TURBO-ABI

Essener Schüler sagt: „G8 ist überhaupt nicht schlimm“

„Lehrer-Mangel bereitet Schülern größeren Stress als das G8“: Florian Friedewald geht aufs Burggymnasium und macht im Jahr 2020 Abitur.

„Lehrer-Mangel bereitet Schülern größeren Stress als das G8“: Florian Friedewald geht aufs Burggymnasium und macht im Jahr 2020 Abitur.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Gymnasiast hält Debatte um Schulzeit für übertrieben, räumt aber ein: Ihm selbst fällt das Lernen leicht. Doch Lehrermangel sei größeres Problem.

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Das so genannte „Turbo-Abi“ wurde in NRW eingeführt, da war Florian Friedewald vier Jahre alt. Dann ging er mit sechs auf die Grundschule, kam später aufs Gymnasium, und ein permanentes Hintergrundrauschen begleitet die gesamte Schulzeit von Florian Friedewald und Leuten seiner Generation.

Es ist die Diskussion um die Schulzeitverkürzung: G8, G9, was ist besser? „Es haben jetzt wirklich alle dazu Stellung genommen“, sagt der 16-jährige Schüler des Burggymnasiums. „Eltern wurden immer wieder gefragt und Lehrer, bloß mit uns Schülern redet niemand.“ So empfindet er es zumindest. Und deshalb hat er das Bedürfnis, zur Sache seine Stimme zu erheben – weil und obwohl die Rückkehr zu G9 durch die neue Landesregierung längst beschlossene Sache ist. „Ich hab’ die Meinung, dass G8 überhaupt nicht so schlimm ist, wie immer gesagt wird. Und viele andere Schüler aus meinem Jahrgang finden das auch.“

Sein letzter Zeugnisschnitt lag bei 1,3

Friedewald geht in Stufe zehn. Er plant, die Leistungskurse Mathe und Sozialwissenschaften zu wählen. Um es direkt zu sagen: „Okay, ich bin ein ganz guter Schüler, ich musste noch nie viel lernen.“ Seine schlechteste Note war zuletzt eine Drei in Kunst, die Zensuren seines letzten Zeugnisses ergeben einen Schnitt von 1,3. Doch Einwände, dass die Schulzeitverkürzung durchaus jenen Probleme bereitet, die mehr für gute Noten tun müssen als er, will der Schüler nicht gelten lassen: „Ich hab’ Freunde, die Schwierigkeiten haben. Die Jahr für Jahr gerade so durchkommen. Doch auch die sagen, dass es nicht an G8 liegt.“

Was Schülern Stress bereitet, sei zum Beispiel der chronische Lehrermangel an allen Schulen: „Der führt zu Unterrichtsausfall und Vertretung, das heißt, man muss die Inhalte selbst nachbereiten, und damit haben manche Schüler Probleme. Das kann ich gut verstehen. Anstatt ,G8’ zu verunglimpfen, sollte man Schulpolitik lieber richtig machen.“ Heißt vor allem: „Für eine richtige Lehrerversorgung sorgen, vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern. An unserer Schule gab es eine Zeit, in der es nur einen Chemielehrer gab.“ Schwacher Trost: An anderen Schulen sind es oft auch nicht mehr.

„Schon jetzt fehlen Lehrer und Räume“

Die Rückkehr zur längeren Schulzeit ab 2019, so wie das Land es vorhat, bringe auch Nachteile, die für Friedwalds Geschmack nicht ausreichend erörtert wurden: „G9 heißt ja unterm Strich mehr Unterricht – wie soll das gehen, wenn jetzt schon Lehrer und Räume fehlen?“ Ein stichhaltiges Argument, das vielleicht in Verwaltungen ernst genommen wurde – draußen auf der Straße aber kaum. Friedewald betont, dass trotz G8 für ihn und Jugendliche in seinem Alter noch Zeit für Hobbies bliebe: Er geht zweimal die Woche zum Handballtraining, außerdem noch in die Roboter-AG der Schule.

Abi macht Friedewald im Jahr 2020. Dann will er erst mal ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren, „vielleicht in einem Altenheim. Ich möchte einfach mal was anderes machen und wissen, wie das echte Arbeitsleben ist.“ A propos echtes Arbeitsleben – was will er mal werden? „Am liebsten würde ich in die Politik gehen.“ Die Schulpolitik? Friedewald schmunzelt. „Mal sehen.“

>>> G9 KOMMT 2019 ZURÜCK

G9“ – das Abi nach neun Jahren an Gymnasien – soll im Schuljahr 2019/20 wieder eingeführt werden. In Essen wird wohl kein Gymnasium bei „G8“ bleiben, denn den Schulen wird der Verbleib schwer gemacht: Diesen müsste die Schulkonferenz mit mehr als zwei Dritteln Mehrheit beschließen.

Das einzige Essener Gymnasium mit „G9“ ist derzeit das Gymnasium Borbeck.

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