Theaterpremiere

Das Schauspiel Essen holt den „Reichsbürger“ auf die Bühne

Stefan Diekmann spielt den „Reichsbürger" .

Stefan Diekmann spielt den „Reichsbürger" .

Foto: Martin Kaufhold

Essen.  Spinner, Realitätsverweigerer, Wutbürger? Thomas Krupa will mit dem Theatertext „Der Reichsbürger“ hinter die Maske der Selbstversorger blicken

Sie leugnen die Existenz der Bundesrepublik Deutschland, ignorieren Behörden und Gerichtsbescheide und gründen eigene Kleinstaaten oder Monarchien: Bis zu 19.000 so genannte „Reichsbürger“ sollen laut Bundesverfassungsschutz in Deutschland aktiv sein. Was diese Menschen antreibt, die politische und historische Realität vollkommen zu verdrehen und an ihrem kruden Weltbild aus rassistischen Verschwörungstheorien und verqueren Unabhängigkeitsfantasien zu basteln, dem sind Annalena und Konstantin Küspert in dem Theatermonolog „Der Reichsbürger“ nachgegangen. Regisseur Thomas Krupa bringt das Stück nun in der Box des Schauspiel Essen heraus.

Der kleinste Raum des Theaters ist nach Ansicht Krupas für das Ein-Mann-Stück der ideale Platz. Dieser gedrungene, komplett umgebaute Ort wird zu einer Art Panic Room, zum Rückzugsraum mit Schleusen, im dem sich die Besucher zunächst wie in einem Ausstellungsort umsehen können. „Man könnte diesen Raum auch im Museum Folkwang als begehbare Installation zeigen“, findet Thomas Krupa, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet. Zum Ausstattungsteam gehört außerdem der Musiker Hannes Strobl, der eine besondere Klangkulisse für die Inszenierung geschaffen hat, die neben Schumanns Waldszenen auch echte Waldgeräusche einspielt. Die letzte Kooperation von Krupa und Strobel, Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, zählt im Essener Schauspiel zu den absoluten Publikumsfavoriten.

Mit „Der Reichsbürger“ betritt Krupa Neuland. „Sicher einer der aufregendsten Texte, die ich in den letzten Jahren gemacht habe“, sagt der Regisseur über die Vorlage. Zumal nach dem Mord am Kasseler CDU-Politiker Walter Lübke die Debatte über eine zunehmende Radikalisierung und wachsende Gefahr durch rechtsextreme Täter enorm an Fahrt aufgenommen hat.

Wer oder was also sind Reichsbürger? Weltfremde Spinner, ideologisch verblendete Sonderlinge, verrückte Wutbürger oder gefährliche Rechtsextreme? Zunächst einmal, sagt Krupa, gibt es nicht „den Reichsbürger“. Die Heterogenität der Bewegung sei ein Riesenthema wie auch die enorme Bandbreite der Argumente und Motivationen, die von antisemitischen bis zu linkspolitischen Tendenzen reicht. Forderungen nach dem Recht auf Selbstverteidigung werden da ebenso angeführt wie der Wunsch nach Autarkie und Selbstversorgung. „Uns war wichtig, auszuloten, was da alles unter der verbindlichen Oberfläche passiert“, erklärt der Theatermacher.

Stefan Diekmann spielt diesen Selbstversorger, der das Publikum in sein abgeschirmtes Territorium einlässt. Kein bölkender Nazi, sondern ein verbindlicher, beinahe freundlichen Mann, der den Leuten beispielsweise erklärt, warum Deutschland gar kein Staat, sondern eine GmbH ist. Und das Identifikationsdokument eben nicht ohne Grund Personalausweis heißt und nicht Personenausweis.

Die Trennung zwischen Bühne und Publikum wird aufgehoben

In dem dichten Küspert-Text schrammen solche aberwitzigen Feststellungen und heftige Provokationen dauernd aneinander, was die Vorlage so herausfordernd macht. „Wenn man seine Argumentation ernst nimmt, klingt manches auf einmal sehr plausibel. Und man ertappt sich dabei, dass man die Distanz verliert“, beschreibt der Regisseur die Gratwanderung dieses außergewöhnlichen Theaterprojekts.

So rückt man dem „Reichsbürger“ in der kleinen Box-Bühne am Ende vielleicht nicht nur aufgrund der aufgehobenen Trennung von Bühne und Zuschauerraum näher als man will. Wo der „Reichsbürger“ in uns lauert und wo die Verführbarkeit anfängt, auch diese Frage lässt der Theatertext nicht außer Acht.

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