Interview der Woche

Warum Gevelsberger Förderschule künftig noch wichtiger wird

Ulrike Tewes-Dominicus, ehemalige Leiterin der Gevelsberger Hasencleverschule.  

Ulrike Tewes-Dominicus, ehemalige Leiterin der Gevelsberger Hasencleverschule.  

Foto: MAx Kölsch

Gevelsberg.  Die frühere Leiterin der Gevelsberger Hasencleverschule Ulrike Tewes-Dominicus erklärt, wieso Förderschulen künftig noch wichtiger werden.

Über Jahre lenkte sie die Geschicke der Hasencleverschule, nun ist Ulrike Tewes-Dominicus im Ruhestand. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickt die nun ehemalige Förderschulleiterin auf ihren Abschied zurück. Dabei spricht sie auch über die Leidenschaft, mit der sie ihren Beruf auch weiterhin noch ausübt – und darüber, weshalb eine Förderschule auch in Zeiten der Inklusion immer wichtiger wird.

Frau Tewes-Dominicus, wie ist Ihr Abschied an der Hasencleverschule gelaufen?

Ulrike Tewes-Dominicus: Ich hatte einen ganz tollen und runden Abschied von der Schulgemeinde. Es gab eine Feier, zu der ich einige Gäste eingeladen hatte, die mich zum Teil durch meinen ganzen sonderschuldpädagogischen Weg begleitet haben – langjährige Kollegen, Freunde und Kooperationspartner der Hasencleverschule. Mir war wichtig, mich bei denen auch nochmal für die ganze positive Zusammenarbeit zu bedanken und zu zeigen, was für ein Netzwerk die Förderschule überhaupt hat, um die Arbeit zu leisten. Außerdem hatte das Kollegium mit den Schülerinnen und Schülern ein schönes, abwechslungsreiches und rührendes Programm gestaltet.

Obwohl Sie sich als Schulleiterin in den Ruhestand verabschiedet haben, unterrichten Sie derzeit noch weiter an der Hasencleverschule. Können Sie es doch nicht ganz sein lassen?

Es hat sicherlich damit zu tun, dass ich es nicht ganz sein lassen kann und dass ich das Gefühl habe: ich kann noch gut arbeiten und ich will auch noch arbeiten. Dass ich jetzt hier noch arbeite, hat damit zu tun, dass die Leitungsstelle bisher noch nicht wieder besetzt worden und der stellvertretende Schulleiter erkrankt ist. Da hab ich gedacht, ich kann hier noch ein bisschen unterstützen. Eigentlich habe ich vor, bei der Diakonie in Hagen in einem Projekt für schulabsente Jugendliche weiterzuarbeiten. Die werden da wieder auf einen regelmäßigen Schulbesuch vorbereitet. Da kann ich im November einsteigen und freue mich drauf. Ich habe schon immer gerne mit älteren und schwierigen Schülern gearbeitet.

Was macht die Hasencleverschule aus Ihrer Sicht aus? Warum ist Sie so wichtig?

Es gibt einfach Schüler, die ein umfassenderes Paket an Sicherheit und dem Gefühl, gesehen zu werden, brauchen. Schüler, die es brauchen, ein bisschen geführt zu werden und für die die inklusive Situation noch eine große Herausforderung ist.

Wir merken ja bei einigen, die aus der Inklusion zurücklaufen, dass die Regelschule dieses Angebot in der Tiefe und der Breite einfach nicht machen kann. Es gibt Schüler, die das in der Inklusion gut schaffen. Besonders die Grundschulen haben sich gut auf diese Gruppe eingestellt. Aber es bleiben immer Kinder über, für die das nicht ausreicht. Die einfach mehr Ansprache benötigen.

Was bedeutet das für die Inklusion?

Ich glaube, dass bei der Inklusion unterschätzt worden ist, welche Herausforderung eben besonders die Schüler mit dem Förderbedarf Lernen darstellen. Das sind nicht einfach „Slow learners“, wie der englische Begriff ist. Die Behinderung ist da komplexer und betrifft alle Entwicklungsbereiche. Eine Regelschule schafft das in den großen Gruppen nicht, das für alle zu berücksichtigen. Deshalb ist es wichtig, dass es Schulen wie die Hasencleverschule gibt. Das zeigt sich auch daran, dass unsere Schülerzahlen zumindest stabil geblieben sind bei gleichzeitigem Schülerschwund an allen anderen Schulen. Circa 15 Schüler wechseln immer im laufenden Schuljahr an die Hasencleverschule.

Die stabilen Schülerzahlen deuten ja darauf hin, dass Eltern beeinträchtigter Kinder doch eher den Spezialisten vertrauen. Würden Sie sagen, die Inklusion ist gescheitert?

Nein, gescheitert wäre zu hart ausgedrückt. Aber um bei Schülern mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ zu bleiben: Die entwickeln häufig in Überforderungssituationen Verhaltensauffälligkeiten. Dabei ist das noch nicht mal die Überforderung durch die Unterrichtsinhalte, sondern durch die gesamte Situation. Eben dadurch, dass sie wahrnehmen: ich kann nicht so schnell wie die anderen. Das kommt dann auch bei den Eltern an. Immer hinten hängen, ist einfach kein gutes Gefühl. Die Verhaltensauffälligkeiten führen dann dazu, dass Eltern überlegen, ihre Kinder an der Hasencleverschule anzumelden.

Funktioniert dieser Wechsel für die Schüler denn so einfach?

Viele bringen die Voraussetzungen nicht mit, um schulisch zu lernen. Da ist bei uns schon der Ansatz vorab, die ganzen Wahrnehmungsprozesse und die sozialemotionale Entwicklung soweit es geht zu fördern und zu stärken. Sich überhaupt etwas zuzutrauen, ist ein wesentlicher Punkt. Eines unserer Grundprinzipien ist Lernen am Erfolg. Es geht darum Schüler erstmal zu stabilisieren, dass sie sich zutrauen, etwas zu lernen. In Regelschulen ist Lernen für diese Kinder oft angstbesetzt.

Würden Sie sagen, dass Förderschulen wie die Hasencleverschule in Zukunft noch wichtiger werden?

Ich denke schon, dass sie wichtiger werden. Weil es immer mehr Kinder mit psychischen Störungen gibt. Das ist eine neue Entwicklung und da sehe ich im Moment auch kein Ende. Es gibt eine wachsende Gruppe von Kindern mit Lernproblematiken.

Woher kommt das?

Es gibt in den Familien immer mehr Probleme. Das kann man auch an den steigenden Mitteln ablesen, die ein Jugendamt aufwenden muss. Familien brauchen immer mehr Unterstützung. Das kommt auch bei uns an der Hasencleverschule an. Sicherlich spielt aber auch eine grundlegend veränderte Erziehungshaltung eine Rolle, nämlich das Kinder alles selbst entscheiden dürfen und das ohne Begrenzung. Medienkonsum ist dabei auch ein ganz wichtiges Thema.

Findet an der Hasencleverschule auch Medienunterricht statt?

Der findet schon statt. Das ist immer Thema. Allein weil ständig irgendwelche Konflikte in die Schule getragen werden, die in Social Media entstanden sind. Das ist dann nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch. Das ist auch ein Punkt, der uns unterscheidet. Dass Konflikte und alles, was Schüler beschäftigt, hier Thema sind. Da wird an Fällen ganz konkret gearbeitet. Das gehört zur Lebensbewältigung.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben