße früher hieß?“ zog er die kleine Gruppe direkt am Startpunkt in der Nähe der Zeche Zollverein in den Bann. Die Antwort darauf sollte jedoch noch auf sich warten.

Bullmann war ein alteingesessener Katernberger

Zunächst geht es von der Gelsenkirchener Straße über einen kleinen, mit Laub bedeckten Waldweg zur Villa Bullmann. „Bullmann, ein alteingesessener Katernberger, war früher ein aufstrebender Bauunternehmer, dem fast die ganze Straße gehörte“, erklärt Krisp der Gruppe. Und fügt später noch hinzu: „Das Gitter vor seiner Villa stand übrigens ursprünglich an der Villa Hügel. Das hat er wohl im Zuge eines Umbaus einfach mitgenommen.“

Den nächsten Stopp legt der Historiker am ältesten Haus Katernbergs ein: dem Dortmannhof. „Der Hof stammt aus dem Jahre 1791 und hat als einer der wenigen die stürmische Zeit der Industrialisierung überdauert.“

Bergarbeiter lebten im Pestalozzidorf

Und apropos: „Wer weiß eigentlich, was es mit dem Pestalozzidorf auf sich hat?“ Kopfschütteln in der Runde, nur eine Dame meldet sich zu Wort: „Hier wurden Anfang der 50er-Jahre junge Männer angeworben, um sich zum Bergmann ausbilden zu lassen.“ Diese wurden dann nach der Idee des Schweizers Johann Heinrich Pestalozzi von Katernberger Familien aufgenommen.

Bunte Wandmalereien auf einer Stützmauer

Am Zollverein-Schacht 3/7/10 vorbei laufen die Teilnehmer Richtung Grundstraße, an dem es eine Treppe hinunter geht. An dessen riesiger Stützmauer erregen die großen, bunten Wandmalereien der Künstlerin Moni van Rheinberg Aufmerksamkeit.

Große Augen machen die Wanderer auch, als Historiker Krisp ihnen von einem besonderen Haus erzählt, das in der sogenannten „Kolonie Beisen“ steht. „Diese galt damals als kommunistische Hochburg. Bis 2000 war auf dem Haus der Wahlaufruf für 1932 ‚Wählt Thälmann‘ zu sehen.“ Nebenbei erwähnt Werner Krisp immer wieder Kneipen, die früher zu jeder Uhrzeit geöffnet hatten, damit die Bergarbeiter nach ihrer Schicht dorthin kommen konnten.

Volksmund sorgte für den Namen „Golanhöhen“

Den nächsten Halt macht die Gruppe in der Nähe einer Kleingartenanlage. „Vor dessen Herrichtung wurde das Gelände mit U-Bahn-Aushüben gefüllt, so dass es im Volksmund nach den im Palästinakrieg umkämpften ‚Golanhöhen‘ benannt wurde“, so VHS-Seminarleiter Krisp.

Die Führung endet in der Kirche Heilig Geist, die von Gottfried Böhm, dem Sohn des berühmten Kirchenbauers Dominikus Böhm, erbaut wurde. „Aufgrund von eventuellen Bergschäden baute Böhm die Kirche zeltartig“, verrät Krisp. „Jeden Tag fahre ich hier vorbei, aber ich habe dabei noch nie auf die außergewöhnliche Architektur geachtet“, staunt Teilnehmerin Anneliese Laux aus Stoppenberg.

Auch Christine Werner ist zufrieden: „Da habe ich noch einiges über meinen Stadtteil gelernt.“ Und Ehepaar Kindl aus Velbert fragt ihren Schwiegersohn, der stolzer und alteingesessener Katernberger ist: „Na, wie hieß denn die Gelsenkirchener Straße früher?“ Die Antwort lautet: Provinzialstraße.

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