Demokratie

„Miteinander reden“ hinterlässt Spuren in Gevelsberg

Die freie Journalistin Christiane Tovar moderierte die Veranstaltung und befragte die Jugendlichen zu ihren Projekten und deren Wünschen für ihr Leben in Gevelsberg.

Foto: Stefan Scherer

Die freie Journalistin Christiane Tovar moderierte die Veranstaltung und befragte die Jugendlichen zu ihren Projekten und deren Wünschen für ihr Leben in Gevelsberg. Foto: Stefan Scherer

Gevelsberg.   Die Veranstaltung, die deutschlandweit zum ersten Mal stattfand, war sehr ergiebig und gleichzeitig beste Werbung für die Stadt Gevelsberg.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Diese Veranstaltung sorgte für Aufsehen und bei allen Beteiligten für große Begeisterung auf der einen, für Nachdenklichkeit auf der anderen Seite. Unter dem Titel „Miteinander reden“ hatten diese Zeitung, die ZEIT und die Bundeszentrale für politische Bildung zunächst mit Schülern aus den zehnten Klassen des Gymnasiums zu den Themen Politik und Medien gearbeitet, sich anschließend mit Gevelsberger Bürgern in der Gaststätte Glimm unterhalten und schließlich im Anschluss an die Ratssitzung öffentlich über die Bedürfnisse der Gevelsberger – in erster Linie der Jugend – gesprochen.

Die Veranstaltung, die deutschlandweit zum ersten Mal überhaupt stattfand, war am Ende sehr ergiebig und gleichzeitig beste Werbung für die Stadt Gevelsberg. Denn nicht zuletzt sendete der WDR Dortmund live aus dem Gevelsberger Ratssaal.

Der Nachmittag bei Glimm

Nachdem die Workshops im Gymnasium gelaufen waren (wir berichteten) kamen die Organisatoren mit einigen geladenen Gästen aus der Gevelsberger Gesellschaft zusammen. Moritz Müller-Wirth, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT: „Ich bin sehr beeindruckt, wie wenig ich über Kleinstädte weiß.“ Seit mehr als 20 Jahren pendelt er zwischen Hamburg und Berlin und ist das deutlich engere Leben in einer Stadt wie Gevelsberg nicht gewöhnt. „Ich bin ebenfalls stark beeindruckt, was hier für ein Engagement in der Stadt herrscht und wie offen und ehrlich die Menschen miteinander reden.“ Die Intention des Projekt sei es für ihn auch gewesen, näher an den Menschen zu berichten. Dazu zähle eben nicht nur die Lebensrealität in den Metropolen. „Ich möchte neben der Jugend beim nächsten Mal auch gern die erwachsene Bevölkerung mit einbeziehen.“

Ebenso positiv überrascht zeigte sich Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereichs Extremismus bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB): „Meine Erwartungen sind übertroffen worden. In Gevelsberg haben wir eine unglaublich lebendige Zivilgesellschaft vorgefunden.“ Der BpB ist vor allem wichtig, die Grundsätze der Demokratie hochzuhalten, wozu auch eine Diskussionskultur gehört, in der unterschiedliche Meinungen ohne Hass gelten dürfen. „In den sozialen Medien sehen wir diesbezüglich eine ganz bedenkliche Entwicklung“, sagte sie. Auch in Gevelsberg haben Hanne Wurzel und Moritz Müller-Wirth festgestellt, dass es Menschen gibt, die sich abgehängt fühlen. „Dies zu realisieren und diese Menschen am Ende zu erreichen – zum Beispiel dadurch, dass wir aktiv in die Quartiere gehen – ist eine Sache, die ich aus dem Tag mitgenommen habe“, sagte Bürgermeister Claus Jacobi.

Der Abend im Rathaus

Das Stadtoberhaupt war selbstverständlich auch am Abend zugegen, als die Freie Journalistin Christiane Tovar durch die Veranstaltung führte. Im Dialog mit ihr sprach WESTFALENPOST-Chefredakteur Dr. Jost Lübben über die sich verändernde Rolle der Tageszeitungen mit Lokalteilen. „Wir müssen zunehmend abbilden, was die Menschen brauchen, was sie sich wünschen.“ Der Blick müsse in die Zukunft gerichtet werden, der Lokalteil auch eine Plattform dafür sein, was sich für die jüngeren Generationen verändern muss. „Dadurch verändert sich die Rolle des Journalisten. Wir werden zunehmend zu Akteuren“, sagte Dr. Jost Lübben.

Die Wünsche der Jugend

Die junge Generation war gleich das perfekte Stichwort für den maßgeblichen Teil der Abendveranstaltung. Denn die Schüler des Gymnasiums stellten im gut gefüllten Sitzungssaal des Rathauses vor, was sie am Donnerstagmorgen erarbeitet hatten – und dabei nahmen sie kein Blatt vor den Mund. Denn neben den Dingen, die sie zur Mediennutzung lernten, machten sie auch klar: So perfekt ist es für ihre Belange auch in Deutschland und Gevelsberg nicht überall.

Sie forderten beispielsweise das generelle Wahlrecht ab 16 Jahre. „Warum zahlt ein Azubi von seinem Lohn in das System ein und darf trotzdem nicht in der Demokratie mitbestimmen?“, fragten sie. Ein weiteres großes Thema: Akzeptanz. Einerseits warben sie dafür, dass Homosexualität als etwas Selbstverständliches wahrgenommen werden soll, andererseits forderten sie einen „Kulturführer“ für Gevelsberg, der die Menschen in der Stadt über die unterschiedlichen Kulturformen informiert.

Konkret richteten sie sich an ihre Lehrer: „Vieles was wir lernen, benötigen wir nie wieder, aber wie wir eine Wohnung suchen, wie man richtig kocht oder die Steuererklärung macht, weiß von uns keiner.“ Ihr Wunsch: Ein Schulfach „Zukunft“, in dem genau solche lebensnahen und -wichtigen Dinge gelehrt werden.

Außerdem gibt es aus ihrer Sicht ein großes Manko in der Stadt Gevelsberg: Keinen adäquaten Treffpunkt. „Wo sollen wir uns denn treffen? Es bleiben doch nur Busbahnhof oder die Bushaltestellen.“

Die Folgen des Pilotprojekts

Bürgermeister Claus Jacobi versprach noch am Abend, mit allen Gevelsberger Schulen Kontakt aufzunehmen, um die Zukunftswünsche der jungen Generation besser zu erfassen. „Ich habe den Lerneffekt gehabt, dass nur ein permanenter Partizipationsprozess immer wieder neuer Jugendlicher hilft, deren Wünsche zu erkennen und umzusetzen.“ Als eines der ersten Projekte, um danach vorzugehen, sieht Claus Jacobi die Planungen für eine neues Jugendzentrum – eventuell im Ruprecht-Haus.

INFOBOX

Die Redaktion ist nicht minder begeistert von den Ergebnissen, die die Jungen und Mädchen erarbeitet haben.

Auch wir wollen den Blick mehr in die Zukunft und auf die nachrückenden Generationen richten.

Neben angedachten Projekten nehmen wir gern Themen und Anregungen per E-Mail an
gevelsberg@wp.de entgegen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik