Lesefest

Lit.Ruhr sorgt für lustvolle Beleidigungen auf offener Bühne

Beherrschen die hohe Kunst der Beleidigung: Schauspieler Bjarne Mädel (li.) und Kabarettistin Cordula Stratmann in der Lichtburg.

Beherrschen die hohe Kunst der Beleidigung: Schauspieler Bjarne Mädel (li.) und Kabarettistin Cordula Stratmann in der Lichtburg.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Bjarne Mädel und Cordula Stratmann sorgen für erlesenen Zoff, während Grünen-Politiker Boris Palmer für weniger Panik beim Klimaschutz plädiert.

Wenn sich eine Politikerin wie Renate Kühnast, mittlerweile sogar juristisch legitimiert, als „grünes Dreckschwein“ bezeichnen lassen muss, dann sind verbale Ausfälligkeiten vielleicht auch mal ein Thema für ein Literaturfest wie die Lit.Ruhr. Zwar betitelt man sich in literarischen Kreisen noch halbwegs diskret als „Du Gesäß!“ Doch was hinten und vorne rauskommt, wenn man so richtig in Fahrt gerät, darüber ließen sich Kabarettistin Cordula Stratmann und Schauspieler Bjarne Mädel („Tatortreiniger“) bei aller Boshaftigkeit doch gewohnt gut gelaunt in der Lichtburg aus.

Im Club der Beleidigten trafen die beiden an diesem Abend auf Autoren wie Dave Eggers und Anton Tschechow, auf Funny van Dannen und Rolf Dieter Brinkmann, dessen Hassrede auf Köln („ein mieses, katholisch verseuchtes, verpestetes Stückchen Erde“), beim Auftritt von Stratmann/Mädel auf der Lit.Cologne in diesem Frühjahr wohl noch für stärkere Reaktionen gesorgt haben dürfte.

Desensibilisierung gegen Miesepetrigkeit und Daueraufgebrachtsein

Aber gemeinsam kopfschütteln darf man an diesem Abend doch oft: über spießige Stadtväter, die sich in flammenden Beschwerdebriefen über Thomas Bernhards Augsburgsschelte in „Macht der Gewohnheit“ wehren; über die ganzen Trottel, die im Flughafen immer zu nah am Gepäckband stehen oder einem an der Bushaltestelle den Zigarettenqualm ins Gesicht blasen. Bis man sich irgendwann fragt: Ist das Literatur oder reicht auch schon der gespielte Gag? So gerät Alltägliches und Ärgerliches zur heiteren Desensibilisierung gegen chronische Miesepetrigkeit und Daueraufgebrachtsein, ohne dabei allzu tief in die echten Abgründe literarischer Benimm-Ausfälle zu blicken.

Während in der ausverkauften Lichtburg also aus der hohen Kunst der Beleidigung eine Lektion für mehr Gelassenheit wurde, berichtete der Grünen-Politiker Boris Palmer vor handverlesenem Publikum im Tagungssaal der Messe Essen, wie das Beleidigen im echten Politikerleben vonstatten geht. Eben erst hat sich Tübingens Oberbürgermeister nach seinem in Boulevard-Großbuchstaben formulierten Rat „Liebe Greta, keine Panik“ als Klimawandelleugner schelten lassen müssen, wieder mal verbunden mit der Aufforderung, doch lieber zur AfD zu gehen. Dass es um die „Kunscht der Differenzierung“, die Palmer treuherzig propagiert, da draußen derzeit nicht besonders gut bestellt ist, weiß auch der schwäbische Politiker, dessen provokante Thesen nicht nur seine grünen Parteifreunde oft und gerne auf die Palme bringen.

Um Wunsch und Wirklichkeit geht es also an diesem Abend und um die Erkenntnis, dass die Wirklichkeit von den Menschen manchmal anders empfunden wird als es die Statistiken belegen – beim Klima wie bei der Flüchtlingspolitik. „Erst die Fakten, dann die Moral“ heißt deshalb sein neues Buch, in dem Palmer auch den Moralismus seiner eigenen Partei aufs Korn nimmt. Wer seine Wähler nur ständig zu besseren Menschen erziehen wolle, statt auch mal die ein oder andere unbequeme Wahrheit auszusprechen, der müsse damit rechnen, „dass die anderen immer stärker werden“, schickt der 47-Jährige seine Mahnung an diesem Abend auch „in die Herzkammer der Sozialdemokratie“, ins Ruhrgebiet. Immerhin: Als er in einer kleinen Publikumsumfrage ermittelt, wer der Politik von Ort denn mehr traue als der in Berlin, gehen bei der Kommunalpolitik immerhin noch dreimal so viel Hände hoch.

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