Foto-Ausstellung

Essen: Kanzlerin ehrt Holocaust-Überlebende auf Zollverein

Essen.  Angela Merkel eröffnet „Survivors“-Ausstellung auf Zollverein. Bewegendes Zusammentreffen mit dem Holocaust-Überlebenden Naftali Fürst.

„Eigentlich“, sagt der Fotograf Martin Schoeller, „mag ich weiße Wände“. An diesen weißen Wänden hängen sonst Bilder von Prominenten, denen die Weltbühne gehört. Staatsmänner wie Barack Obama oder Hollywoodstars wie George Clooney. Aber nicht nur sie. Schoeller hat auch Bodybuilder und Todeszellen-Insassen fotografiert. Und nun „Survivors“, Überlebende des Holocaust. Dass ihre Porträts nicht an weißen Wänden, sondern an den schroffen, geschichtsträchtigen Mauern der Kokerei Zollverein hängen, ist für den Star-Fotografen ein Glücksfall. „Ich habe noch keine Ausstellung gemacht, wo Ort und Fotos sich so perfekt ergänzen“, sagt Schoeller.

„Survivors“ auf Zollverein: „Ort und Fotos ergänzen sich perfekt“

Dass diese Survivors-Schau in der Mischanlage der Kokerei eine Ausstellung für die Geschichtsbücher wird, dafür sorgt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie ist an diesem sonnigen Nachmittag zwischen Berliner Tagesgeschäft und Weiterflug zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos zur feierlichen Eröffnung nach Essen gekommen, um den Überlebenden der Shoa anlässlich des bevorstehenden 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die Ehre zu erweisen. Männern wie Naftali Fürst, der die Kanzlerin zur Begrüßung herzlich in die Arme schließt.

„Ich werde die Angst, den Hunger und die Kälte nie vergessen“

Fürst ist ein großgewachsener, freundlich lächelnder alter Herr, der im Konzentrationslager Buchenwald 1945 nur knapp dem Tod entkommen ist. „Ich werde die Angst, den Hunger, die Kälte, die Gesichter der Häftlinge und die Tränen meiner Eltern nie vergessen“, sagt der 87-Jährige in einer bewegenden Ansprache. Trotzdem ist er am Morgen mit seinen Kindern und Enkelkindern in eine Maschine der Deutschen Luftwaffe gestiegen, um seine „heilige Pflicht“ zu erfüllen: „Die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt.“

Dann holt Fürst ein Fotoalbum hervor, das ihn als Zwölfjährigen auf der Pritsche des Konzentrationslagers Buchenwald zeigt: abgemagert, ausgemergelt und zu Tode erschöpft. Er hält es neben das Porträt-Foto, das Martin Schoeller im vergangenen Jahr von ihm in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel gemacht hat. „Und jetzt stehe ich vor Ihnen mit dem Gefühl, dass ich gewonnen habe und der Kreis sich geschlossen hat“, sagt Fürst mit leisem Lächeln, bevor er sich den Katalog der Ausstellung von Martin Schoeller signieren lässt.

Die Gesten der Versöhnung, sie stehen an diesem feierlichen Nachmittag im Vordergrund. Verfolgt von Dutzenden Kamerateams spricht nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel von der „tiefen Scham, angesichts des Leids, das Ihnen durch den Holocaust angetan wurde. Wie viel Kraft mag das kosten, sich dem Erlebten immer wieder zu stellen und Vergeben und Versöhnung möglich zu machen“, fragt Merkel angesichts der Statements, die jedem der 75 ausgestellten Porträts zur Seite gestellt sind.

In den kurzen Kommentaren ist nicht von Hass und Vergeltung die Rede, sondern von der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft und eine friedlichere Welt. „Wir müssen offen dafür sein, Liebe zu geben und zu empfangen“, mahnt Silvia Aharon. Jahrgang 1936. Für Kai Diekmann, einer der Ausstellungs-Initiatoren und Vorsitzender des Freundeskreises von Yad Vashem in Deutschland, ist diese Herzlichkeit und Offenheit „nichts anderes als ein Wunder“.

„Die Erinnerung an den Holocaust ist eine dauerhafte Aufgabe“

Die Botschaft soll ankommen. Vor allem bei jüngeren Menschen, die bald keine Gelegenheit mehr haben werden, Menschen wie Naftali Fürst persönlich zu begegnen. „Die Erinnerung an den Holocaust ist eine dauerhafte Aufgabe, auch eine Bildungsaufgabe“, sagt Bernd Tönjes von der RAG Stiftung. Viele Schulen sollen in den kommenden Wochen deshalb auf die Ausstellung aufmerksam gemacht werden. Auch auf Instagram will Martin Schoeller seine Bilder einer jüngeren Generation erschließen.

Schon für Menschen, die in den 1960ern geboren wurden, habe die Shoa schließlich gefühlt weit zurück gelegen, sagt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Heute spüre man, „dass diese Wahrnehmung falsch ist. „Sie liegt so nah, dass die Überlebenden noch unter uns sind.“ Und nicht erst seit dem Attentat von Halle bleibe der Kampf gegen Antisemitismus eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

81 Jahre Leben im Schatten der Shoa

Für Naftali Fürst ist er zur Lebensaufgabe geworden. „Ich hatte nur sechs glückliche Kindheitsjahre und 81 Jahre im Schatten der Shoa“, blickt der alte Herr etwas wehmütig zurück. Um sich dann doch noch einmal voller Herzlichkeit von der Kanzlerin zu verabschieden. „Sie haben uns eine große Ehre erwiesen.“ Für Naftali Fürst ist die Reise zurück nach Israel auch ein weiterer Schritt nach vorn. Ausstellungs-Kuratorin Vivian Uria nämlich weiß, warum die 75 Holocaust-Überlebenden dem Fotoprojekt leichten Herzens zugestimmt haben. „Sie blicken auf diesen Fotos in die Zukunft. Es macht sie stärker.“

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