Theater-Spielplan

Neue Spielzeit: Schauspiel Essen will „Geschichte schreiben“

Präsentieren das Programm der Spielzeit 2019/20 im Essener Grillo-Theater (v. li.): die Dramaturgen Florian Heller, Judith Heese, Vera Ring und Intendant Christian Tombeil.

Präsentieren das Programm der Spielzeit 2019/20 im Essener Grillo-Theater (v. li.): die Dramaturgen Florian Heller, Judith Heese, Vera Ring und Intendant Christian Tombeil.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Schauspiel Essen freut sich über glänzende Auslastungszahlen. In der neuen Saison geht es auch um historische Ereignisse und politische Umbrüche.

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen.“ Das Zitat des argentinischen Autoren und Gestalttherapeuten Jorge Bucay steht nicht von ungefähr dem neuen Spielzeit-Programm des Schauspiel Essen voran. Geschichten erzählen, um Geschichte zu begreifen – darum soll es in der kommenden Spielzeit unter dem Motto „Geschichte schreiben“ gehen.

Nicht nur historische Ereignisse wie der 100. Jahrestag des Ruhraufstands im März 2020 oder der 30. Jahrestags des Mauerfalls bieten dabei Anlässe, über Fragen von Teilung und Vertreibung, über pseudo-tolerante „Biedermänner“ und das neuerliche Erstarken rechter Kräfte nachzudenken. Der Spielplan mit 13 Neuinszenierungen sorgt für ein breites Spektrum an Themen und aktuellen Bezügen. Dabei wird das Phänomen der Reichsbürger ebenso beleuchtet wie das nach wie vor drängende Problem des Analphabetismus in Deutschland.

13 Neuinszenierungen im Spielplan

Dass man mit dem Mix aus modernen Klassikern, Gegenwartsliteratur und Projekten den Nerv des Publikums trifft, beweisen die Auslastungszahlen der aktuellen Spielzeit. Mit derzeit 93,5 Prozent Auslastung steuert das Schauspiel Essen auf ein Rekordergebnis zu. Nach einer inhaltlich und ästhetisch anspruchsvollen Jubiläums-Spielzeit in 2017/18 hatte sich der laufende Spielplan allerdings auch etwas konventioneller präsentiert – offenbar nicht zum Schaden der Besucherzahlen. 2019/2020 hingegen probiert man auch wieder viel Neues – neue Spielorte, neue Kooperationspartner und neue Theaterformate. Denn auch finanziell befindet sich das Haus im Aufwind: Dank zusätzlicher Mittel aus dem Theaterförderung des Landes und erklecklichen Sponsorenmitteln konnte die Zahl der Produktionen von zuletzt elf wieder auf 13 hochgefahren werden.

Songs von Cohen, Cash und Clapton

Zum Saisonstart bietet das Dramaturgen-Team um Intendant Christian Tombeil dabei zunächst Bewährtes: Nach „Biografie. Ein Spiel“ steht mit „Biedermann und die Brandstifter“ das zweite Stück von Max Frisch auf dem Spielplan. Moritz Peters inszeniert die „Parabel auf ein Bürgertum, das aus Höflichkeit, Vorsicht und Schuld unfähig ist, Totalitarismus zu widerstehen“, sagt Dramaturg Florian Heller, der in der neuen Spielzeit auch einen eigenen Stoff als Uraufführung beisteuert. „After Midnight“ ist eine Geschichte voller großer Gefühle und unsterblicher Musik von Eric Clapton, Johnny Cash und Leonard Cohen, die man am besten am Tresen einer Bar im amerikanischen Niemandsland erklingen lässt. Theaterchef Christian Tombeil inszeniert den Abend.

Ein Theatervergnügen mit viel Musik verspricht auch „Hinter verzauberten Fenstern“, eine geheimnisvolle Adventsgeschichte von „Tintenherz“-Autorin Cornelia Funke, die Familienstück-Expertin Anne Spaeter inszeniert. Regisseur Thomas Krupa, mit Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ in Essen höchst erfolgreich, setzt in der Schauspiel-Box den Theatermonolog „Der Reichsbürger“ von Annalena und Konstantin Küspert in Szene. 60 Jahre deutscher Geschichte vom Nationalsozialismus bis in die Gegenwart verdichtet Marius von Mayenburg in „Der Stein“ zu einem spannenden Familiendrama, Elina Finkel inszeniert.

Wut, Verbitterung und politische Resignation

Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer bringt nach Robert Menasses Europa-Roman „Die Hauptstadt“ diesmal einen fast unbekannten Brecht auf die Bühne: „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und reich gesellt sich gern“ ist der Titel dieses „Greuelmärchens“ mit Musik von Hanns Eisler, das sich mit Machtmechanismen des Hitlerregimes und von Diktaturen im Allgemeinen beschäftigt. Thomas Ladwig wird mit seiner Bühnenfassung von Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun? von der Wut, Verbitterung und politischen Resignation des gesellschaftlichen Verlierers erzählen. Karsten Dahlem macht in der Casa aus Henrik Ibsens „Peer Gynt“ eine Figur, die mit ihrer Ich-Bezogenheit und Flucht vor Verantwortung auch heute zu uns spricht. Um Krieg und sexuelle Gewalt geht es in Heinrich von Kleists „Die Marquise von O .. . „ Christopher Fromm inszeniert.

Wie man Welterfolge zu einem Live-Animations-Erlebnis macht, hat das Künstlerkollektiv Sputnic bereits mit „Metropolis“ vorgemacht. Die Uraufführung von „INF2erno“ stützt sich diesmal auf Dantes Versdrama „Die Göttliche Komödie“. An der Schnittstelle von Theater und Computerspiel arbeitet auch das Medientheaterkollektiv Machina Ex“. Das Problem des Analphabetismus thematisieren die preisgekrönten Bühnengamer mit „Sign Here“ – und schicken das Publikum vom Außenspielort an der Maxstraße zum papierlastigen Behördengang.

Als deutsch-polnische Kooperation geht schließlich „Arbeiterinnen“ an den Start. Das theatrale Porträt von drei Frauengenerationen aus Arbeiterfamilien im Ruhrgebiet und in Niederschlesien wird zunächst bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen gezeigt und dann erst in Essen.

<<DIE PREMIEREN DER SPIELZEIT 2019/2020

  • Biedermann und die Brandstifter, von Max Frisch, Regie: Moritz Peters. Premiere: 20.9., Grillo-Theater.
  • Der Reichsbürger, von A. und K. Küspert, Regie: Thomas Krupa, Premiere: 21.9., Box.
  • Sign Here, theatrales Adven­ture-Game von Machina ex, Uraufführung: 28.9., Maxstraße 54.
  • Der Stein, von Marius von Mayenburg, Regie: Elina Finkel, Premiere: 26.10., Grillo.
  • Hinter verzauberten Fenstern, von Cornelia Funke, Regie: Anne Spaeter, Premiere: 16.11., Grillo.
  • Peer Gynt, von Henrik Ibsen, Regie: Karsten Dahlem, Premiere: 13.12., Casa.
  • After Midnight, mit Songs von Cash bis Cohen, Regie: Christian Tombeil, Uraufführung: 14.12., Grillo.
  • Kleiner Mann – was nun?, nach Hans Fallada, Regie: Thomas Ladwig, Premiere: 28.2.2020, Grillo.
  • „INF2erno“ , nach Dantes „Die göttliche Komödie“, Inszenierung: Nils Voges, Premiere: 29.2., Casa.
  • Die Marquise von O . . . , nach H. von Kleist, Regie: Christopher Fromm, Premiere: 24.4., Casa.
  • Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und reich gesellt sich gern, von Bertolt Brecht, Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Premiere: 25.4., Grillo.
  • Arbeiterinnen, Regie: Julia Roesler, Uraufführung: 28.5. Ruhrfestspiele Recklinghausen.

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