Ausstellung

Fotos geben Essener Obdachlosen ihre Würde zurück

Der Obdachlose Uwe – fotografiert im Sommer auf der Straße. Das Bild rechts zeigt Uwe, nachdem der Fotograf mit ihm zur Kleiderkammer ging. 

Foto: Privat

Der Obdachlose Uwe – fotografiert im Sommer auf der Straße. Das Bild rechts zeigt Uwe, nachdem der Fotograf mit ihm zur Kleiderkammer ging.  Foto: Privat

Essen.   Ein Fotograf hat Wohnungslose in der Essener City porträtiert – wie sie wirklich leben und, mit einem zweiten Bild, wie sie bürgerlich aussähen.

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Bilder können keine Menschen retten. Aber ihnen neuen Mut geben, immerhin. Und die Zuversicht, dass das Leben wieder besser wird. „Wenn sich die Männer selbst neu sehen, in ordentlicher Kleidung, frisch rasiert und frisiert, dann ist das oft ein Aha-Effekt“, sagt Can Kalvelage (21).

Der freiberufliche Fotograf aus Frohnhausen hat in den letzten Monaten zwölf Obdachlose aus der Essener Innenstadt portätiert, jeweils mit zwei Fotos: Eins, das die zehn Männer und zwei Frauen jeweils so zeigt, wie sie auf der Straße leben. Und dann ging er mit ihnen zum Frisör und zur Kleiderkammer, stattete sie mit neuen, sauberen Sachen aus – und drückte erneut auf den Auslöser.

Es geht nicht nur ums gepflegte Textil

Entstanden sind beeindruckende Menschenbilder, die viel mehr als nur die alte Volksweisheit bestätigen: Ja, Kleider machen Leute. Durchaus. Aber es geht nicht nur ums gepflegte Textil, den hübschen Hut, die vornehm schimmernde Armbanduhr am Handgelenk. Sondern: Wir sehen Menschen, die etwas völlig anderes ausstrahlen. Menschen, denen Würde, Kraft und Energie zurückgegeben wurde.

Uli zum Beispiel, 51 Jahre alt, der Fotograf hat ihn auf einer Fußgängerbrücke abgelichtet über der A40, Uli guckt grimmig in die Linse, verhüllt im Nebel aus Zigarettenrauch.

Und dann gibt es da noch einen ganz anderen Uli: Mit Jackett und Jeans, lachend vor der Philharmonie: Die Körpersprache zu hundert Prozent verändert; ein Mann, der glatt als Kulturmanager durchgehen könnte. Oder der Obdachlose Uwe: Hatte mal ein eigenes Handwerksunternehmen, doch dann ging einiges schief in seinem Leben, die Frau rannte weg, die Firma ging Pleite – Uli lebt seit Jahren auf der Straße.

Plötzlich ist da ein Lachen

Das Leben hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Can Kalvelage hat ihn eindringlich in Schwarz-Weiß fotografiert, mit nacktem Oberkörper voller Tätowierungen, ein Bild von einem Mann, das wie aus der Zeit gefallen scheint.

Uwe nach der Verwandlung: Plötzlich ist da Zuversicht in seinem Gesicht, ein Lächeln, nein: ein Lachen! Und das liegt sicher nicht nur am eleganten dunklen Wintermantel, den Uwe jetzt trägt.

Can Kalvelage arbeitet schon lange freiwillig in der Initiative „Warm durch die Nacht“ mit, die mehrfach wöchentlich abends in der City Tee und warmes Essen an Bedürftige verteilt. So nahm er langsam Kontakt auf mit den Obdachlosen, es entstanden Bindungen, die weit übers Fotografieren hinausreichten.

„Man hört Geschichten, die einen nicht mehr loslassen“, sagt Kalvelage. „Ich weiß jetzt, dass Obdachlosigkeit jeden treffen kann. Es ist einfach arrogant, von sich zu behaupten, das könne einem nie und nimmer passieren.“ Zu vielen jener, die er fotografiert hat, pflegt er weiter Kontakt, besucht sie sogar im Gefängnis. Einige hat der Weg mittlerweile dort hingeführt.

Bilder sollen im Grillo-Theater zu sehen sein

Die eindringlichen Bilder will Kalvelage bald ausstellen, im Februar oder März 2018 soll es so weit sein, ein Schauplatz ist schon ausgemacht: Im obersten Stock des Grillo-Theaters, der „Heldenbar“, werden die Fotos nach Angaben von Kalvelage zu sehen sein; ein genauer Termin steht noch nicht fest.

Der Fotograf hat seine Gespräche mit den Obdachlosen auch auf Video aufgezeichnet, auch die Filme sollen die Besucher sehen können, „aber ob das klappt“, sagt Kalvelage, „ist noch nicht sicher.“

Der Erlös der Ausstellung soll nicht direkt den Obdachlosen zugute kommen. „Viele sind drogen- oder alkoholabhängig.“ Aber die Initiative „Warm durch die Nacht“ soll von der Kunst-Aktion, die eigentlich weit mehr ist als bloße Kunst, profitieren.

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