Wolkenkratzer

Leben und Arbeiten in den höchsten Bauwerken der Stadt Essen

Die Skyline von Essen entstand in ihren Grundzügen bereits in den frühen 1960er Jahren. Somit konnte die Stadt als erste deutsche Kommune mit einer Skyline aufwarten, die ihr Gesicht definierte.

Foto: Matthias Graben

Die Skyline von Essen entstand in ihren Grundzügen bereits in den frühen 1960er Jahren. Somit konnte die Stadt als erste deutsche Kommune mit einer Skyline aufwarten, die ihr Gesicht definierte. Foto: Matthias Graben

Essen.   Die höchsten Bauwerke Essens sind so vielfältig wie ihre Bewohner. Sie geben der Stadt ein Gesicht. Hinter den Fassaden warten spannende Geschichten.

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Denken Sie einmal einen Moment lang an Wolkenkratzer. Bestimmt sind es die Bilder der "Skyscraper" in Manhattan, die Ihnen als erstes durch den Kopf gehen. Stählerne Kolosse voller Tradition und doch Inbegriff moderner Architektur. Oder die Super-Bauten in China, Shanghai oder den arabischen Scheichstaaten, gläserne Paläste, deren Spitze mit dem Himmel zu verschmelzen scheint. Doch denken Sie auch einmal an Deutschland? Natürlich Frankfurt, Wohnsitz der Banken und Finanzen, Keimzelle der großen Konzernzentralen mit ihren noch größeren Schaltzentralen.

Doch hätten Sie es gewusst? Noch bevor in Frankfurt am Main die ersten Hochhäuser gen Himmel wuchsen und zum Inbegriff der deutschen Bank- und Börsenmetropole wurden, war es eine Stadt im Ruhrgebiet, die sich aufmachte, als erste Kommune in Deutschland mit einer Skyline ein Gesicht zu geben.

Essen, Anfang der 1960er Jahre: Das Büro-Ensemble an der Kruppstraße, mit dem Rheinstahl-Haus (heute Thyssen-Krupp), dem ehemaligen AEG-Gebäudekomplex, der RWE-Zentrale und dem heutigen Postbank-Hochhaus, überragt die umliegenden Gebäude mühelos, trotzt den Fördertürmen der Zechen und den Schloten der Stahlindustrie-Giganten. Einzigartig neuartig war das damals, wie Denkmalpflegerin Tanja Seeböck in einem Vortrag erklärte: "Essen legte als erste Stadt Deutschlands den Grundstein für die Entstehung einer Skyline - Frankfurt folgte 1962.“

Essens Skyline – Zwischen Metropolen-Träumen und Schulden-Realität

Grund genug also, sich die Gebäude einmal genauer anzuschauen. So prägend sie doch für die Geschichte der Stadt waren, so einmauernd zwischen Strukturwandel und Metropolen-Träumen, zwischen verheißungsvollen Plänen und bitterer Großstadt-Schulden-Realität.

In den 1960er Jahren noch auf das Essener Südviertel beschränkt, wuchsen die Hochhäuser bald überall in der Stadt, Quartiere von Energiekonzernen in Rüttenscheid, Wohnraum-Giganten in Steele und schließlich der gläserne Koloss des RWE-Towers. 162 Meter in der Spitze, mit der Spitze hoch.

Rathaus Essen – Herz der Stadt(-Verwaltung) 

Das Amt für Ratsangelegenheiten im zweiten Stock, darüber das Amt für Verkehrs- und Baustellenmanagement, die Behindertenberatung und Bürgerberatung, die Bezirksvertretung im Erdgeschoss, die Stadtentwicklung im siebten, die Finanzbuchhaltung und das Stadtsteueramt hoch oben im 17., 18., 19. und 20. Stockwerk, einer repräsentativen Aussichtsplattform mit Panorama-Blick über das Revier im 22. Stock und, und, und.

Alle 27 Abteilungen aufzuzählen, die im Bauch des Essener Rathaus Platz gefunden haben, würde wohl diese Hochhaus-Seite sprengen. Und daher belassen wir es bei den groben Fakten: Mit 106 Metern Höhe und 23 Stockwerken ist das Gebäude das zweithöchste Gebäude der Stadt und auch deutschlandweit noch auf Platz 58 der größten Hochhäuser zu finden.

Ebenfalls spitze: Es kann sich mit dem Titel "höchstes Verwaltungsgebäude und Bürgermeistersitz aller Kommunen der Bundesrepublik" schmücken. 1400 Beamte und Angestellte gehen im Beton-Koloss am Porscheplatz 1 tagtäglich ihrer Arbeit nach. Und schon hinter der "Y-Form" des Gebäudes verbirgt sich eine Geschichte.

Eigentlich sollten es „Zwillings-Türme“ werden

Seit 1964 und dem Abriss des dritten Essener Rathauses an der Südseite des alten Flachsmarktes hatte die Stadt keinen zentralen Verwaltungsbau vorzuweisen. Der Rat und seine Fraktionen zogen übergangsweise in das Krayer Rathaus ein - ein Zustand, der für eine Groß- auf dem Weg zur Millionenstadt nicht lange beibehalten werden sollte.

Als die Stadtobersten 1975 Architektur-Büros damit beauftragten, einen Entwurf für die künftige Verwaltungszentrale vorzulegen, gewann der Darmstädter Theodor Seifert mit seinen „Zwillingstürmen“ den Wettbewerb. Mehr noch, er wurde noch im selben Jahr vom Düsseldorfer Landtag mit einem Architekturpreis für seine, dem Worl-Trade-Center ähnelnde, Arbeit ausgezeichnet. Dass alles ganz anders kam, lag schließlich wie so häufig am Geld. Und es war schlicht „zu unpraktisch“, eine Verwaltung in zwei Gebäude unterzubringen, wie es damals aus Politikerkreisen hieß.

189 Millionen D-Mark werden zu 60.000 Kubikmeter Beton und 6500 Tonnen Stahl

Dennoch ließ sich die Stadt das nun als großes Ypsilon geplante Gebäude 189 Millionen D-Mark kosten. Nachdem am 1. Juli 1975 der erste Spatenstich vollzogen und vier Jahre später im November die offizielle Eröffnung gefeiert wurde, hatte die Stadt ihr neues Rathaus der Superlative: 60.000 Kubikmeter Beton, 6500 Tonnen Baustahl ragten in den Essener Himmel, 360 Kilometer Stromkabel wurden das Kapillar-System der behördlichen Informationskreislaufes und verbanden die 1100 Büro-Computer miteinander und mit der Außenwelt.

Alles im Rathaus Essen protzt daher auch immer ein wenig mit Überdimensionen, in einer Zeit entstanden, in der Essen eine Führungsrolle innerhalb der Ruhrgebiet-Städte belegte. Alles musste groß, oder besser noch größer sein. Heute wirkt das Riesen-Hochhaus, ähnlich wie das Gruga-Bad, wie ein Relikt aus alten Tagen, guten Tagen, in einer immer weiter schrumpfenden Großstadtwelt.

Doch zeigt sich im Rathaus auch, wie sich die größte Herausforderung der Ruhrgebietsmetropolen lösen lassen kann: der Strukturwandel. Wie ein bleiernes Erbe liegt im Foyer ein 2,8 Tonnen schwerer Kohleblock. Es war das größte Kohlestück, das aus den Essener Zechen je gefördert wurde. Und ist somit gleichzeitig die Erinnerung an eine wirtschaftlich blühende Vergangenheit. Eine Zeit, die es nicht mehr gibt. Das Zechenland Ruhrgebiet musste sich neu erfinden, und hat dies als Kunst- und Kulturzentrum auch teilweise geschafft. So ist es fast sinnbildlich, dass in den Rathausbau ein Theatersaal mit 265 Sitzplätzen einquartiert wurde. So spielen neben dem politischen Theater in den Ratsälen auch echte Schauspieler auf der großen Bühne.

RWE-Turm und seine Brüder 

Sie stellen die beiden ältesten und das jüngste der Essener Hochhäuser: Die RWE-Gebäude an der Kruppstraße 5, der Huyssenallee 2 und der alles überragende RWE-Turm am Opernplatz. Aber der Reihe, oder treffender, der Größe nach:

Der RWE-Turm, erbaut zwischen Juli 1994 und Dezember 1996, überragt mit seiner 162 Meter hohen Spitze alle in Essen befindlichen Gebäude mühelos. Noch bis in eine Höhe von 120 Metern ist er auf insgesamt 30 Stockwerken zu begehen und trägt damit zurecht das Label „größtes Bauwerk der Stadt“.

Und teuer war er auch: 300 Millionen D-Mark ließ sich der Energie-Riese seine Hauptverwaltung, in der heute circa 500 Mitarbeiter ihrer Tätigkeit nachgehen, kosten. Und für einen solchen Preis sollte es mehr werden als ein plumpes Gebäude: Die äußere Form des Turmes, geschaffen von den Architekten Ingenhoven, Overdiek und Partner, ist ein 51-eckiges Polygon mit einem Durchmesser von 32 Metern.

Luftpolster sorgen für optimale Temperaturen

„Das Erscheinungsbild des RWE-Turms ist gewissermaßen der ästhetische Nebeneffekt des ökologischen Konzepts“, weiß Brigitte Lambertz zu berichten. Was die Pressesprecherin des Konzerns so vollmundig formuliert, meint einen technischen Kniff, den sich die Konstrukteure haben einfallen lassen: Innerhalb der Büros herrscht ganzjährlich ein beständiges Klima – ganz ohne dafür viel Strom zu benötigen. Luftpolster zwischen der äußeren Glasfassade machen das möglich. Und den RWE-Turm auch bei steigenden Energie-Preisen kosteneffizient. Ob RWE damals schon mit einem Atomausstieg und Energie-Umlage gerechnet hatte...?

Im Tower selbst haben sich die Mitarbeiter der RWE-AG einquartiert. Je höher man zur Spitze des Gebäudes gelangt, umso wichtiger werden die Posten der Mitarbeiter. So residiert im 25. Stockwerk und damit im höchstgelegenen Büro des Bauwerks der Vorstand, darüber findet nur noch der Besprechungsraum der Konzernführung Platz.

Doch zu besonderen Gelegenheiten räumen sie gerne auch mal ihren Stuhl. So geschehen 2009: TUSEM Essen-Spieler Philipp Pöter machte in schwindelerregender Höhe seiner damaligen Freundin einen Heiratsantrag. Damit hatte der Handballspieler auch privat seinen Höhenflug fortgesetzt.

Kruppstraße und Huyssenallee gelten als "Wirtschaftseinheit"

Von romantischen Höhenflügen zu den beiden „kleinen Brüdern“ des RWE-Turmes: Zwar werden der 85 Meter hohe Bau und das 78 Meter messende Bauwerk im Essener Südviertel vom Konzern als eine Wirtschaftseinheit betrachtet, dennoch unterscheiden sie sich besonders in einem Merkmal: ihrem Alter.

So wurde das Hochhaus an der Kruppstraße bereits 1961 errichtet und ist damit eines der ältesten Hochhäuser der Stadt. Erst 1980 kam das Gebäude an der Huyssenallee dazu. Zusammen bieten sie Platz für 3500 Mitarbeiter auf 88.000 Quadratmetern Bürofläche. Die Konzernzweige RWE Generation und RWE Deutschland sind hier untergebracht.

Einst Stadion für Pöhler, nun Spielplatz der E.ON-Verwaltung 

Das jüngste der Essener Hochhäuser steht in Rüttenscheid, unweit vom Messegelände der Gruga. Seit 2008 geplant, bezogen 2500 Mitarbeiter des Unternehmens bereits zwei Jahre später ihre Büros am Brüsseler Platz. Mit 63 Metern Höhe und 15 Etagen ist der Bau des JSK-Architektenbüros, das schon Großprojekte wie den Münchener Flughafen oder die Düsseldorfer Esprit-Arena zu verantworten hatten, das zehntgrößte Gebäude der Stadt.

200 Millionen Euro hat der Bau gekostet, dafür wartet der Verwaltungsbau mit modernster Technik auf: So senkt etwa der Einsatz von Solarenergie den Energieverbrauch für Beheizung, Kühlung und Belüftung um 40 Prozent gegenüber herkömmlichen Gebäuden.

Doch nicht nur kosten-effizient, sondern auch schick ist es geworden: Ein großes Atrium und ein ellipsenförmige Grundform, eine Menge Stahl und viele Glasflächen heben den robusten Bau von den Beton-Riesen älterer Generationen ab. Mit dem neuen Sitz in die Zukunft blicken wollte auch die Ruhrgas-AG. 2003 unter das Dach des EON Mutterkonzerns geführt, hat sie sich mit dem neuen Firmensitz von ihrer Vergangenheit befreit: Der Namenszusatz nämlich wurde hier erstmals ohne Ersatz aus der Firmenbezeichnung gestrichen.

Stadion fand niemals einen Heim-Verein

Mit dem Brüsseler Platz hat der Stromanbieter in Essen sein „Heimstadion“ bezogen. Warum dieser Fußballsprech? Weil gerade das an diesem Ort lange Zeit ein großes Problem war: 1961 nämlich errichtete die Stadt im als „Montagsloch“ bekannten Areal ein Fußball- und Leichtathletikstadion.

Nicht weniger als 40.000 Menschen fanden dort Platz, das einzige, was sich nicht fand, war ein Fußballverein dazu: Rot-Weiss Essen hatte sein Georg-Melches Stadion, die Schwarz-Weißen ihren Ulenkrug. Für das Rund im Essener Süden blieben lediglich Leichtathletik-Veranstaltungen, so etwa das deutsche Turnfest mit 40.000 Teilnehmern, sonst aber nur Sportfeiern für Schüler. Auch wenn im Stadion zwischenzeitlich ein American Football-Club seine Spiele austrug, blieb es bis zum Abriss 2001 für die die Stadt ein großes Minusgeschäft.

Dabei hätten die Bauämtler vielleicht nur etwas tiefer graben müssen. Denn hartnäckig hielt sich über Jahre das Gerücht, dass unter dem Stadion-Grün die Ausläufer einer Silbermine gelegen haben sollen. Doch auch auf Nachfrage bedauerten die Pressesprechen von EON, bislang weder auf Gold noch auf Silber gestoßen zu sein.

Evonik Campus – Das Ortseingangsschild von Essen 

Wer über die A40 gen Innenstadt angebraust oder doch meist eher angeschlichen kommt, dem ragen die großen magenta-farbenen Lettern schon aus der Ferne entgegen. Der Evonik-Campus, in seiner jetzigen Form zwischen 1996 und 1999 entstanden, mit seinen sieben Gebäudekomplexen ist für Essen, was der Signal-Iduna Park für Dortmund oder das RAG-Hochhaus für Düsseldorf ist: ein überdimensioniertes Ortseingangsschild. Dafür verantwortlich sind die Nummern fünf und zehn in der Liste der höchsten Häuser Essens: die „RellingHäuser I und II“, 17 und 21 Stockwerke hoch.

Doch auch die eher ungewöhnlichen Aktionen des Unternehmens für Spezialchemie machten die Autobahnausfahrt Zentrum zu einem nicht erwarteten Hingucker. So zierte 2007 ein riesiges gelbes Ausrufezeichen die 82 Meter hohe Fassade des Rellinghaus II. Die ehemalige Ruhrkohle AG (RAG) bekam in diesem Jahr ein neues Gesicht, und damit verbunden auch einen neuen Namen verpasst.

Ein grüner Garten im Innenhof

Doch dieser blieb zunächst ein Geheimnis. Das Ausrufezeichen, auch auf der Brust von Borussia Dortmund zu sehen, denn hier stieg das Unternehmen im selben Jahr als Hauptsponsor ein, machte das Unternehmen deutschlandweit bekannt.

1350 Mitarbeiter arbeiten auf dem Campus, den die Architekten Chapman, Taylor und Brune geplant haben. Nicht nur die zentrale Lage zum Hauptbahnhof, sondern auch ein großzügig angelegter Garten im Innenhof zeichnet das Areal um das 60 Meter hohe RellingHaus I aus. Doch anders als das den magenta-farbenen Schriftzug wird er weit weniger gesehen werden. Der öffentliche Zutritt hierhin ist nämlich nicht gestattet.

Ein Stück New York im Essener Süden – Das Postbank Hochhaus 

Das Postbankgebäude an der Kruppstraße 2 ist vieles: lange Zeit das höchste Gebäude der Stadt, erbaut nach einem berühmten Vorbild, durch Bunkeranlagen ein Hochsicherheitstrakt. Nur schön ist es nicht - oder zumindest nicht mehr - und fristet dadurch ein eher stiefmütterliches Dasein.

Doch als es 1968 errichtet wurde, galt die schlichte Architektur als zeitlos schick. Und mehr noch: Die Architekten des von der deutschen Bundespost in Auftrag gegebenen Gebäudes orientierten sich am Lever House an der Park Avenue in New York. Die Post-Beamten hatten sich somit ein kleines Stück Manhattan ins Ruhrgebiet geholt. Mit 91,59 Metern Höhe war es bis zum Bau des Essener Rathauses sogar das größte Gebäude der Stadt.

Oben Funkanlage, unten Bunkeranlagen

Hier arbeiten zunächst Mitarbeiter des Postscheckamtes, später des Postgiroamtes, ehe in den 1990er Jahren schließlich die Postbank Eigentümer wurde. Lange Jahre „zierte“ eine große Antenne die Spitze des Gebäudes, deren Funktion nicht weniger als die Abdeckung der Funknetze der Deutschen Telekom ausmachte.

Doch von ganz oben nach ganz unten: Der Postbank-Bau wurde, „der damaligen historischen Entwicklung Rechnung tragend“, mit Bunkeranlagen in den Untergeschossen ausgestattet, wie Pressesprecher Tim Rehkopf erklärt. Hier sollten im Ernstfall und bei einem Ausbruch des „Kalten Krieges“ Menschen in Sicherheit gebracht sowie der technische Betrieb des Bundesscheckamtes aufrecht erhalten werden.

Das Thyssenhaus – Mit dem Fahrstuhl gen Himmel 

80 Meter hoch, verteilt auf insgesamt 22 Etagen und somit Platz sechs in der Liste der höchsten Hochhäuser der Stadt. Und doch hat das als Verwaltungssitz der Rheinstahl AG errichtete Gebäude einen Spitzenplatz für sich behaupten können: Es ist der älteste der in der Top-Ten-Liste platzierten Wolkenkratzer in Essen.

Heute beheimatet es rund 560 Mitarbeiter von Thyssen-Krupp: Einerseits eine Abteilung, die sich auf den weltweiten Handel von Werk- und Rohstoffen, sowie Dienstleitungen für produzierendes Unternehmen konzentriert, und zum anderen, und jetzt wird es spannend, die Konzernsparte „Aufzüge“ beinhaltet. Damit ist schnell klar, was nun unumgänglich gefragt werden muss: Gab es in 43 Jahren Fahrstuhlbetrieb am Thyssenhaus je ein „Steckenbleiben“? „Uns ist nichts bekannt“, versichert Pressesprecherin Cosima Rauner. Zum Glück, nicht auszudenken, was das ansonsten für den Fahrstuhl-Verkauf des Unternehmens hätte bedeuten können.

Mitte 2014 ist der Umzug ins ThyssenKrupp Quartier geplant

Apropos Fahrstühle. Auf die Besonderheiten des Gebäudes angesprochen, berichtet Rauner alsbald über eine spezielle „Zielauswahlsteuerung“, mit denen die Fahrstuhlanrufe aller Etagen computergesteuert auf alle vier Aufzüge verteilt werden. Lästiges Warten und unnötige Zwischenstops bleiben für die Mitarbeiter somit eine Ausnahme.

Doch lange genießen können sie es nicht mehr. Mitte 2014 ist Schluss mit „Thyssen“ im Thyssenhaus, dann nämlich sollen die Mitarbeiter in die neue Konzernzentrale im ThyssenKrupp Quartier umziehen. Das älteste der hohen Häuser soll dann möglichst schnell einen neuen Besitzer finden.

Bochumer Straße 64 - Ein kleines Dorf mitten in Steele 

Hoch ragt sie empor, die "Platte" in Essen-Steele, nur einen Katzensprung von der Ruhr entfernt. 132 Klingelschilder begrüßen den wartenden Gast an der Eingangstür des fast 70 Meter hohen Gebäudes. "Wer sind Sie denn?" wird man kurz darauf bereits von einer freundlich strahlenden Rentnerin begrüßt. Anonymität im Vielmieterhaus? Da kann Peter Hille nur lachen. "Wir sind hier eine Gemeinschaft, ein richtiges kleines Dorf. Und passen aufeinander auf", erklärt der Eigentümer einer Wohnung im Haus. So wie bei ihm befinden sich fast alle Wohnungen im Eigentum des jeweiligen Bewohners. Fast alle wohnen schon seit vielen Jahren dort, viele gar seit der Errichtung des Gebäudes 1974.

Man kennt sich, man grüßt sich, das wird schon nach wenigen Minuten vor Ort klar. "Unser Dorf", das bekommt man von vielen Besitzern bereits als einen der ersten Sätze zu hören. Und ein kleines Dorf ist es tatsächlich: Wohnungen vom 49 Quadratmeter Apartment bis hin zum Vier-Zimmer-Wohnung, alle mit Balkon. Familien, Rentner, Singles oder Alleinerziehende haben so ihr passendes Zuhause finden können. Und Freunde: "Wir leben nicht aneinander vorbei, fast 80 Prozent der Bewohner nenne ich beim Vornamen", sagt Hille, während er sich auf den Weg in das hauseigene Schwimmbad macht. Denn nicht nur einen Full-Time-Hausmeister, sondern auch einen kleinen eigenen Spa-Bereich gönnt sich die Eigentümergenossenschaft. "Das Bad haben wir gerade erst für 70.000 Euro renovieren lassen", und auch die Sauna wurde mit neuen Ruheplätzen ausgestattet, rechnet Hille vor. Alles finanziert aus einer Solidargemeinschaft.

Aus Nachbarn wurden Freunde

So veranstalten die Nachbarn gemeinsame Sommerfeste, Glühweinumtrünke, haben einen gemeinsamen Kegel-Treff und ein Kaffeekränzchen. "Ausflüge machen wir auch häufiger mal", ergänzt die ältere Damen aus dem Eingangsbereich. Momentan kümmern sich Hausmeister und Bauarbeiter um die Umgestaltung des kleinen Gartens vor dem Gebäude. "Das wird unsere kleine Gruga", weiß ein Senior zu berichten. "Und hoffentlich wird sie pünktlich zum Geburtstagsfest im kommenden Jahr fertig."

Dass dann das große Jubiläumsfest gefeiert werden kann, und wieder viele hundert Bewohner, Freunde und Familien daran teilnehmen werden, war während der Bauphase des Hauses nicht abzusehen. Denn eigentlich sollte ein weit kleineres Wohngebäude entstehen, die Immobilienfirma GAGFAH entschied sich erst kurz vor Baubeginn aus einem gewöhnlichen Mehrparteien- ein Mehr-als-viele-Parteien-Haus zu machen.

Ganz zur Freude von Peter Hille und seinen Nachbarn. Und wieder fällt der Begriff, der das Zusammenleben hier so treffend beschreibt: "Aus unserem Dorf, da will auch keiner wegziehen", sagt Hille und ein ganzes Grüppchen Nachbarn stimmt ihm nickend zu. Dann schlendern sie zusammen auf den Steeler Markt. Nachbarn und Freunde eben.

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