Preisverleihung

Als erster Fotograf erhält Gert Weigelt den Tanzpreis

Fotograf Gert Weigelt zwischen Choreografin Isabelle Schad und Tanz- und Videokünsterin Jo Parkes, die beim Deutschen Tanzpreis ebenfalls ausgezeichnet werden.

Fotograf Gert Weigelt zwischen Choreografin Isabelle Schad und Tanz- und Videokünsterin Jo Parkes, die beim Deutschen Tanzpreis ebenfalls ausgezeichnet werden.

Foto: Julia Tillmann / Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Gert Weigelt feiert mit seinen Bildern Körper und Bewegung. Jetzt wird er im Aalto-Theater selbst gefeiert mit der höchsten Tanzauszeichnung.

Essen. Für Gert Weigelt sind Ballettsäle seit über 50 Jahren eine Heimat. Zunächst als Tänzer, dann als Tanzchronist. Mit seiner inszenierten Porträt- und Körperfotografie wurde er ebenso bekannt wie mit präzisen Bildern, die Bewegungskunst aus ungeahnten Perspektiven zeigt. Dass er dem Tanztheater zum Durchbruch verholfen hat, ist nur einer seiner Verdienste, für die der 76-Jährige im Aalto-Theater den Deutschen Tanzpreis erhält. Dagmar Schwalm sprach mit dem Preisträger.

Herr Weigelt, was wurde bei Ihnen zuerst geweckt - die Liebe zum Tanz oder zur Fotografie?

Ich habe schon im Gymnasium fotografiert. Ich bin eigentlich über die Fotografie zum Tanz gekommen. Die Fotos von Siegfried Enkelmann haben mich sehr angetörnt, Tänzer zu werden.

Sie waren beim Königlich Schwedischen Ballett, beim Cullberg-Ballett und Netherlands Dans Theater engagiert, haben mit Hans van Manen, Jiří Kylián, Maurice Béjart oder Kurt Jooss gearbeitet. Wie lernten Sie den Folkwang-Mitbegründer kennen?

Ich habe ihn in Stockholm kennengelernt. „Der grüne Tisch“ wurde fürs Fernsehen eingerichtet. Ich war der Fahnenträger. Es war eine gute Arbeit. Seine Ruhe, Geduld, Fokussierung habe ich sehr geschätzt.

Wie lang war die Tanzphase?

Die Phase war mit 11 Jahren relativ kurz. Wenn man nicht im Wolkenkuckucksheim lebt, weiß man, dass man ab 30 die Form nicht lange halten kann. 1975 ging ich mit 32 nach Köln, um die Energie, die mir blieb, zu nutzen und Fotografie zu studieren. Letztlich bin ich dem Tanz treu geblieben.

Es dauerte nicht lange, da entdeckten Sie die ehemalige Leiterin des Folkwang-Studios, Pina Bausch, die in Wuppertal Furore machte. Wie vertraut waren Sie mit ihr?

Sie machte „Sacre du printemps“. Ich habe es fotografiert und war hin und weg. Bei „Bandoneon“ habe ich auf der Stuhlkante gehockt. Das war einfach aufregend und frisch. Sie hat mit dem Tanztheater ein eigenes Genre entdeckt. Ich habe über 30 Jahre jede ihrer Choreografien fotografiert, aber nie mit ihr direkt gearbeitet, nur über Bande. Sie hatte ja ihre Produktionsfotografin Ulli Weiss. Ich war auf eigene Kappe dort. Man muss tun, was man selber gut findet, sonst kann man keinen Stil entwickeln.

Welche Vorlieben haben Sie, wenn Sie sich Tanz anschauen?

An der Basis, dem klassischen Tanz, kann ich mich erfreuen. Und am Tanztheater. Aber nach Pina existiert das Genre nicht mehr.

Bekannt geworden sind Sie in den 1980er und 1990er Jahren mit Porträts und inszenierter Körperfotografie. Machen Sie die heute noch oder ist die Zeit der Bilder mit Sex-Appeal vorbei?

Seit ich kein Atelier habe, was sehr schmerzt, nicht mehr. Meine Kampagnen entstehen in einem freien Ballettsaal. Alles hat seine Zeit. Vielleicht hat sich die Art und Weise überlebt. Ich würde mir ein Atelier wünschen. Vielleicht würde ein Alterswerk zustande kommen.

Sie haben stets mit Tänzern gearbeitet, nie mit Models. Warum?

Ich liebe Muskelspannung und Sehnenstränge. Meine Materie sind Tänzer, meine Heimat sind Ballettsäle.

Sie haben in Ihrer Arbeit viele künstlerische Partnerschaften mit herausragenden Choreografen geschlossen. Die mit Martin Schläpfer vom Ballett am Rhein hält über 11 Jahre an. Was schätzen Sie an ihm?

Er macht eine starke Repertoirepolitik. Er zeigt Taylor und Cunningham und hat Tänzer, die das eine wie das andere beherrschen. Und dass da einer eine künstlerische Vision hat.

Bleiben nach über 40 Jahren Fotografie noch Wünsche offen?

Es gibt einige Compagnien, die ich nicht fotografiert habe. Das New York City Ballet zum Beispiel. Aber ich kann mit dem, was ich gemacht habe, zufrieden sein.

Nun erhalten Sie den Deutschen Tanzpreis. Was ist das für ein Gefühl, mit Hans van Manen, Pina Bausch, John Neumeier oder Ihrer ehemaligen Lehrerin Tatjana Gsovsky in einer Reihe zu stehen?

Ich würde sagen: Demut. Da stockt mir schon der Atem. Aber ich werde nicht abheben.

Tanzgala mit Ensembles aus München, Berlin und Amsterdam

Der Dachverband Tanz Deutschland hat einiges auf die Beine gestellt, um Preisträger und Ausgezeichnete zu würdigen. Nach der Tagung „Positionen: Tanz“, die bereits am 18. Oktober auf Pact Zollverein startet, werden Choreografin Isabelle Schad und Tanz- und Videokünstlerin Jo Parkes auch bei der Tanzpreisgala am 19. Oktober im Aalto-Theater mit einem hochkarätigen Programm und jeweils 5.000 Euro gewürdigt. Im Mittelpunkt steht Fotograf Gert Weigelt. Sein Preis ist mit 20.000 Euro dotiert.

Doch Geld allein macht nicht glücklich. Mit der Tanzpreisgala, die sich inhaltlich auf die Verdienste der Geehrten bezieht, soll es gelingen. Eine Videoinstallation zeigt auf zehn Monitoren Jo Parkes Arbeit unter dem Titel „Tanz und Teilhabe“. Von Isabelle Schad und Laurent Goldring werden Auszüge aus „Collective Jumps“ gezeigt. Mit dem Bayerischen Junior Ballett München, Staatsballett Berlin begleitet von den Essener Philharmonikern, Het Nationale Ballet Amsterdam, dem Ballett am Rhein Düsseldorf/ Düsseldorf sowie den Solisten Lutz Förster, Marlúcia do Amaral, Iana Salenko und Daniil Simkin macht man Gert Weigelt eine Freude. Er hatte sich Choreografien von Pina Bausch, van Manen, Balanchine und Schläpfer gewünscht.

Die Erfüllung der Wünsche gestaltete sich nicht ganz einfach. „Die mussten sich dabei nach der Decke strecken“, sagt Gert Weigelt im Gespräch. Der Juryvorsitzende des Tanzpreises, „Martin Puttke machte einiges möglich“. Aber auch der langjährige Weggefährte Martin Schläpfer hat seinen Beitrag geleistet. Die brasilianische Ballerina Marlúcia do Amaral war eigentlich an dem Abend als Odette für „Schwanensee“ vorgesehen und tanzt nun dessen Stück „Ramifications“ auf der Aalto-Bühne. Fotografisch kongenial begleitet hatte es zur Premiere 2010 Gert Weigelt.

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