Ermittlungen

Clan fingiert Unfälle: Polizei nimmt Gutachter ins Visier

Die Essener Polizei ist sogenannten Autobumsern auf die Spur gekommen, die mit provozierten Unfällen viel Geld gemacht haben sollen.

Die Essener Polizei ist sogenannten Autobumsern auf die Spur gekommen, die mit provozierten Unfällen viel Geld gemacht haben sollen.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Polizei Essen ermittelt gegen Autobumser, die viel Geld gemacht haben sollen. Jetzt gibt es den Verdacht: Sie haben nicht alleine betrogen.

Kriminelle Mitglieder eines Familienclans sollen in Essen eine Vielzahl von Verkehrsunfällen fingiert und Versicherungen gewerbsmäßig betrogen haben - und das nicht ohne Unterstützung von „offizieller“ Seite: Gefällige Gutachter stehen unter dem dringenden Verdacht, die Schadenssummen über Gebühr in die Höhe getrieben haben, um am Ende maximalen Profit herauszuschlagen. Darauf gebe es „deutliche Hinweise“, sagte Thomas Weise von der Abteilung für Clan-Kriminalität bei der Essener Polizei auf Nachfrage. Es werde bereits gegen „mehrere Verdächtige“ ermittelt. Eine genaue Zahl nennt die Behörde noch nicht.

Nachdem die Polizei das betrügerische Geschäftsfeld des Essener Clans nach intensiven Ermittlungen aufgedeckt und neun Verdächtige einer Großfamilie ins Visier genommen hatte, ist aber nicht nur die Zahl der Beteiligten in dem betrügerischen Netzwerk gestiegen, sondern auch die der vorsätzlich herbeigeführten Unfälle: Die Ermittler, so Weise, gehen inzwischen von rund 60 Autobumsereien und einem dadurch entstandenen Gesamtschaden in Höhe von rund 500.000 Euro aus – in dieser Summe enthalten seien nicht nur die Schäden an den Fahrzeugen und die dafür ausgezahlten Versicherungsgelder, sondern auch die Kosten für Gutachter, Rechtsanwälte und Gerichtsprozesse.

Unbeteiligte Verkehrsteilnehmer in große Gefahr gebracht

Eineinhalb Jahre ermittelte die Polizei, bevor Einsatzkräfte im Februar dieses Jahres im Essener Norden zuschlugen: Sechs Objekte, darunter auch Wohnungen der Verdächtigen, wurden binnen sechs Stunden durchsucht, zwei Audis, zwei Mercedes, ein Abschleppwagen und ein hoher vierstelliger Bargeldbetrag sichergestellt, obwohl die mutmaßlichen Täter keinen Job haben sollen. „Meines Wissens gehen die Familienmitglieder keiner beruflichen Tätigkeit nach“, sagte Günter Sünder, der als Chef des Verkehrskommissariats 4 die Ermittlungen geführt hatte.

Festnahmen gab es bei der konzertierten Aktion keine. Die Verdächtigen, die zumindest teilweise bereits in der Vergangenheit durch Körperverletzungs- und Eigentumsdelikte aufgefallen sind, haben einen festen Wohnsitz. Die Staatsanwaltschaft sah weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr. Die Polizei machte bislang keine Angaben zu ihrer Herkunft.

Glücklicherweise wurde bei den Kollisionen niemand verletzt

Die neun Männer sollen aber nicht nur Versicherungen gewerbsmäßig betrogen, sondern auch unbeteiligte Verkehrsteilnehmer, die nichts Böses ahnten in große Gefahr gebracht haben. Zwei Drittel der Unfälle trafen Opfer, die sich die die Täter wahllos ausgesucht hatten. Mit preiswert aufgekauften Autos und teils ohne Fahrerlaubnis kurvten sie scheinbar ziellos durch die Stadt. Doch bot sich eine günstige Gelegenheit, rammten sie fremde Autos, um den Unfallgegner oder Versicherungsgesellschaften zu betrügen und das Geld einzustreichen. Glücklicherweise wurde bei den Kollisionen niemand verletzt, heißt es bei der Polizei.

Gegen die neun Verdächtigen der Großfamilie ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft weiterhin wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und gewerbsmäßigen Betrugs. Für diese Delikte gilt fast gleichermaßen eine Mindesthaftstrafe von einem Jahr.

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