Bandenkriminalität

Prozessauftakt: Rund 78.000 Euro in Gevelsberg geraubt

Der Parkplatz der Sparkassen-Hauptstelle in Gevelsberg: Hier überfallen mehrere Täter 2018 Mitglieder eines Sparclubs.

Der Parkplatz der Sparkassen-Hauptstelle in Gevelsberg: Hier überfallen mehrere Täter 2018 Mitglieder eines Sparclubs.

Foto: Carmen Thomaschewski / WP

Gevelsberg/Essen.  Mit Aktionen und Überfällen haben sieben Männer aus dem Ruhrgebiet ein Vermögen erbeutet. Auch in Gevelsberg schlugen mehrere Täter dabei zu.

Strahlend, mit einem gewinnenden Lächeln, kommt Asier S. (25) am Dienstag in den Gerichtssaal. Fast wie ein Hollywoodstar, der seine Fans bei der Premiere seines neuen Films begrüßt. Dabei müssen sich er und sechs weitere Angeklagte aus Recklinghausen, Marl und Köln seit Dienstag wegen Raubes, schweren Diebstahls, Betruges und diverser anderer Delikte verantworten. Eine Millionenbeute sollen sie mit ihren insgesamt 14 Straftaten gemacht haben, und für eine akribische Planung verantwortlich sein, die an Hollywoodfilme erinnert. Dabei spielt auch ein Überfall in Gevelsberg eine Rolle. Andreas Kabut, Anwalt von Asier S., kündigte an, dass sein Mandant ein Geständnis ablegen wird.

Der spektakuläre Raub Mitte November 2018 war in Gevelsberg das Gesprächsthema schlechthin: Unbekannte Räuber überfielen Mitglieder eines Sparclubs direkt vor der Hauptstelle der Sparkasse in Gevelsberg. Die Täter sollen gewusst haben, dass Einnahmen in Höhe von rund 78.000 Euro von der Bank abgeholt werden sollten. Als ein Clubmitglied mit den Sparclubgeldern schließlich die Bank verließ, entrissen die Räuber ihm den Rucksack und verletzten ihn an der Hand.

Hinweise aus der Schweiz

Zunächst war die Polizei am Tattag davon ausgegangen, dass sie der beiden Räuber schnell habhaft werden würde. Doch das gestaltete sich nicht so einfach wie gedacht. Denn obwohl die Täter mit dem Mercedes auf der Autobahn verunfallten, gelang ihnen die Flucht, weil die Polizei weder mit den Streifenwagen noch mit dem Hubschrauber rechtzeitig am Unfallort eintraf, so dass die Täter flüchten konnten.

Ins Rollen kamen die Ermittlungen schließlich, als einer der Angeklagten, Housein El-K. (26), als falscher Polizist in der Schweiz festgenommen wurde. Die deutsche Polizei bekam Hinweise, verwanzte die Autos der Gruppe. So hörte sie mit, dass noch weitere Taten geplant waren.

Da sollten Geldtransporte der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank mit Blendgranaten gestoppt werden. Zehn Millionen Euro erwarteten die Angeklagten laut Abhörprotokoll. Das war wohl auch bitter nötig, denn Asier S. beklagte sich bei seiner ebenfalls mitangeklagten Freundin Stefanie A. (22) über zu hohe Geldausgaben für Luxusartikel und Hotels. Dazu scheinen Handtasche und Armbanduhr der Dame im Gerichtssaal zu passen. Laut kundigen Reporterkollegen sollen diese jeweils 20.000 bis 30.000 Euro wert sein.

Größter Coup in Gronau

Im Zuge der Ermittlungen stießen die Beamten auch auf den Gevelsberger Fall. „Wir sind über verdeckte Ermittler und Abhörtechnik auf die Täter aufmerksam geworden. Immer mehr Taten kamen ans Tageslicht“, verriet die Essener Oberstaatsanwältin Anette Milk bereits im August gegenüber dieser Zeitung.

Unter anderem waren die teuren Autos der sieben Banden-Mitglieder, die aus Spanien, Deutschland, Pakistan, dem Libanon, Zentralafrika und Guinea stammen, von der Polizei verwanzt und Telefongespräche von Haupttäter Rodrigues S. (25) abgehört worden. Dazu gab es Hinweise eines V-Manns und schließlich griff die Polizei Ende des Jahres 2018 zu.

Der größte Coup, den die Staatsanwältinnen Nina Rezai und Alexandra Rott den Angeklagten vorwerfen, spielt im westfälischen Gronau. Mit einem Trick gelang es laut Anklage Asier S. und drei Mittätern, ohne Gewalt die Einnahmen der Supermarktkette K+K zu erbeuten. Hilfreich war das Hintergrundwissen des Angeklagten Ahmad A., der bereits gestanden hat. Der 45-Jährige arbeitete damals bei einem Geldtransportunternehmen.

Die Angeklagten sollen einen VW-Bus gekauft haben, mit dem die Firma regelmäßig Geld in der Zentrale von K+K abholte. Das Fahrzeug wurde umlackiert, mit dem falschen Firmenlogo versehen und am 19. Dezember 2017 nach Gronau gesteuert. Kurz bevor der Transporter der echten Firma vorfuhr, rollte laut Anklage der VW-Bus der Angeklagten gegen 14.30 Uhr zum Eingang von K+K, das im Volksmund auch gerne mit „Komm und Klau“ übersetzt wird.

100.000 Euro pro Person

Asier S. und der Mitangeklagte Kesser J. (25), beide in der Uniform der echten Firma, sollen ausgestiegen sein und die Einnahmen in Höhe von 1,8 Millionen Euro in Empfang genommen und quittiert haben. Dann fuhren sie weg. Die Tat scheint zum Schwur zu passen, der die Gruppe der Angeklagten geeint haben soll: Nie eine Straftat begehen, die nicht mindestens 100.000 Euro einbringt. Pro Person.

Schon vor der Tat in Gronau hatten sie im großen Stil gearbeitet. Dank Ahmad A., so die Anklage, hatten sie den Nachschlüssel für einen Geldtransporter, der am 10. November 2016 in der Dortmunder Innenstadt für ein paar Minuten herrenlos am Straßenrand stand. Sie öffneten ihn, nahmen die Scheine heraus, mit denen Geldautomaten nachgefüllt werden sollten, und flüchteten. Um 521.372,51 Euro hatte die Tat sie reicher gemacht.

Am 23. Juni 2017 hatten sie einen Geldautomaten der Postbank in Werne im Visier. Ahmad A. war im Besitz eines Nachschlüssels, so dass auch hier keine Gewalt nötig war. 254.000 Euro holten sie aus dem Automaten.

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