Bildung

Junge Frau meistert ihr Abitur nach lebensbedrohlicher Krise

Naturwissenschaften haben es ihr angetan: Abiturientin Celina (rechts) mit Physiklehrer Jochen Suthe, dem Leiter des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums im Essener Südostviertel.

Foto: Christof Köpsel

Naturwissenschaften haben es ihr angetan: Abiturientin Celina (rechts) mit Physiklehrer Jochen Suthe, dem Leiter des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums im Essener Südostviertel. Foto: Christof Köpsel

Essen.   Wie eine 23-Jährige trotz langer psychischer Krankheit jetzt ihr Abi mit Bestnoten machte. In Essen gibt es Hilfen für Jugendliche in Krisen.

Celina hat gerade ihr Abitur gemacht mit guten und sehr guten Noten. Dabei sah es lange so aus, als würde sie niemals im Leben eine Schule verlassen mit einem Abschluss in der Tasche. Die 23-Jährige musste einen langen Weg gehen.

Dieser beginnt am Niederrhein, in Viersen, Stadtteil Dülken, alles sehr ländlich. Wenn Celina aus ihrem Kinderzimmer schaut, sieht sie Bauernhöfe und Maisfelder. Doch die Ruhe, die das Mädchen in der Natur findet, gibt es zu Hause nicht: Ihre Eltern trennen sich, da ist sie neun. Umzug nach Duisburg. „Das war alles neu und groß und laut, ich bin zum ersten Mal in meinem Leben Straßenbahn gefahren.“

Ihr schwirrt der Kopf, wenn alle durcheinander reden

Wenig später stellt sie fest, dass sie immer öfter überfordert ist. „Wenn Leute durcheinanderreden, waren mir das zu viele Geräusche.“ Oder: Im Geschichts-Unterricht sieht sie einen Dokumentationsfilm über die Nazizeit, gezeigt werden die Leichen der Konzentrationslager, Celina bricht in Tränen aus, „ich hab’ mich gar nicht mehr eingekriegt. Spätestens da wusste ich: Ich bin irgendwie anders.“

Sie rutscht in der Schule ab, wechselt das Gymnasium, hat ständig Kopfschmerzen, irgendwann schwänzt sie nur noch. Fängt an, sich selbst zu verletzen mit einem Messer in den Unterarm. „Ritzen“ nennt man sowas, Magersucht kommt hinzu. „Ich wollte mich spüren.“ Die Jahre vergehen, Celina bekommt eine Diagnose nach der nächsten angehängt: Depression, Schizophrenie, an Schule ist nicht zu denken, sie schluckt Psychopharmaka. Bis sie irgendwann über einen Begriff stolpert, der ein Phänomen beschreibt, mit dem sie sehr viel anfangen kann: Hochsensibilität. „Ich hab’ mich sofort darin wiedergefunden.“

Eine Diagnose ändert vieles

Als hochsensibel gelten Menschen, die besonders empfindlich auf Umweltreize reagieren. Die Forschung steht ganz am Anfang. Celina hat jedenfalls zum ersten Mal das Gefühl, sich selbst besser verstehen zu können, eine Erklärung zu haben für vieles.

Mit 18 kommt sie nach Essen, zieht in eine Wohngruppe für Jugendliche mit psychischen Krankheiten. Betrieben wird die Gruppe von der Eggers-Stiftung, die benannt ist nach Christian Eggers, dem Gründungsdirektor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum. Diese Stiftung ist es auch, die an der VHS Kurse ermöglicht für solche Jugendliche, damit sie ihren Schulabschluss nachholen können. Celina macht ihre mittlere Reife, besteht mit Bestnoten; jemand ermuntert sie zum Abi. So fängt sie am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium an.

Es gibt Rückschläge. Auch ihrer Schwester geht es zwischenzeitlich nicht gut, „das hat mich sehr runtergezogen.“ Und trotzdem: Nach knapp vier Jahren hat Celina jetzt das Abi gemacht, vor allem in Mathe mit glänzenden Leistungen. Einem Fach, dem sie früher lieber aus dem Weg ging, Fünfen kassierte.

Was sie jetzt vorhat

Und jetzt? Hat sie einen Ausbildungsvertrag in der Tasche bei der Stadt, wird Landschaftsgärtnerin. „Ich freu’ mich auf die Arbeit in der Natur, das hab’ ich mir immer gewünscht“, sagt sie. Weil sie erkannt hat, dass sie Ruhe braucht und stets brauchen wird, dass ihr die Arbeit mit Erde und Pflanzen gut tut. „Ich werde irgendwann wieder ländlich wohnen, das ist mir klar“, sagt sie. Und ein Lieblings-Thema, das sie beruflich gerne ausbauen möchte, hat sie ebenfalls: „Vertikale Hausbegrünung interessiert mich.“ Für mehr Ruhe, auch in Großstädten. Celina weiß, warum.

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