Helmut Rahn

Helmut Rahn – wie der „Boss“ zum Volkshelden wurde

Strahlende Sieger: Boss Helmut Rahn wird nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1955 von Rot-Weiss Essen in der Heimat gefeiert. Links neben ihm: Kapitän August Gottschalk, rechts: Heinz Wewers und seine Frau Gerti Rahn.

Strahlende Sieger: Boss Helmut Rahn wird nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1955 von Rot-Weiss Essen in der Heimat gefeiert. Links neben ihm: Kapitän August Gottschalk, rechts: Heinz Wewers und seine Frau Gerti Rahn.

Foto: Fremdbild / WAZ

Essen.  Am 16. August wäre Helmut Rahn 90 Jahre alt geworden. In Essen denken sie heute noch an den volksnahen Siegtorschützen beim „Wunder von Bern“.

Als Kind zog es Alfred Kasperski regelmäßig zum Ascheplatz der Sportfreunde Katernberg. Er wollte diesem wuchtigen Angreifer mit dem harten Schuss beim Training zusehen: Helmut Rahn war schon zu Beginn der 1950er-Jahre Alfred Kasperskis Idol. Der junge Zuschauer hörte damals das Flehen des Katernberger Torwarts. „Wenn es regnete, wurde der Fußball so hart wie ein Medizinball. Unser Torwart Heinz Kubsch hat dann immer gerufen: ‚Helmut, nicht so feste‘“, erzählt Alfred Kasperski, heute 82 Jahre alt, dieser Redaktion.

Am 4. Juli 1954 schoss Helmut Rahn mal wieder feste. Aus dem Hintergrund. Im Berner Wankdorf-Stadion. In der 84. Minute des WM-Endspiels. Radiokommentator Herbert Zimmermann sagte:„Schäfer, nach innen geflankt – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooor!!! Tooor!!! Tooor!! Tooor!“ Das legendäre 3:2 über die hochfavorisierten Ungarn, Rahns zweiter Treffer im Finale von Wankdorf, brachte Deutschland den Titel. Ein Sieg, den Historiker neun Jahre nach der militärischen und moralischen Niederlage des Zweiten Weltkriegs zur wahren Geburtsstunde der jungen Bundesrepublik erheben.

Zuerst Weltmeister mit Deutschland, danach Deutscher Meister mit Rot-Weiss

Der Torschütze, der heute 90 Jahre alt geworden wäre, wurde zum Volkshelden. 250.000 Fans feierten Rahn beim Empfang in Essen. Den Topklub aus seiner Heimatstadt führte der „Boss“ - so Rahns Spitzname - auch noch zur Deutschen Meisterschaft. 1955 gewann Rot-Weiss Essen das Endspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern mit 4:3. Es herrschte Rahnsinn im Ruhrgebiet.

Der Angreifer erhielt zu dieser Zeit auch lukrative Angebote. Rahn hätte zu Real Madrid wechseln können. Doch der „Boss“ blieb im Ruhrgebiet bei seinen Kumpels. Mit ihnen stand er in seiner Essener Stammkneipe „Friesenstube“ gerne an der Theke. Zu später Stunde kam das Thema oft auf Bern. „Hömma Helmut, erzähl mich dat dritte Tor“, hörte der Nationalspieler dann. Und Rahn erzählte, trank dabei auch mal zu viel. Im Juli 1957 steuerte er sein Auto mit 2,6 Promille in eine Baugrube. Die alarmierten Polizisten traktierte Rahn mit Fäusten. Die Strafe: zwei Wochen Gefängnis, ohne Bewährung.

Von Essen über Köln und Enschede zu den Duisburger Zebras

Der DFB sperrte Rahn sogar für ein Jahr. Bundestrainer Sepp Herberger wollte auf seinen „Meister der positiven Improvisation“ aber nicht verzichten. Er schätzte Rahns Unberechenbarkeit. Die auf dem Fußballplatz, wohlgemerkt. Es kam zur Begnadigung. Rahn fuhr mit zur WM 1958 nach Schweden, erzielte dort sechs Treffer. Deutschland schied dennoch im Halbfinale aus.

Ein Jahr nach diesem Turnier wechselte Rahn den Verein. Beim 1. FC Köln kam er nicht zurecht. Der Angreifer ging für drei Jahre in die Niederlande zum Sportclub Enschede. 1963 kehrte Rahn nach Deutschland zurück und schrieb im Trikot des Meidericher SV Geschichte – als erster Rotsünder der neu gegründeten Bundesliga. Er verpasste Harald Beyer von Hertha BSC einen Kopfstoß. Zwei Tage nach seinem Platzverweis rief Rahn den Sender Freies Berlin an und bat, in einem Wunschkonzert für ihn das Lied „Glück und Glas, wie leicht bricht das“ zu spielen.

Das „Wunder von Bern“ zeigt Helmut Rahn als humorvollen und gradlinigen Menschen

Diese im „Spiegel“ erzählte Anekdote passte zu Rahns volksnahen Art. Allerdings scheute er nach seinem Karriereende 1965 die Öffentlichkeit. Mit seiner Frau Gerti und seinen beiden Söhnen lebte der Fußballstar in einem Mietshaus in Frohnhausen. In Essen fand Rahn auch seine letzte Ruhe. Er verstarb am 14. August 2003, zwei Tage vor seinem 74. Geburtstag. Somit erlebte Rahn nicht mehr den Kinostart von „Das Wunder von Bern“. In dem Film geht es auch um die Geschichte des Angreifers. Um einen humorvollen und gradlinigen Menschen, der mit einem Schuss aus dem Hintergrund eine ganze Nation glücklich machte.

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