Rot-Weiss Essen

Nach Fan-Gewalt im Zug warnt RWE-Chef vor Pauschal-Urteil

Einsatzhundertschaft der Bundespolizei auf dem Hauptbahnhof: Wenn gewaltbereite Fußballfans unterwegs sind, ist  in der Regel ein Großaufgebot an Einsatzkräften nötig. Unser Archivbild stammt aus dem Jahr 2014.

Einsatzhundertschaft der Bundespolizei auf dem Hauptbahnhof: Wenn gewaltbereite Fußballfans unterwegs sind, ist in der Regel ein Großaufgebot an Einsatzkräften nötig. Unser Archivbild stammt aus dem Jahr 2014.

Foto: Stephan Eickershoff / Foto Funke Service

Essen.  Nach mutmaßlichem Angriff von Fans auf Kurden will Rot-Weiss Essen das Ermittlungsverfahren abwarten. Friedliche Fans kritisieren Polizei.

Vier Tage nach den mutmaßlichen Angriffen von RWE-Fans im Regionalexpress RE1 bei Düsseldorf steht nach Angaben der Bundespolizei fest, dass fünf Kurden geschlagen wurden, einer von ihnen habe einen Nasenbeinbruch erlitten. Bei friedlichen RWE-Fans an Bord des RE1 ist unterdessen Kritik am Vorgehen der Polizei laut geworden. RWE-Chef Marcus Uhlig sagt: „Ich verwehre mich energisch gegen ein vorschnelles Pauschal-Urteil über alle RWE-Fans.“

Anstatt den Sachverhalt „vorschnell und reflexartig“ zu kommentieren, bemühe er sich, ein genaues, differenziertes Bild zu bekommen. Uhlig spricht von „unterschiedlichen und zum Teil widersprüchlichen Aussagen über den Sachverhalt insgesamt und den Auslöser der Provokationen“.

Der Polizei lägen jeweils eine Anzeige wegen Körperverletzung und Landfriedensbruch vor, so der Düsseldorfer Bundespolizei-Sprecher Armin Roggon am Dienstag. Am Sonntag hatte eine Sprecherin der Bundespolizei in St. Augustin von insgesamt fünfzig Anzeigen gesprochen. Aus Sicht des RWE-Chefs erzeuge die Formulierung „50 Strafanzeigen“ jedoch ein falsches Bild. Denn es seien pauschal die Personalien aller Fans aufgenommen worden, die sich in dem betreffenden Zugabteil aufhielten. „Die an den Auseinandersetzungen beteiligte Gruppe von RWE-Fans soll deutlich kleiner gewesen sein und vier bis fünf Personen umfassen“, berichtet Uhlig.

Friedlicher RWE-Fan möchte nicht mit den Gewalttätigen in einen Topf geworfen werden

Weil sich die mutmaßlichen Gewalttätigkeiten gegen Kurden gerichtet hätten, prüft die Bundespolizei Düsseldorf, ob eine rechte bzw. fremdenfeindliche Gesinnung das Tatmotiv der Fans gewesen sein könnte.

Etliche Rot-Weiss-Fans, die im RE1 saßen, halten das Vorgehen der Polizei für überzogen. „Allenfalls ein Fünftel der 120 RWE-Fans, die aus dem Zug geholt wurden, waren Problemfans“, schätzt Augenzeuge Markus R. (50) aus Altenessen, der mit seinem Sohn (25) unterwegs war. Er wehrt sich entschieden dagegen, dass der große, friedliche Teil der Fans nun mit den Gewalttätigen in einen Topf geworfen werde.

Markus R. berichtet, in dem Doppelstock-Waggon direkt hinter der Lok gewesen zu sein. Auch die fünf übrigen Wagen seien proppenvoll gewesen – mit regulären Bahnreisenden, den Fans des Essener Regionalligisten und den Rückkehrern der Kölner Kurden-Demo. Von den mutmaßlichen Angriffen der Fans auf Kurden habe er nichts mitbekommen.

„Ein Fan-Schal reichte aus, um erkennungsdienstlich behandelt zu werden“

Die 120 RWE-Fans, darunter sogar ein betagtes Ehepaar, so fügt Markus R. hinzu, seien beim Stopp am Fernbahnhof von der Polizei regelrecht selektioniert worden. „Ein Fanschal oder ein Halstuch mit RWE-Emblem reichten aus, um erkennungsdienstlich behandelt zu werden.“ Es seien Kessel gebildet worden gesäumt von Polizisten und Mannschaftswagen. „Die meisten Fans wussten überhaupt nicht, worum es bei der Polizeiaktion ging und warum sie da stehen“. Markus R. berichtet von einem verletzten RWE-Fan, der im Gesicht blutete.

Alle 120 vorläufig Festgenommenen sind nach übereinstimmenden Darstellungen auf einem Schotterplatz neben dem Flughafen-Bahnhof erkennungsdienstlich behandelt worden. Dazu seien zwei Bearbeitungsstraßen eingerichtet worden. Von jedem Fan habe die Polizei drei Fotos angefertigt. „Ich habe mich in diesem Moment wie ein Verbrecher gefühlt“, berichtet Markus R., von Beruf IT-Spezialist. Er befürchte nun, die Fotos könnten sich in Fan-Datenbanken der Polizei wiederfinden.

Der Polizeiführer habe entschieden, alle 120 RWE-Fans zu kontrollieren, weil sehr viel Bewegung in dem langen Doppelstock-Zug geherrscht habe, so der Polizeisprecher. Diejenigen, die Straftaten begangen haben, hätten sich mühelos vom Tatort entfernen und in einen anderen Wagen begeben können. Die Bundespolizisten erhielten erhebliche Verstärkung durch eine eigene Hundertschaft, durch zwei Einsatzzüge der Landespolizei und weitere Streifenwagen.

Augenzeugin sagt: „Ich war nicht betrunken, ich war nicht gewaltbereit“

Unmittelbar betroffene RWE-Fans reagieren mit Lob und Kritik auf den Polizeieinsatz. „Mit Maschinenpistolen standen die Polizisten vor uns. Ich war nicht betrunken, ich war nicht gewaltbereit“, schreibt Christiane S. bei Facebook. Augenzeugin Helga Sch. hingegen findet: „Die Polizisten haben sich richtig verhalten. Die meisten Fans waren total betrunken – unter ihnen auch Frauen. In dem schlimmsten Waggon ging es hoch her und es riefen viele um Hilfe. Kam mir vor wie im falschen Film.“

Rot-Weiss Essen distanziert sich „von jeglicher Form von Gewalt und Diskriminierung“, will aber zunächst den Ausgang des laufenden Ermittlungsverfahrens abwarten. Marcus Uhlig: „Eine abschließende Bewertung inklusive Konsequenzen kann erst dann erfolgen, wenn wir gesicherte Informationen über den Sachverhalt und mögliche Täter haben.“

Leserkommentare (7) Kommentar schreiben