Zeche Zollverein

Kulturhauptstadt-Jubiläum: Feier auch mit kritischen Tönen

„Alle Bilder sind noch da“, heißen die Projektionen von Wolfram Lenssen, die noch bis zum 25. Januar auf der Zeche Zollverein zu sehen sind.

„Alle Bilder sind noch da“, heißen die Projektionen von Wolfram Lenssen, die noch bis zum 25. Januar auf der Zeche Zollverein zu sehen sind.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Zehn Jahre Kulturhauptstadt: Jubiläum sorgt für Ansturm auf das Essener Ruhr Museum. Bei aller Feierlaune gab’s aber auch Nachdenkliches zu hören

Damals war es einfach nur schlechtes Wetter: Ein eisiger Wintersturm namens Daisy, der die Eröffnung der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 beinahe zum Erliegen gebracht hätte, dann aber gut war für die großen Schlagzeilen. Denn die Republik bibberte solidarisch mit.

In „Fridays for Future“-Zeiten ist das Klima nun dazu angetan, der Kultur fast ein bisschen die Show zu stehlen. Der Klimawandel hat dem Zauberwort Kreativwirtschaft längst den Rang abgelaufen. So wurde der Festakt zum zehnjährigen Jubiläum der Kulturhauptstadt diesmal auch ohne Schnee und Eis ein Plädoyer für die große Transformation, für weniger CO2-Emission und einen besseren Nahverkehr. Wer also Sorgen hatte, dass sich das Ruhrgebiet zehn Jahre nach dem Titel einfach noch mal zum zufriedenen Schulterklopfen und geschmeidigen Selbstloben zusammenfinden wollte, der wurde schnell eines Besseren belehrt. Zwischen feierlichem Rückblick und stolzer Erinnerungen gab es auch Raum für Kritik und Selbstkritik.

Ein „Happy Birthday“ von Songwriter Stoppok

Dass die Kulturhauptstadt trotzdem nachhaltig Verbundenheit geschaffen hat, wurde am Wochenende auf der Welterbezeche Zollverein deutlich, wo Tausende zwischen festlich illuminierten Industriekultur-Kulissen und Klanginszenierungen zwei Tage lang mal wieder eine große Portion Wir-Gefühl tankten. Gefeiert wurde nicht nur zehn Jahre Kulturhauptstadt, sondern auch der 10. Geburtstag des Ruhr Museums. Der Andrang war so groß, dass sich vor der Rolltreppe des Museums lange Schlangen bildeten und zu Stoßzeiten teilweise Wartezeiten von mehr als einer halben Stunde in Kauf genommen werden mussten. Am Ende wurden allein im Ruhr Museum rund 17.000 Besucher gezählt, die bei freiem Eintritt und buntem Programm ins Haus strömten, bei Kuratorenführungen über die Vielzahl der Exponate staunten, sich von den Traumspielfiguren des Chapeau Club bezaubern ließen und im Erich-Brost-Pavillon noch bis Mitternacht tanzten und dabei den wohl großartigsten Blick aufs leuchtende Ruhrgebiet erlebten.

Prominente Gratulanten wie der Songwriter Stoppok stimmten am Samstagabend mit den Gästen das „Happy Birthday“ an, bevor es für die aus Köln angereiste Iva Danova als 2,5 Millionste Besucherin des Museums eine Freikarte aufs Lebenszeit gab und die überdimensionale Kohlenwäsche-Torte ans Publikum verteilt wurde. „Das Ruhr Museum erzählt unsere Geschichte“, betonte Oberbürgermeister Thomas Kufen Dass das Ruhr Museum aber nicht nur beim Ruhrgebiets-Publikum ankommt, bestätigten Besucherinnen wie Silke Gross und Sandra Peters, die es schon vor Jahren aus dem Norden der Republik ins Revier verschlagen hat. „Das Ruhr Museum ist für uns ein Wohlfühlort“, erzählt Silke Gross. Angesprochen fühle man sich nicht nur vom „Ruhri“-Humor eines Fritz Eckenga oder Herbert Knebel, sondern auch „weil ich vor dem Respekt habe, was hier an Geschichte stattgefunden hat“, so Gross. Frank Mahler, der gleich gegenüber der Welterbezeche wohnt, hat die Geschichte als Bergmann und Nachbar hautnah mitbekommen. Die Kulturhauptstadt habe dem Stadtteil schon Auftrieb gebracht, doch Mahlers Meinung nach hätte im Umfeld noch mehr verbessert werden können. „Die Infrastruktur funktioniert nicht, da muss was passieren.“

Er war nicht der einzige, der Essen und dem Ruhrgebiet am Wochenende noch ein paar Verbesserungswünsche ins Hausaufgaben-Heft schrieb. Altbundespräsident Horst Köhler hatte beim Festakt am Freitagabend bereits für mehr gesellschaftliche Veränderungsbereitschaft geworben, bevor er dem Ruhr Museum ein neues Ausstellungsstück übergab: seinen Schwarzwälder Hut, der ihn vor zehn Jahren bei der eisigen Kulturhauptstadt-Eröffnung gewärmt hatte. Und auch Bundestagspräsident a. D. Norbert Lammert nutzte den Abend für einen eindringlichen Appell, die Metropole Ruhr nicht nur in Sonntagsreden zu beschwören, sondern endlich auch als Einheit zu organisieren, nicht nur im Hinblick auf ein gemeinsames Nahverkehrsnetz. „Das Thema Mobilität ist unsere Achillesferse“, räumte auch OB Kufen mit Hinblick auf die Olympia-Bewerbung ein, die dem Ruhrgebiet in den kommenden Jahren die erhoffte Verkehrswende bringen soll.

„Das Unmögliche möglich machen – wir haben es bewiesen“

Ob all das kommen wird, was am Freitagabend eingefordert wurde, das neue Bewusstsein, die technischen Innovationen und am besten auch zusätzliche Millionen aus Berlin, das muss sich zeigen. Unmögliches möglich zu machen, das sei aber auch eine Stärke des Ruhrgebiets, das sich damals als vermeintlich chancenloser Bewerber gegen namhafte Kulturhauptstadt-Konkurrenz wie Münster, Köln oder Görlitz durchgesetzt hatte. „Wir haben es vor zehn Jahren bewiesen“, sagt der damalige Geschäftsführer der Kulturhauptstadt Ruhr.2010, Oliver Scheytt. Und für Ruhr-Museum-Chef Theodor Grütter steht fest: Die Kultur gehört zum Selbstverständnis des Ruhrgebiets wie früher Kohle und Stahl. Das ist das Vermächtnis der Kulturhauptstadt.“

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