Trauerfeier in Horst

Essen: Hunderte nehmen Abschied von getötetem 14-Jährigen

Freunde und Anwohner stellen am Dienstag, 21. April 2020, am Tatort in der Carl-Wolf-Straße in Essen Kerzen zum Gedenken an den getöteten M. (14) auf.

Freunde und Anwohner stellen am Dienstag, 21. April 2020, am Tatort in der Carl-Wolf-Straße in Essen Kerzen zum Gedenken an den getöteten M. (14) auf.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen.  Kerzenschein, Musik und Tränen gehören in Essen-Horst zu dem bewegenden Abend, an dem Hunderte Abschied von dem getöteten 14-Jährigen nehmen.

Die anbrechende Dunkelheit kann ihre Tränen nicht verbergen, sie stehen im Kreis um die brennenden Kerzen und halten sich fest: Freunde, Bekannte, Nachbarn und Fremde sind an diesem Abend dorthin gekommen, wo M. sein junges Leben verlor. Der 14-Jährige wurde in der Nacht zu Sonntag neben der Bushaltestelle Carl-Wolf-Straße am Von-Ossietzky-Ring getötet, wo nun zahllose Lichter für ihn brennen, die Blumen für ihn liegen – ein letzter Gruß, ein endgültiger Abschied.

An der Trauerfeier in Horst, zu der Freunde über Whatsapp aufgerufen haben, nehmen etwa die beiden Mädchen teil, die M. in der Erich-Kästner-Schule täglich trafen, weil sie in die Parallelklasse gehen. „Morgens hat mir eine Freundin geschrieben, dass er gestorben ist“, sagt eine der 15-Jährigen. Und weiß nun, dass ein 17-Jähriger in Untersuchungshaft sitzt, weil er M. mit einem einzigen Messerstich getötet haben soll. Sie habe das nicht glauben können und muss sich nun verabschieden: „Ich möchte ihm zeigen, dass ich da bin, auch wenn er es nicht mehr ist.“

Manche Nachbarn kommen immer wieder an den Tatort

Dass M. von einem auf den anderen Tag nicht mehr da ist, „das ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann“, sagt eine 54-Jährige tief betroffen. Das sei doch noch ein ganz kleiner Junge gewesen, so wie ihr Sohn. Er starb im gleichen Alter, an Krebs. Nun ist sie zum dritten Mal an die Stelle gekommen, wo die Tat geschah. Ihr zweiter Sohn (29) sei noch viel öfter hier gewesen, erzählt sie, während aus allen Richtungen Jugendliche herbeiströmen, Kinder mit Eltern, ältere Nachbarn ebenfalls – am Ende sind es wohl Hunderte.

Die Polizei – mit mehreren Einsatzwagen vor Ort – spricht die Menschen an, geduldig, behutsam. Am Ende werden sie dafür große Dankbarkeit ernten. „Wir haben uns bewusst entscheiden, die Trauer der Menschen zuzulassen“, erklärt Polizeisprecher Christoph Wickhorst, gleichwohl lasse man die Corona-Vorschriften nicht außer acht. So schallt es aus dem Lautsprecher durch die Dämmerung: „Wir kennen den Anlass, aus dem sie gekommen sind. Wir wollen sie betreuen, nicht stören.“ Wiederholt folgt der Hinweis, sich bitte in Zweiergruppen aufzustellen, nicht so dicht beinander zu stehen.

Mutter und Großmutter stehen der trauernden Tochter und Enkelin bei

Beistehen möchten Mutter und Großmutter einer Zwölfjährigen, die M. als fröhlichen Jungen kannte. „Er hat uns immer zum Lachen gebracht“, erzählt diese. Geboxt habe er und sei ein guter Schüler gewesen, sagt ihre Mutter. Sie sind zu dritt aus dem Bergmannsfeld gekommen. Das Mädchen weine schon seit zwei Tagen weine. An diesem Abend weinen sie alle gemeinsam, während Musik ertönt Rap, Klavier, dann Applaus und immer wieder schmerzerfülltes Schluchzen.

Unter den Trauernden ist der Kfz-Mechatroniker, der nun morgens und abends an der Haltestelle vorbei zur Arbeit und wieder nach Hause fährt. Dort hat er vom Balkon mit angesehen, wie die Rettungskräfte M. mitgenommen haben. Erst am Tag danach hat er erfahren, dass ein 14-Jähriger gestorben ist. Nun steht der 35-Jährige gegenüber des Haltes mit seiner Schwester, dem Schwager und den Nichten.

Großvater und Enkel kommen gemeinsam, um Abschied zu nehmen

„Als ich erfahren habe, dass M. der Cousin meines Freundes gewesen ist, hat mich das noch mehr getroffen“, erzählt ein 17-Jähriger, der eine Kerze aufgestellt hat, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Mit ihm ist sein Großvater gekommen, den die Tat schmerzt, den aber ebenso der mitunter schlechte Ruf des Viertels stört, das der Von-Ossietzky-Ring in zwei Hälften teilt: Die eine geprägt durch zahlreiche Hochhäuser, der anderen verleihen die Reihenhäuser ihren Charakter. 45 Jahre wohne er am Rand seines „Feldes“, wie er das Hörsterfeld nennt, aber so etwas Schlimmes habe er noch nie erlebt. Prügeleien gebe es durchaus, „geprügelt haben wir uns als Jugendliche doch auch“, sagt er.

Aber nun war offenbar ein Messer im Spiel, mit dem der 17-Jährige zugestochen haben soll, laut Obduktionsbericht reichte ein Stich für die tödliche Verletzung, der alle Rettungsversuche von Nachbarn, Polizisten und Notarzt vergeblich machte. Die Freunde, die mit M. in dieser Nacht zusammen waren, sind es nun auch – ohne ihn klafft eine Lücke. In der Nacht zum 19. April seien sie zusammen gewesen, zwei von ihnen hätten Geburtstag gefeiert. Jetzt spenden ihnen Umarmungen Trost. Trauer ohne Nähe, das schließt sich in diesem Augenblick aus. Abschied mit Abstand, das ist ihnen in ihrem Schmerz nicht möglich.

Freunde und Bekannte sind auch aus Kettwig und Stoppenberg gekommen

Weitere Freunde und Bekannte sind aus Kettwig oder Stoppenberg gekommen, neben ihnen stehen die Nachbarn wie Helmut Wilhelm, die im gleichen Haus wie die Familie von M. wohnt. Die Eltern habe er in der Menge entdeckt. „Der war immer nett, hat uns die Tür aufgehalten“, erinnert sich der 61-Jährige. Jetzt zählen zu seinen Erinnerungen allerdings auch der Schock über die Nachricht am nächsten Morgen und der Lärm des Hubschraubers in der Tatnacht zuvor, in der die Polizei den 17-jährigen Verdächtigen wenig später in einer Parkanlage fand.

Das Opfer, so beschreibt es ein 15-Jähriger, sei wie ein Bruder für ihn gewesen. Sie kannten sich seit der Grundschule. „Es war der Bruder von meinem besten Freund“, wirft ein Zwölfjähriger ein. Sie alle bilden einen großen Kreis, ein enormer Zusammenhalt ist spürbar: Horst trauert gemeinsam um M., verleiht der Trauer auch mit Stofftieren und Worten Ausdruck, die in den Rahmen zwischen den Kerzen stehen. „Du bist unser Held“, steht dort neben einem Foto von M. Bunte Rosen liegen auf Gehweg, auf dem auch der 14-Jährige schwer verletzt lag.

Ein Plakat für M. hängt an der Bushaltestelle

Sie spielen noch ein Lied für den 14-Jährigen, bevor die Polizei sich erneut an die Menschen wendet. Es ist gleich 22 Uhr, „wir haben ihnen nun genügend Gelegenheit gegeben, um zu trauern“, heißt es verbunden mit der Aufforderung, die Runde zu verlassen, der sie nun nach rund einer Stunde still folgen. Nach und nach löst sich die Gemeinschaft auf, die Trauer, Fassungslosigkeit und Verzweiflung an diesem Abend zusammengebracht haben.

Zurück bleiben der helle Kerzenschein auf dem Boden und ein Plakat an der Bushaltestelle. Viele haben darauf unterschrieben, haben Herzen dazu gemalt, in die Mitte groß Ms Namen geschrieben. „Du bist ein Engel im Paradies“, hat jemand geschrieben. Und: „Du hättest die Chance haben sollen, Dein Leben zu leben.“

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