Prozess

Mutter tot gefahren: Bewährung und Führerschein zurück

Am 4. Juli 2018 wurde eine 31-jährige Frau von einem Container-Lkw erfasst und mitgeschleift. Sie erlag noch vor Ort ihren schweren Verletzungen.

Am 4. Juli 2018 wurde eine 31-jährige Frau von einem Container-Lkw erfasst und mitgeschleift. Sie erlag noch vor Ort ihren schweren Verletzungen.

Foto: Stefan Witte

Essen  Mit seinem Müllwagen überfuhr er eine Mutter und tötete sie. Vor Gericht bekam er Bewährung und den Führerschein zurück.

Der Essener Müllwagenfahrer, der beim Abbiegen eine Mutter und ihre siebenjährige Tochter übersah und die 31-Jährige tötete, ist am Freitag vom Amtsgericht Essen zu eineinhalb Jahren Haft mit Bewährung verurteilt worden. Er muss 5000 Euro Schmerzensgeld an den Witwer zahlen und bekommt seinen Führerschein zurück. Richterin Monique Dreher sprach von einem „besonders tragischen Unfall“ und einem Augenblicksversagen des 50 Jahre alten Fahrers.

In einer ersten Reaktion reagierte der 42 Jahre alte Mann der Getöteten erbost: „Da kann ich alle tot fahren und bekomme den Führerschein zurück.“ Gegen das Strafmaß hatte seine Anwältin Iris Dreßen dagegen nichts einzuwenden: „Selbstverständlich war es kein Vorsatz. Es sollte zu einer Bewährung kommen.“ Allerdings hatte auch sie sich gegen die Rückgabe des Führerscheins ausgesprochen.

Kein Richterspruch bringt die 31-Jährige zurück

Es war ein Urteil, das niemanden zufrieden machen konnte. Da ist die Familie der Getöteten, der kein Richterspruch die 31-Jährige zurückbringt. Und da ist auf der anderen Seite der Angeklagte, der durch seinen Fehler fürs Leben gestraft sein wird.

Am 4. Juli vergangenen Jahres hatte er gegen acht Uhr morgens in Altenessen mit seinem Müllwagen der Entsorgungsbetriebe Essen (EBE) von der Joseph-Hoeren-Straße in die Stauderstraße einbiegen wollen. Ein Kollege im Gegenverkehr wartete und ließ ihm eine Lücke. Die hatte der Angeklagte genutzt, ohne auf die Mutter mit ihrer Tochter zu achten. Fast hatten die beiden den Bürgersteig schon erreicht, da erfasste der Lkw die 31-Jährige. Geistesgegenwärtig hatte sie ihre Tochter noch nach vorne stoßen können und ihr so das Leben gerettet.

Unfall mit 18 km/h war völlig vermeidbar

Verkehrsgutachter Martin Kühn hatte am Freitag verdeutlicht, dass der Unfall für den Angeklagten vermeidbar war. Mit 18 km/h Geschwindigkeit hatte er die Frau erfasst. Durch sein Seitenfenster hätte er sie und ihre Tochter so rechtzeitig wahrgenommen, dass er seinen Lkw 8,9 Meter vor den beiden gestoppt hätte. Kühn: „Es war völlig vermeidbar.“

Von „Augenblicksversagen“ sprechen die Juristen. Aber welch schreckliche Folgen hatte es an jenem 4. Juli? Der Witwer erinnert daran, wie mühsam die körperlichen Verletzungen der Siebenjährigen verheilen und wie seine Kinder, nicht nur die Verletzte, leiden: „Sonst haben sie ihr am Muttertag das Frühstück gemacht. Jetzt haben sie ihr Blumen aufs Grab gestellt.“ Und er klagt über den Arbeitgeber des Angeklagten, „die EBE, dieser Laden. Die fegt das unter den Tisch als Bagatelle. Es ist nicht einmal gefragt worden, wie geht es dem Kind.“

Staatsanwältin beantragt Rückgabe des Führerscheins

Doch es ist über die Schuld des Angeklagten zu richten. Staatsanwältin Elke Hinterberg beantragt die Rückgabe des Führerscheins, damit er wieder mehr Geld verdienen kann: „Weil es mir wichtig ist, dass er das Schmerzensgeld zahlt.“ Verteidiger Carsten Engel spricht von einer „furchtbaren Tragödie“. Richterin Dreher schließlich urteilt, dass es sich beim Angeklagten nicht um einen Verkehrsrowdy handelt, sondern um einen Mann, der den einen schrecklichen Fehler begangen hat.

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