100 Orte (44)

Fünf Kloster-Etagen für kluge Köpfe – im Unperfekthaus

Was gefällt, ist erlaubt: Walentina Man stellt im Unperfekthaus Handpuppen her – umgeben von Tischkicker, Flipper und unzähligen Bildern. Foto Ulrich von Born/ WAZ FotoPool

Was gefällt, ist erlaubt: Walentina Man stellt im Unperfekthaus Handpuppen her – umgeben von Tischkicker, Flipper und unzähligen Bildern. Foto Ulrich von Born/ WAZ FotoPool

Foto: WAZ FotoPool

Essen.   Das Unperfekthaus (UPH) am Limbecker Platz bietet Kreativen auf 4000 Quadratmetern Atelier-Flächen, Besprechungs- und Probenräume. Perfektionisten tun sich schwer mit dem Charme des Künstler-Dorfes, dem die 44. Folge unserer Serie „Essen entdecken – 100 besondere Orte“ gewidmet ist.

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„Wir sind keine Sekte!“ So stand es auf Flyern, die Markus Urselmann, Mitglied des Unperfekthaus-Gründungs-Teams, vor neun Jahren verteilte. Wurde das „kreative Dorf für jedermann“ im ehemaligen Kloster am Limbecker zur Eröffnung noch spöttisch von Anwohnern und Geschäftsleuten belächelt, so machte es in den folgenden Jahren mit anerkennenden Schlagzeilen von sich reden. Das UPH war „Essens kreatives Aushängeschild“ und „Baumarkt der Möglichkeiten“ – und will doch nur eins sein: Eine Heimstatt für Kreative.

Keine Frage: Man kann nicht lernen, das UPH zu mögen. Entweder erschließt sich das Flair aus gelebter Kreativität, die sich wie eine WG mit Ateliers, Werkstätten und Büros über fünf Etagen erstreckt. Oder man wird diesen Ort, an dem Unperfektion Gebot ist, nie begreifen. Hochglanzfassaden und strenge Ordnung, so der Leitgedanke von Gründer Reinhard Wiesemann, hemmen den Menschen in seiner Kreativität. Womit das Haus, in dessen Treppenhäusern sich Graffitis bis hinauf zur Dachterrasse ziehen, an dem Schmuck ausgestellt ist neben handgenähten Kuscheltieren, ein klarer Gegenentwurf ist zu landläufigem Perfektionsstreben.

Am frühen Nachmittag macht Wolfgang Bort seine Spielwerkstatt zu, Konferenzräume stehen leer, eine Designerin arbeitet konzentriert, derweil eine Etage höher im Versammlungsraum zwei Jongleure die Keulen schwingen. Warum sie hier trainieren? Da ist ganz pragmatisch die Deckenhöhe des Saals zu nennen, denn mit ihren weißen Keulen schaffen es die Herren hoch hinauf. „Aber es ist auch toll, dass man hier neue Leute kennen lernt, die ganz unterschiedlich sind“, sagt Jongleur Michael Held.

Eine Offenheit, die neue Mieter und Gruppen, Organisationen, Vereine, die das Unperfekthaus nutzen wollen, mitbringen müssen. Denn das Haus lebt vom Austausch. „Wer die Tür hinter sich zumachen möchte, ist hier falsch“, sagt Markus Urselmann. „Wir hatten im vergangenen Jahr rund 120 000 Gäste. Da muss man mit Fragen, mit Besuchern in allen Räumen rechnen.“

Doch trotz kreativem Chaos und Besucherströmen – längst haben auch Firmen das UPH als Tagungsort für sich entdeckt. Ein Umstand, der Aussetzern von der Unperfektion geschuldet ist: „Natürlich muss man das professionell organisieren“, sagt Urselmann. Technik stelle man zur Verfügung, Getränke und ein Rundgang durchs kreative Dorf sind im Mietpreis inbegriffen. Was nicht klingt, als würden die düsteren Prophezeiungen der Nachbarschaft von der baldigen Pleite sich bewahrheiten. Was Urselmann mit einem Schmunzeln quittiert: „Gemeinsinn und Wirtschaftlichkeit müssen sich nicht ausschließen.“

Alle Folgen der WAZ-Serie "Essen entdecken - 100 besondere Orte" finden Sie auf unserer Spezialseite zur Serie

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