Essener Stadtteile (17)

Das Essener Südviertel ist ein Lebensgefühl

Das Essener Südviertel mit seinen Wohnhäusern und Bürotürmen: Michael Gohl ließ den Multicopter mit der Kamera für diese Perspektive im Stadtgarten aufsteigen. Hinter dem Bahnhof in der Bildmitte sind Handelshof und Rathaus gut zu erkennen. Foto: Michael Gohl / FUNKE Foto Services

Das Essener Südviertel mit seinen Wohnhäusern und Bürotürmen: Michael Gohl ließ den Multicopter mit der Kamera für diese Perspektive im Stadtgarten aufsteigen. Hinter dem Bahnhof in der Bildmitte sind Handelshof und Rathaus gut zu erkennen. Foto: Michael Gohl / FUNKE Foto Services

Foto: WAZ FotoPool

Essen.   Das Südviertel hat nur auf dem Papier klare Grenzen. Denn viele, die eigentlich in Rüttenscheid oder Huttrop wohnen, zählen sich dazu. Folge 17 unserer Stadtteil-Serie.

Schon vor dem Bummel durch das Essener Südviertel gibt es die ersten Missverständnisse: Denn die Wandastraße, die Von-Seeckt-Straße, der Moltkeplatz und auch die Witteringstraße liegen allesamt NICHT im Südviertel. „Gefühlt aber doch“, sagt Conny Niermann fast trotzig und spricht damit aus, was viele, die rund um den Stadtteil wohnen, denken: Sie alle fühlen sich dem urbanen und lebendigen Viertel näher als Rüttenscheid, Bergerhausen oder Huttrop.

Das Essener Südviertel hat mehr zu bieten als den Isenbergplatz

„Die Stimmung hier ist halt ganz besonders, man kennt sich wie in einem Dorf“, sagt die 59-jährige Inhaberin des Szenetreffs „Viertelliebe“, die das Südviertel gerne als ihr Wohnzimmer betrachtet. Und, wie zur Bestätigung ihrer Worte, gleich bei den ersten Schritten Richtung Isenbergplatz zehn Bekannte trifft und herzt. Die Gastronomin ist ein bisschen wie die Mutter des Südviertels, in dem sie vor sieben Jahren ihre Bar „Madame Chocolat“ an der Moltkestraße eröffnete, die im Frühjahr einem tragischen Brand zum Opfer fiel.

Auch wenn sich das Leben rund um den Isenbergplatz, der mit seinen Kneipen und Cafés das offensichtliche Zentrum des Stadtteils ist, abspielt – das Südviertel ist und kann mehr. Seine unterschiedlichen Gesichter lesen sich so: Da ist die Hochhaus-Silhouette mit den modernen Energiekonzernzentralen am Anfang der Rellinghauserstraße, die Kulturmeile mit Aalto-Theater und Philharmonie, die grüne Lunge Stadtgarten, die baumgesäumte Huyssenallee, das renommierte Museum Folkwang und das Glückaufhaus. Geschichte. Nicht zu vergessen, dass hier die wichtigsten Akteure der Region ihren Sitz haben: Die Emschergenossenschaft, der Ruhrverband und der Regionalverband Ruhr residieren an der Kronprinzenstraße. „Das alles gehört tatsächlich zum Südviertel?“, fragt Conny Niermann und staunt dann doch ein wenig. (zu einer interaktiven Karte der Stadt mit Stadtteilgrenzen)

Inzwischen haben wir den Isenbergplatz hinter uns gelassen und laufen entlang der vierspurigen Hohenzollernstraße Richtung Glückaufhaus, das eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. Ernst Bode erbaute das repräsentative Bürohaus 1922/23 für die Verbände des Steinkohlebergbaus; 1935 beanspruchten die Nationalsozialisten das markante Backsteingebäude und richteten dort ihre Gauleitung ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg vom Gesamtverband des Deutschen Steinkohlebergbaus jahrzehntelang genutzt, wurde es nach dem Wegzug aufwendig restauriert.

Glückaufhaus und Museum Folkwang liegen nicht in Rüttenscheid

Bekannter als das Bürogebäude ist allerdings das Filmstudio Glückauf im Untergeschoss: Bereits 1924 als kommunales Reformkino eröffnet, ist es das älteste erhaltene Kino in Essen. „Mein Lieblingskino“, sagt Conny Niermann, die, wie viele Essener, lange dachte, es sei in Rüttenscheid (zum Stadtteil-Porträt) beheimatet.

Ein Irrtum, der auch das benachbarte Museum Folkwang einschließt: Es liegt, genauso wie der Bismarckplatz, die ehemalige Luisenschule und das Haus der Geschichte, im Südviertel, das hier seine weniger schöne Seite zeigt: Wer hier lebt, wohnt eingeklemmt zwischen den dicht befahrenen Verkehrssachsen Alfred-, Bismarck und Friedrichstraße.

Einstiger Prachtboulevard Huyssenallee wartet auf Wiederbelebung

Auf dem Rückweg kreuzen wir die Huyssenallee, die mal die Prachtstraße schlechthin war. Der Essener Industrielle Heinrich Arnold Huyssen schenkte der Stadt 1865 das Grundstück zur „...Anlegung einer hübschen Allee zwischen der Huyssensstiftung und dem städtischen Garten ...“. Heute wartet der einstige Prachtboulevard auf Wiederbelebung, Die lässt allerdings noch auf sich warten, wovon die Leerstände der Büro- und Geschäftsgebäude zeugen.

Auch entlang der Moltkestraße stehen diverse kleine Ladenlokale leer. Dabei hat sich das kurze Stück zwischen Rellinghauser- und Richard-Wagner-Straße eigentlich gut entwickelt, haben sich hier alternative „Szeneläden“ wie das Südrock oder das Café Livre etabliert. „Nicht zu vergessen das Tofino“, ergänzt Conny Niermann und da sind wir wieder beim alten Thema: Der hippe Hamburgerladen gehört nämlich postalisch zu Rüttenscheid. „Auch auf die Gefahr, dass mich wiederhole: Gefühlt liegt das Tofino doch im Südviertel“, sagt sie und lacht.

Die zweite Seite dieses Artikels handelt vom Stadtgarten. Außerdem finden Sie dort Statistiken zum Stadtteil und Links zu allen Folgen unserer Stadtteilserie:

Der Essener Stadtgarten ist das Herzstück des Südviertels 

Es ist so ein typischer warmer Sommerabend im Essener Stadtgarten: Der Geruch von gegrilltem Fleisch liegt in der Luft und die Wiesen rund um den Teich sind bevölkert. Ein junges Paar spielt Frisbee, daneben kicken fünf türkischstämmige Jungs, und unter einer großen Kastanie hat sich gleich eine ganze Familienbande zusammengefunden und packt die mitgebrachten Kühltaschen aus.

Viele Südviertelbewohner nutzen diesen innerstädtischen Park wie ihren eigenen Garten, und genau dafür wurde er 1864 angelegt. Als „Essener gemeinnützige Aktiengesellschaft“ hatten sich damals die Bürger zusammengeschlossen, um im wachsenden industriellen Umfeld einen grünen Erholungsort mit einem Veranstaltungsgebäude zu schaffen: So entstand nicht nur die, bis zur Errichtung der Gruga, größte öffentlich zugängliche Grünanlage, sondern mit dem Saalbau auch die gute Stube der Stadt.