Pflege

Ambulante Pflege: „Ich möchte irgendwann zu Hause sterben“

Altenpfleger Thorsten Peitz vom cse-Pflegenzentrum ist regelmäßig bei Helmut Buro. Die Rasur gehört fest zum Pflegeprogramm.

Altenpfleger Thorsten Peitz vom cse-Pflegenzentrum ist regelmäßig bei Helmut Buro. Die Rasur gehört fest zum Pflegeprogramm.

Foto: Lukas Schulze / FUNKE Foto Services

Essen.  Wie kann man trotz großer Pflegebedürftigkeit in Würde zu Hause altern? Wir haben einen MS-Patienten und seinen Pfleger begleitet.

„Ich möchte irgendwann zu Hause sterben“, sagt Helmut Buro fast beiläufig, während Pfleger Thorsten Peitz ihn nach frischer Rasur mit Parfüm besprüht. „Bruno Banani, da duften sie wie ein Iltis“, übergeht der Altenpfleger die Bemerkung über den Tod geflissentlich, lacht und greift sich den Plastikkamm von der Anrichte des beige gefliesten Badezimmers. Sieht man von dem Schlafanzug ab, sieht der 79-Jährige wenig später fast so aus, als wolle er auf der nahe gelegenen Rüttenscheider Straße flanieren gehen.

Schon als Jugendlicher wird bei Helmut Buro Multiple Sklerose diagnostiziert

Dabei hat der pensionierte Grundschullehrer seine Wohnung seit seinem Geburtstag Ende Mai nicht mehr verlassen: Solche Ausflüge sind für ihn viel zu anstrengend. Schon als Jugendlicher wird bei Helmut Buro Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert.

Die Krankheit prägt sein Leben, bestimmt es aber nicht. Das ändert sich vor mehr als zehn Jahren, als er nach einem Sturz nicht wieder auf die Beine kommt. Selbst das längere Sitzen auf einem Stuhl ist für ihn mittlerweile zu anstrengend. Dennoch frühstückt er zwei Mal die Woche in seiner Küche. Immer dann, wenn die Hauswirtschafterin kommt, die für ihn kocht und die Wohnung putzt. Zu allen anderen Zeiten ist das höhenverstellbare Pflegebett der Lebensmittelpunkt von Helmut Buro.

Ambulanter Pflegedienst der cse kommt drei Mal am Tag

Drei Mal am Tag kommt der ambulante Pflegedienst der Essener cse vorbei, ein Zusammenschluss der Caritas und des Sozialdienstes katholischer Frauen. Helmut Buro ist einer von 15 bis 20 Patienten, die Altenpfleger Thorsten Peitz täglich im Schichtdienst versorgt. In seinem früheren Leben war der 53-Jährige Stuckateur. „Ich bin kein Baustellenheld. Als ich mir dann bei der Arbeit das Knie verdreht habe, war für mich klar, dass ich einen Neuanfang brauche“, begründet Peitz seine Entscheidung, mit Mitte 30 beruflich nochmal ganz von vorn zu beginnen.

Eine Freundin überzeugt ihn von einem Praktikum im Marie-Juchacz-Haus, einem Altenheim in Essen-Haarzopf. „Nach drei Tagen Früh- und zwei Tagen Spätschicht wusste ich, dass Altenpflege genau mein Ding ist“, erinnert sich Thorsten Peitz. Er setzt sich kleiner, absolviert die Ausbildung und hat den Schritt bis heute nie bereut. „Da war diese Dame, die meinen Kopf in beide Hände genommen hat, mich anschaute und sagte: ,Junge, ist das schön mit dir’“, erzählt der Altenpfleger. Momentaufnahmen wie diese zeigten ihm, wie wertvoll seine Arbeit ist.

Schicksalsschläge haben den Lebensmut nicht genommen

Dankbarkeit empfindet auch Helmut Buro: „Die Pfleger sind alle gut zu mir“, sagt der freundliche Senior, „und ich kann in meinen vier Wänden bleiben. Das ist doch mein Haus, ich will hier nicht mehr weg.“ Dank seines Fernsehers sei er „mit der ganzen Welt verbunden“, außerdem lese er viel. Seine Frau starb schon Mitte der 1980er-Jahre, „Brustkrebs“, fügt Buro leise hinzu. Kinder hatte das Paar nicht, sein Schwager komme ihn ab und zu besuchen.

Die Schicksalsschläge haben ihm seinen Lebensmut nicht genommen, im Gegenteil: Buro lacht viel, bringt sich in Gespräche ein. Das habe er auch seinem Glauben zu verdanken, sagt er. Als Thorsten Peitz ihn auf seinem Toilettenstuhl zurück zum großen Wohn- und Schlafzimmer schiebt, tätschelt er die große goldene Madonna, die im Flur steht. „Einmal im Monat kommt der Pastor und bringt mir die Kommunion, das ist mir wichtig“, sagt der Rentner.

In der Pflegedokumentation wird der Alltag minuziös festgehalten

Er lasse sich nicht hängen, lobt auch Thorsten Peitz, während er den kräftigen Mann vom Toilettenstuhl wieder zurück ins Bett hebt – ein Knochenjob. „Ich kenne keinen Altenpfleger ohne Rückenschmerzen“, sagt Peitz. Bei der Pflegekasse sei nun endlich ein Lifter für Helmut Buro bestellt worden: eine mobile Trage, die die Pflegekräfte und vor allen deren Gelenke entlasten soll. Thorsten Peitz deckt seinen Patienten zu, kontrolliert danach noch eine Wunde an den Füßen: weißer Hautkrebs, der den Senior auch im Gesicht plagt. Thorsten Peitz wechselt das Pflaster, schnappt sich danach eine dicke weiße Mappe.

Die Pflegedokumentation ist so etwas wie die Akte zu Helmut Buros Leben. Neben der kompletten Anamnese und seiner Medikation wird der Alltag darin minuziös festgehalten: In welchen Positionen der Patient im Bett gelagert wurde, wie viel er getrunken hat, wie sein Gefühlszustand ist. „Eine gute Dokumentation ist wichtig – für unsere Absicherung und damit alle Kollegen im Team gebrieft sind“, erklärt Peitz.

Nach etwa 20 Minuten verabschiedet er sich von Helmut Buro, der sich im Bett bereits sein Mittagessen schmecken lässt, Grünkohl mit Mettwurst. Ob sein Job ihm manchmal Angst vorm Alter mache? Thorsten Peitz schüttelt den Kopf: „Nein, solange ich an Pfleger gerate, die ihren Job so gerne machen wie ich, habe ich da keine Sorgen.“

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