Geschichte

Wie Schwelm seine Fußgängerzone bekam

Eine historische Ansicht der Schwelmer Hauptstraße aus dem Stadtarchiv. Die Straße erhielt ihren Namen erst nach dem Zweiten Weltkrieg.    

Eine historische Ansicht der Schwelmer Hauptstraße aus dem Stadtarchiv. Die Straße erhielt ihren Namen erst nach dem Zweiten Weltkrieg.    

Foto: Stadtarchiv

Schwelm.  In einem Vortrag schildert Referentin Heike Rudolph Schwelms Stadtentwicklung vom großen Brand 1827 bis zur künftigen „Neuen Mitte“.

Natürlich kann man 192 Jahre Stadtentwicklung nicht in einer Stunde erklären. Trotzdem gelang es Journalistin Heike Rudolph, in nur 60 Minuten viel Wissenswertes über die Entstehung der Hauptstraße zu erzählen. „Von der Geraden Straße bis zur Fußgängerzone“ lautete ihr Thema, das rund 80 aufgeschlossene Zuhörer ins Haus Martfeld lockte. Der Vortrag fand im Zuge der Vortragsreihe „Altes neu entdeckt“ statt, zu der die Wilhelm-Erfurt-Stiftung und der Verein für Heimatkunde einladen.

Rudolph schilderte die turbulenten Umstände rund um den Bau der „Geraden Straße“. So führte der große Brand von 1827 zum Bau einer begradigten Straße, die abschnittsweise „Barmer Straße“ hieß und später, bis 1934, „Neustraße“. Sie musste sich in der Zeit des Nationalsozialismus die Umbenennung in „Adolf-Hitler-Straße“ gefallen lassen und wurde nach dem Krieg zur „Hauptstraße“. Heute ist diese Straße zum großen Teil die Fußgängerzone.

Unglück gibt Entwicklungsanstoß

Bis 1827 hatte die verschachtelte Innenstadt kaum räumliche Entwicklung zugelassen. Am 22. September 1827 geschah aber ein Unglück: „Eine auf Holzdielen gelagerte Ofenpfeife entzündete ein Haus am Mühlenteich“. Durch den Wind soll das Feuer ein paar Häuserreihen übersprungen haben, um dann weitere Gebäude anzugreifen. „Die Sturmglocke, das Gellen der Feuerhörner und das Rasseln der Trommeln riefen die Bürger um Hilfe. Aber trotz tatkräftigen Löschens konnte die Ausbreitung des Feuers, vom heftigen Südwestwind immer wieder angefacht, nicht verhindert werden. Mancher der Löschenden brach auch aus der Kette aus und versuchte, sein eigenes Haus und seine Habe zu retten“. 41 Häuser, die katholische Kirche mit Pfarrhaus und die Bürgerschule waren niedergebrannt. 400 Menschen mussten versorgt werden.

Für den Oberpräsidenten Freiherr von Vincke in Münster, einen reformfreudigen und hohen preußischen Beamten, stand früh fest: „Es würde unverzeihlich sein, wenn das Unglück nicht benützt würde, um die wesentlichen Mängel der bisherigen Passage in Schwelm auf der Hauptverbindungsstraße der östlichen und westlichen Monarchie zu beseitigen“. Und die preußische Regierung stellte noch im November 1827 klar, dass eine „Bauunterstützung von der veränderten Konstruktion der engen Straßen abhängig gemacht werde“. Modern gesagt: Die Aussicht auf Fördermittel sollte willig stimmen.

Rudolph schilderte weiter, wie sich in der Folge nichts weniger als eine spannende Auseinandersetzung um unterschiedliche Interessen entspann, die im Grunde zur Bildung der ersten Schwelmer Bürgerinitiative führte. Die preußischen Behörden wollten die Gerade Straße durchsetzen, die Bau-Kommission dachte aber gar nicht so einheitlich, wie sie öffentlich auftrat. Schwelmer Bürger waren für oder gegen den Bau der Geraden Straße und ein Informant hielt die Behörden stets über die Lage in Schwelm auf dem Laufenden.

Für die Behörden lagen die Vorteile einer neuen geraden Straße auf der Hand: Die bestehende West-Ost-Passage stehe „dem bedeutend vermögenden Fabrikort Schwelm“ nicht gut zu Gesicht. Außerdem würden der Stadt in ihrer Mitte „schickliche Bauplätze zur Verschönerung der Gemeinde fehlen“.

Die Bürger waren geteilter Meinung. Einige wollten wieder auf ihren Grundstücken bauen oder ihre Gemüsegärten und Obsthöfe wieder herstellen, durch die die neue Straße führen würde. Andere hatten große Sorge wegen der Kosten für die neue Straße. Sie sollte eine Breite zwischen beiden Häuserlinien auf 36 Fuß (20 Fuß für den Fahrdamm und 8 Fuß für den Bürgersteig) haben.

Die Gegner der geraden Straße trugen sich in eine Unterschriftenliste ein. Prompt versuchte man, ihre Mitsprache zu schmälern, weil sie angeblich keine maßgeblichen Steuerzahler seien. Die „Bürgerinitiativler“ warfen das Recht auf Privateigentum in die Waagschale und meinten: Wenn der Staat solch ein starkes Interesse an der neuen Straße habe, könnte er sie ja auf Staatskosten bauen. Sie entzogen der Bau-Kommission das Vertrauen. Friedrich Wilhelm, König von Preußen, erteilte später die Genehmigung zum Bau der Geraden Straße. Die Eigentümer der Privatgrundstücke wurden verpflichtet, diese – gegen vollständige Entschädigung – an die Stadtgemeinde abzutreten.

Zukunft im Norden

Die Gerade Straße/Neustraße kam und entwickelte sich schnell. Mit ihr war das eigentliche Stadtzentrum um die Kirche herum ein Stück weit nach Norden gerückt. Und im Norden lag die Zukunft der Stadt, denn nur 20 Jahre später sollte Schwelm an die Eisenbahn angebunden werden. Auf der neuen Straße führte der Verkehr vom Barmer Tor direkt durch die Stadt zum Ostentor.

Mit dem neuen Gerichtsgebäude von 1838 und dem später errichteten zweiten Schwelmer Rathaus in der Neustraße 15/16 ließen sich an der „modernen“ Straße gleich zwei repräsentative Einrichtungen nieder. In den Räumen dieses Rathauses – wie auch später im dritten Schwelmer Rathaus – war zudem die Sparkasse als zentrale Einrichtung der Stadt untergebracht. Später baute die Sparkasse selbst repräsentativ neu (Alte Sparkasse) und dann, in den 1970er Jahren, noch einmal, wieder an der Hauptstraße. Sie wurde innerhalb von zwei Generationen zur Hauptgeschäftsstraße.

Der Verkehr wurde von der Straßenbahn und später immer stärker durch Pkw bestimmt, und das so intensiv, dass schon früh in Verwaltung und Politik die Überzeugung reifte, die Hauptstraße vom Verkehr zu entlasten. Heike Rudolph fasste zusammen, wie sich von 1972 bis Ende der 70er Jahre die Einrichtung der Fußgängerzone vollzog. Mit dieser Betrachtung leitete sie schließlich über zum Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept, dass der Stadtrat jüngst beschlossen hat.

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