Interview

Schwelms Archivar spricht über seine Begeisterung für Akten

Schwelms Stadtarchivar Jens Möllenbeck fühlt sich zwischen Regalen voller Akten sichtlich wohl.

Schwelms Stadtarchivar Jens Möllenbeck fühlt sich zwischen Regalen voller Akten sichtlich wohl.

Foto: Max Kölsch / WP

Schwelm.  Jens Möllenbeck ist seit knapp zwei Jahren Schwelms Stadtarchivar. Seine Begeisterung für diese Arbeit steckt an. Sein Weg dahin war ungewöhnlich.

Er kennt fast all seine Vorgänger bis zum Jahr 1895 und Unordnung ist für ihn mehr eine spaßige Herausforderung als ein Ärgernis. Jens Möllenbeck ist seit knapp zwei Jahren Schwelms Stadtarchivar – ein Job, der für ihn wie geschaffen zu sein scheint. Im Interview spricht der gebürtige Wilhelmshavener über seine Begeisterung für Akten, die Digitalisierung und seinen ungewöhnlichen Weg ins Archivwesen.

Herr Möllenbeck, Sie haben einen sehr interessanten Werdegang. Sie sind gelernter Kfz-Mechaniker und haben Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Wie sind Sie Archivar geworden?

Jens Möllenbeck: Wirtschaftsingenieurswesen habe ich abgebrochen, das muss ich direkt dazu sagen. Es war aussichtslos. Ich bin am Bürgerlichen Recht gescheitert, nicht etwa an VWL oder BWL. Das hat mich schon frustriert. Danach war ich als Produktionshelfer in der ganzen Bundesrepublik unterwegs. Nachdem ich aber als Leiharbeiter in einer Müllsortierungsanlage gearbeitet hatte, war ich der Sache überdrüssig. Ich habe mir dann für 48 Mark einen Fachhochschulführer gekauft, bin aber im Register nur bis Seite 3 gekommen. Bei A stand als fünftes Schlagwort schon Archivwesen. „Da dachte ich: Gut, super. Da bewirbst du dich.“

Was begeistert Sie an dieser Arbeit?

Ich habe mal in Karlsruhe in einer Teer-Fabrik gearbeitet. Da habe ich einen Reparaturteer in Zehn-Liter-Fässer abgefüllt. Der nannte sich Makabit. Ich habe mir bis letzte Woche nichts bei dem Namen gedacht, bis ich in einer alten Bauakte von 1903 den Begriff „Makabieren“ gelesen habe. Das war die Befestigung von Straßen mittels doppeltem Verlegen der Pflaster. Damit ist im Grunde genommen erklärt, warum ich das hier mache. Mit jeder Akte, die Sie auf dem Tisch haben, lernen Sie etwas dazu. Es ist unfassbar, was man hier an Allgemeinbildung aufnimmt. Einfach so. Außerdem schaffen Sie im Archiv etwas, das einen selber nicht nur Jahrzehnte, sondern im Idealfall Jahrhunderte überdauert. Das ist eine Arbeit, mit der man der Nachwelt etwas hinterlässt – und zwar etwas Vernünftiges, ein authentisches Abbild des Verwaltungshandelns.

Sie sind so viel herumgekommen, was trieb Sie nach Schwelm?

Hier wurde eine Stelle angeboten, die mich sofort ansprach. Wenn man gerne reist und deshalb befristete Arbeitsverhältnisse antritt, muss man genau schauen, dass man etwas Passendes findet. Ich bin inzwischen ein großer Nordrhein-Westfalen-Fan geworden, das muss ich schon sagen.

Sie haben in vielen verschiedenen Archiven gearbeitet, bei Unternehmen, an Universitäten, auch mit Stasi-Unterlagen waren Sie befasst. Welche Art Archivarbeit gefällt Ihnen am besten?

Das mit den Stasi-Unterlagen war sehr spannend. Grundlegend interessieren mich jene Akten am meisten, die ich aus dem wirklichen Leben noch nachvollziehen kann. Mit anderen Worten: Eine Akte aus dem Jahr 1910, in der es um das neue Anlegen einer Straße geht, die es heute noch gibt, interessiert mich 1000 Mal mehr als eine Akte, in der es darum geht, dass ein Kloster Jemandem Geld geliehen hat. Viele meiner Arbeitskollegen sehen das genau umgekehrt. Die sind begeistert, wenn sie eine Urkunde von 1500 haben. Die Akte von 1910 ist mir persönlich aber viel näher.

Was hat Sie am Schwelmer Stadtarchiv gereizt?

Was hier in Schwelm eine tolle Geschichte war, war, dass die Bestände eine neue Ordnung brauchten – zumindest die Bestände, die seit den 1980er Jahren angelegt wurden. Als ich 2017 kam, war es so, dass ein Umzug des Archivs innerhalb des Hauses Martfeld im Jahr 2013 einen neuen Zugriff verlangte. Ich habe die Kästen wieder geordnet, und das tat ich gerne. Das war zunächst Fleißarbeit, und auch die hat mir gefallen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei Ihrer Arbeit?

Eine zunehmende. Seit ich im Studium war, habe ich ständig von der Digitalisierung gehört. Das ist nämlich doch schon ein altes Thema. Wir verzeichnen unsere Akten nicht mehr auf Karteikarten, sondern in einer Archivsoftware. Mich persönlich würde interessieren, wie es in puncto Aufbewahrung in 40 Jahren aussieht. In allen Landesarchivgesetzen steht unter anderem, dass die Daten, also das Archivgut, genau in der Form archiviert werden müssen, wie sie gebraucht werden in der Verwaltung. Das ist ein Schutz. Akten zu digitalisieren und die Originale wegzuschmeißen ist so nicht zulässig.

Wo liegt das Problem dabei?

Bei Digitalisaten muss man unter anderem immer besorgt sein, dass es zu Datenverlusten während der Aufbewahrung kommt. Natürlich muss ich bei den hier gelagerten Akten auch aufpassen. Aber wenn hier ein Silberfisch das Papier einmal ein bisschen anfressen sollte, kann man damit immer noch etwas anfangen. Wenn bei Digitalisaten ein paar Bits verloren gehen, können Sie das Digitalisat unter Umständen gar nicht mehr lesen.

Das Interview mit Jens Möllenbeck führte Max Kölsch.

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