Kriminalität

Kuriose Statistik lässt Verbrechenszahl explodieren

Obwohl fünf Tötungsdelikte in der Statistik aufgeführt sind, fiel ausschließlich die Gevelsbergerin Nadia S. am 9. März vergangenen Jahres einem Mord zum Opfer. Den einschlägig vorbestrafte Täter Hardy J.-S. hat das Hagener Landgericht mittlerweile zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Foto: Alex Talash

Obwohl fünf Tötungsdelikte in der Statistik aufgeführt sind, fiel ausschließlich die Gevelsbergerin Nadia S. am 9. März vergangenen Jahres einem Mord zum Opfer. Den einschlägig vorbestrafte Täter Hardy J.-S. hat das Hagener Landgericht mittlerweile zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Foto: Alex Talash

Ennepe-Ruhr.   Die Kriminalstatistik liest sich durch besonderen Fall und statistische Neubewertungen dramatisch. Bereinigt sinkt die Rate im EN-Kreis sogar.

Ein erster Blick auf die Kriminalstatistik des vergangenen Jahres lässt einem das Blut in den Adern gefrieren: Die Verbrechenszahl schießt massiv nach oben, die Mordrate explodiert förmlich im Ennepe-Ruhr-Kreis, die Zahl der Sexualstraftaten nimmt gewaltig zu.

So viel hatten der Chef der Kreispolizeibehörde, Landrat Olaf Schade, und Kriminaloberrat Dirk Happe, der die Direktion Kriminalität leitet, nie zuvor zu den turnusmäßigen Zahlenwerk zu erläutern, das an einigen Stellen große Verwirrung stiftet und eine eigentlich exzellente Entwicklung in einem schlechten Licht erscheinen lässt. Denn: Manche (Schwer-)Verbrecher scheint nur die Statistik zu erfassen.

Zahlenwirrwarr

„Wir waren bis November auf einem exzellenten Weg“, begann Landrat Olaf Schade. Dann der statistische Knall: Der Bochumer Polizei gingen Betrüger ins Netz, die gefälschte Markenartikel und Postwertzeichen in großem Stil über das Internet vertrieben haben. Diese saßen in Hattingen und betrieben ihren regen Handel mit Plagiaten damit aus dem EN-Kreis heraus. „Mit einem Mal hatten wir etwa 3200 Verbrechen mehr in unserer Statistik stehen, denn so viele einzelne Fälle summierten sich auf“, sagt Schade. Bereinigt um diese, sieht die Sache nämlich schon ganz anders aus. Dann wäre die Fallzahl im EN-Kreis ohne Witten, für das die Stadt Bochum zuständig ist, um 7,7 Prozent gesunken.

Ebenso erklärungswürdig ist die Aufbereitung der Zahlen bei den Tötungsdelikten, die laut Unterlagen von zwei auf neun hochgeschossen sind. Effektiv ist aber ausschließlich Gruselautorin Nadia S. in Gevelsberg wegen eines Verbrechens gestorben. Dirk Happe erläutert: „Bislang war es so, dass Fälle als Tötungsdelikte gezählt wurden, die ein Gericht auch als solche bewertet hat.“ Nun ist jede Tat ein Tötungsdelikt, „die objektiv dazu geeignet wäre, einen Menschen zu töten.“ Beispiel: Jemand sticht mit einem Messer in den Torso, lässt vom Opfer ab, dieses überlebt, der Täter wird wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Bislang wäre dieser Fall unter Körperverletzungen geführt worden, wenn das Gericht keine Tötungsabsicht feststellen konnte. Weil die Tat aber potenziell dazu geeignet war, dem Opfer das Leben zu nehmen, taucht sie nun als Tötungsdelikt auf.

Der Anstieg der Sexualstraftaten ist hingegen auf den Paragrafen 184 i im Strafgesetzbuch zurückzuführen. Dinge, die früher als Beleidigung auf sexueller Basis geführt worden sind, zählen nun als sexuelle Belästigung. Heißt: Hier gibt es nicht mehr Taten, sie werden nur unter einer neuen Überschrift angesiedelt.

Einbrüche

Die Einbruchszahlen sind rückläufig, was die Polizei im Wesentlichen auf zwei Dinge zurückführt. „Unsere Schwerpunktkontrollen greifen, die überregional agierenden Täterbanden haben unser Gebiet weitestgehend verlassen“, sagt Dirk Happe. Außerdem greife die Präventionsarbeit der Kreispolizeibehörde. Die Menschen sichern ihre Häuser besser. Das führe jedoch dazu, dass die Anzahl der gescheiterten Versuche in der Statistik ansteige. Happe: „Wer am ersten Haus scheitert, versucht es am zweiten oder dritten.“ Auch die Versuche werden als Einbruchsdelikte geführt, ohne sie sähen die Zahlen noch besser aus.

Jugendkriminalität

Der Anteil der Tatverdächtigen, die unter 21 Jahre alt sind, ist nach einem jahrelangen Rückgang wieder angestiegen und betrug für das vergangene Jahr 24,8 Prozent. Insgesamt nehmen in allen Altersklassen die Körperverletzungen zu, bei den Kindern kommen vermehrt Diebstähle, bei den Jugendlichen Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz hinzu.

Maßnahmen und Struktur

„Wir leben in einer der sichersten Regionen Nordrhein-Westfalens“, sagt Landrat Olaf Schade stolz. In fast allen Belangen ist der Ennepe-Ruhr-Kreis deutlich besser als der Landesdurchschnitt. Dies soll mindestens so bleiben. „Wir werden die erfolgreichen Maßnahmen zum Beispiel im Bereich der Einbrüche fortführen“, sagt Dirk Happe. Wie in diesem Kontext mit der Wache in Gevelsberg, deren Schließung angedacht ist, weiter verfahren wird, steht derweil noch nicht fest. „Wir sind in Gesprächen und geben keine Wasserstandsmeldungen ab“, sagt Olaf Schade.

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