Patentreffen

Großstädter übernehmen Tierpatenschaften im Grugapark

Treffen der Tierpaten im Grugapark: Für Großstädter, die zum Beispiel kein eigenes Tier halten können, gibt es hier die Möglichkeit, für ein Tier aus dem Grugapark eine Patenschaft zu übernehmen.

Treffen der Tierpaten im Grugapark: Für Großstädter, die zum Beispiel kein eigenes Tier halten können, gibt es hier die Möglichkeit, für ein Tier aus dem Grugapark eine Patenschaft zu übernehmen.

Foto: WAZ FotoPool

Essen.  Patentreffen: Was in der Essener Gruga startete, um neue Besuchergruppen zu gewinnen, begeistert bis heute große und kleine Tierfreunde - ihre Gründe sind ganz verschieden: Geburtstagsgeschenk, Andenken an den verstorbenen Partner oder Entspannung.

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Fast täglich schaut Sandra Bloh im Grugapark vorbei, denn dort leben im Gehege ihre Patenschafe Harald und Wollfgang. Für die 41-Jährige, die zwischen Essen und Köln pendelt, ist der Besuch eine willkommene Abwechslung, denn privat könnte sie sich nicht dauerhaft um ein Tier kümmern. Und auch nicht jeder Vermieter gestattet das.

Als Patin aber kommt sie manchmal kurz für zehn Minuten vorbei, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Wenn sie am Wochenende mehr Zeit hat, dann beschäftigt sie sich auch bis zu zwei Stunden mit den Tieren und dressiert sie. „Milka gibt Pfötchen“, berichtet Sandra Bloh von den Tricks, die sie den Ziegen beibringt und Milka hebt für ein Leckerchen das Bein.

Ziegen und Ponys sind sehr beliebt

Ziegen sind bei den Besuchern ohnehin besonders beliebt, weil sie sich auch anfassen lassen, sagt Sabine Schmitt von der Grugapark-Verwaltung, die sich um die Patenschaften kümmert. Als Patentiere sind Ziegen und auch Somali-Schafe daher meistens vergriffen. Zu vergeben sind aber etwa Meerschweinchen, die als ganze Gruppe an Paten vermittelt werden, allerdings wenig begeistert von Streicheleinheiten sind. Im Gegensatz zu den Ponys die vor allem bei jungen Mädchen sehr beliebt sind, weiß Sabine Schmitt.

Die Patenschaften gibt es seit den 1990er Jahren in der Gruga. „Es war eine Idee, um neue Besuchergruppen an den Park zu binden“, sagt sie. Es ist aber auch ein Angebot für Familien, die keinen Hund halten können oder sich ein Pferd aus zeitlichen oder finanziellen Gründen nicht leisten können. Zu den Tieren, die noch Paten suchen, gehören Papageien wie der Gelbbrustara oder Seidenreiher. Auch hier gilt wohl: Gucken statt Kraulen.

Für Sandra Bloh musste es ein Schaf sein. „Als Kind hatte ich zwar einen Wellensittich“, sagt sie, doch besonders sympathisch seien ihr immer schon Schafe und vor allem Ziegen gewesen, gerade weil letztere so zutraulich sind.

Als dann ihr erstes Patenschaf Lana starb, „war ich sehr unglücklich“, sagt Sandra Bloh. Wollfgang rückte aber schnell nach, ein ruhiger, gemütlicher Tüftler, „der jeden Riegel aufschiebt“, beschreibt die 41-Jährige liebevoll ihr Patentier und versichert schmunzelnd bei aller Zeit, die sie im Gehege verbringt: „Mein Partner fühlt sich bislang noch nicht vernachlässigt.“

Eine Patenziege statt Blumenkränze 

Als ihr Partner vor zwei Jahren starb, stand für Gisela Kühn schnell fest, dass sie den Angehörigen und Freunden vorschlägt, Geld für eine Tierpatenschaft statt für Blumenschmuck fürs Grab zu sammeln, erzählt die 71-Jährige. Schließlich war ihr Freund Eckhart viele Jahre lang Tierpfleger.

„Angefangen hatte er als Wärter im Grugapark“, sagt sie, doch dann entdeckte er schnell sein Händchen für Schafe und Ziegen. Er landete schließlich im Tiergehege. Dort, wo es manchem vielleicht gestunken hätte, entdeckte er seine große Leidenschaft: „Er hatte als Kind schon Ziegen groß gezogen und konnte mit den Tieren sprechen.“

Vor einem Jahr wurde dann der kleine schwarze Ziegenbock mit dem weißen Flecken geboren: „Wir haben ihn adoptiert und in Anlehnung an meinen verstorbenen Freund benannt“, erzählt Gisela Kühn von der Taufe.

Nicht füttern, sonst geht man unter

Doch Eduardo bedeutet nicht nur Erinnerung, sondern auch Freude für seine Paten. An der Seite von Gisela Kühn ist Siegfried Meyer, der mindestens genauso begeistert von ihrem „kleinen Wilden“ ist, für den er längst eine Beschreibung gefunden hat: „bärtig, bockig und bescheiden“. Tatsächlich sei das Tier manchmal etwas bockig, sagt er, ansonsten aber durchaus freundlich. Eduardo gehe Streit aus dem Weg: „Eine Kampfziege ist er nicht.“

Dabei geht es durchaus stürmisch zu, wenn die Paten das Gehege betreten. Daher gilt: Lieber nicht füttern, sonst findet man sich gleich in einer ganzen Herde von Ziegen wieder, die auch nicht davor zurückschrecken, an den Besuchern hochzuklettern, Jacken oder Taschen anzuknabbern.

Gisela Kühn und Siegfried Meyer kommen regelmäßig alle paar Wochen in den Park, um nach Eduardo zu schauen, der sich durchaus anfassen lässt. Tierlieb waren die beiden ohnehin schon immer, hatten Katzen als Haustiere. Als Paten übernehmen sie nun 50 Euro im Jahr. Und weil damals bei der Beerdigung so viel Geld zusammen gekommen ist, sagt die 71-Jährige, „ist die Patenschaft für die 16 Jahre gesichert.“

Abschied nach 20 Jahren: Graupapageien gefährdeten Gesundheit

Mehr als 20 Jahre hat Dagmar Bretschneider mit ihren beiden Graupapageien gelebt, bis die wegen ihres schlimmer werdenden Asthmas zur Gefahr für ihre Gesundheit wurden.

„Der Talg unter ihrem Gefieder setzte sich auf meiner Lunge ab“, erklärt sie. Schweren Herzens hat sich die 63-Jährige schließlich von Timmy und Rocky getrennt, als sie ein neues zu Hause für die Papageien im Grugapark gefunden hatte.

Seit einem Jahr nun ist Dagmar Bretschneider Patin ihrer früheren Papageien. Timmy hat sie einem Taxifahrer abgekauft, Rocky sei zunächst einer Bekannten zu geflogen, erzählt sie. „Ich habe mit ihnen gesprochen, sie haben geantwortet.“ Vor allem Timmy könne Töne wie das Telefon nachahmen.

Zu Hause sei es still geworden, es sei schwer, vor allem, nachdem der Hund starb. An einen neuen ist nicht zu denken, das Laufen falle ihr inzwischen schwer. In den Grugapark komme sie aber so oft es geht. Doch worunter sie leide: „Ich sehe Timmy und Rocky nicht“. Denn die Papageien können sich in ihr Gehege zurückziehen, dorthin darf sie als Besucherin nicht. Und als 25 Graupapagaien sie in der Voliere begrüßten, war kaum auszumachen, wer darunter nun Timmy oder Rocky ist.

Neue Mitbewohner für den angriffslustigen Sittich 

Wenn Yvonne Neumann früher nur mit dicken Wollsocken, Gartenhandschuhen und einem Kissen bewaffnet auf ihrer Couch saß, dann lag es daran, dass die 43-Jährige die beiden Pennant-Sittiche Koko und Dolly hat abwehren müssen. Denn während die beiden den Kindern der Familie freundlich gesonnen waren, hatten sie es auf deren Mutter abgesehen und zwickten gar ordentlich in den Nacken. „Ich habe dann gehofft, dass mein Mann schnell nach Hause kommt“, erzählt Yvonne Neumann, die inzwischen darüber schmunzeln kann. Auch über eine Begegnung mit Dolly, bei deren Attacke sie einst einen Wasserkocher vor Schreck durch die Küche warf.

Koko und Dolly jedenfalls landeten schließlich im Grugapark, um so den Familienfrieden zu retten. Gleichzeitig wollten die Neumanns den Sittichen, die viele Jahre bei ihnen gelebt haben, aber ein schönes Leben ermöglichen. Von der Haltung in den Volieren unter Artgenossen war die Familie schnell überzeugt. So zogen die Sittiche aus Kettwig nach Rüttenscheid, und die Neumanns wurden Paten ihrer früheren tierischen Mitbewohner. Dollys Übermut bekam dann ab und zu der Pfleger zu spüren, erzählen die Neumanns, die bedauern, dass sie viel zu selten mal im Park vorbeikommen. Denn obwohl ihre Sittiche inzwischen gestorben sind, hat die vierköpfige Familie weiterhin eine Patenschaft für einen anderen Papagei übernommen. Das stand schnell fest, „weil wir die Haltung hier im Grugapark einmalig finden und gern unterstützen möchten“, sagt Björn Neumann (45).