Soziales

Kinderarmut: In Gevelsberg ein wachsendes Problem

Es müssen keine kaputten Socken sein: Kinderarmut tritt in vielerlei Formen zu Tage. Wir haben mit Experten über die Problematik gesprochen

Es müssen keine kaputten Socken sein: Kinderarmut tritt in vielerlei Formen zu Tage. Wir haben mit Experten über die Problematik gesprochen

Foto: Christian Hager

Gevelsberg.  Laut Armutsbericht des EN-Kreises ist die Armutsgefährdung für unter 15-jährige in Gevelsberg überdurchschnittlich hoch. Tendenz steigend.

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„21 Prozent aller Kinder in Deutschland leben dauerhaft oder wiederkehrend in Armutslagen“, ist das Ergebnis einer Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2017. Eine erschreckende Zahl. Aber betrifft uns das auch hier in Gevelsberg?

Die Problematik

Laut dem letzten Armutsbericht des EN-Kreises aus dem Jahr 2016 ist die Armutsgefährdung für unter 15-jährige in Gevelsberg überdurchschnittlich hoch. Tendenz steigend. Eine Schulsozialarbeiterin und eine erfahrene Erzieherin – beide waren schon in verschiedenen Gevelsberger Schulen bzw. Kindergärten tätig – berichten unserer Zeitung von ihren Erfahrungen. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt und werden auf Wunsch nicht veröffentlicht. In ihrer Arbeit erleben die Beiden Kinderarmut konkret: Eine nur spärlich bestückte Butterbrotdose beim gemeinsamen Frühstück, unvollständige oder kaputte Unterrichtsmaterialien und mangelnde Hygiene sind nur einige Beispiele. „In unseren Erzählkreisen stellen wir bei betroffenen Kindern auch häufig einen verstärkten Medienkonsum statt anderer Freizeitbeschäftigungen fest“, schildert die Schulsozialarbeiterin. Folge davon seien unter anderem Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfschmerzen. Meist haben erst Vorschulkinder ein eigenes Bewusstsein für armutsbedingte Unterschiede, die sich beispielsweise in der Art der Kleidung ausdrücken. Über ihre Probleme reden jedoch die wenigsten. Lieber versuchen sie, unangenehme Situationen zu meiden, schämen sich oder vertuschen Dinge, aus Angst aufzufallen. Statt „Mama hatte kein Geld, es mir zu kaufen“ heißt es dann „Mama hat wieder vergessen, es mir einzupacken.“

Die Gründe

Die Gründe für Kinderarmut sind individuell und durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Erwerbsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit der Eltern, die Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund und von Personen mit niedrigem Qualifikationsniveau auf dem Arbeitsmarkt sowie sich verändernde Familienverhältnisse (durch z.B. Scheidung) sind nur einige Beispiele. Laut Bertelsmann-Stiftung sind Kinder von Alleinerziehenden besonders armutsgefährdet.

In Gevelsberg sind unterschiedliche Familienstrukturen betroffen. Nach dem Sozialbericht 2018 des EN-Kreises besteht in der „Talschiene“ ein besonders hohes Armutsrisiko.

Die Folgen

Materielle Unterversorgung kann die Bildungsbiografie der von Armut betroffenen Kinder nachteilig beeinflussen. Aber nicht nur das. „Finanzielle Probleme erschweren auch soziale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, erklärt Barbara Lützenbürger, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Gevelsberg. Armut macht es Kindern schwer, Freundschaften und Hobbies zu pflegen. „Kinder in dauerhaften Armutslagen sind seltener Mitglied in einem Verein“, stellt auch die Bertelsmann Stiftung fest. Zudem sind Hänseleien aufgrund von Markenbezogenheit und Statussymbolen ab der vierten Klasse keine Seltenheit.

Der Umgang mit dem Thema

„Gevelsberg zeichnet sich durch eine große Bandbreite aus, betroffenen Familien Perspektiven zu bieten und zu helfen“, sagt Michael Pfleging, Fachbereichsleiter Bildung, Jugend und Soziales. Die Stadt arbeite mit zahlreichen Kooperationspartnern zusammen und beteilige sich an Bundesprogrammen (z.B. „Frühe Hilfen“), Landesprogrammen (z.B. „Alle Kinder essen mit“) sowie dem Bildungs- und Teilhabepaket zur Beschaffung von Schulmaterial, Lernunterstützung und Finanzierung von Klassenfahrten. Besonders wichtig seien die Quartiersarbeit und der von Bürgermeister Claus Jacobi vor 10 Jahren initiierte Ausbildungspakt zur perspektivischen Vermeidung von Kinderarmut.

Organisationen wie der Kinderschutzbund freuen sich über Geld- und Sachspenden wie gut erhaltene (saisonale) Kinderkleidung und Spielzeug. Mittlerweile hat der Kinderschutzbund in Gevelsberg große Bekanntheit. „Der Gevelsberger ist sehr offen und man unterstützt sich gegenseitig“, freut sich Gerd Lützenbürger, Schriftführer des Kinderschutzbundes und des AWO Ortsverbands, über das soziale Engagement.

Im Kindergarten wird altersgerecht aufgeklärt. „Wir thematisieren Kinderarmut verallgemeinert zum Beispiel im Rahmen einer Themenwoche ,Andere Länder’ oder durch Spendenaktionen in der Weihnachtszeit“, berichtet die Gevelsberger Erzieherin. Außerdem gebe es jeden Morgen ein vom Kindergarten vorbereitetes, gemeinsames Frühstück für fünf Euro pro Kind pro Monat. In der Grundschule geht es insbesondere darum, den Klassenzusammenhalt zu stärken. Armut wird nicht konkret betitelt, sondern es werden vor allem Werte wie Nächstenliebe, Fürsorge, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt vermittelt. „Alle wissen, dass es reichere und ärmere Kinder gibt und helfen sich gegenseitig, teilen zum Beispiel ihr Pausenbrot“, erklärt die Schulsozialarbeiterin. „Wir sammeln außerdem am Ende jeden Schuljahres Spenden in allen vierten Klassen in Form von Schulsachen, die nicht mehr gebraucht werden, da die meisten Kinder für die weiterführende Schule sowieso neue Materialien bekommen.“ Schulsozialarbeiter helfen zum Beispiel auch Eltern, Bildungs- und Teilhabeanträge auszufüllen.

Es wird deutlich: Auch in Gevelsberg ist Kinderarmut ein Thema und berührt alle Lebensbereiche der Betroffenen. Sowohl die Stadt Gevelsberg als auch Schulen, Kindergärten und weitere Akteure wie der Kinderschutzbund versuchen gemeinsam, Kinderarmut zu bekämpfen und vorzubeugen. Tun kann jeder etwas: „Wir müssen akzeptieren, dass es Kinderarmut gibt“, so Barbara Lützenbürger. Das bedeute, sich nicht vor dem Thema zu verschließen, sondern aufmerksam zu sein und den Mut zu haben, etwas zu sagen, wenn nötig Hilfe zu holen und selbst zu helfen.

Ihre Meinung interessiert uns. Schreiben Sie an Lokalredaktion, Römerstraße 3, 58 332 Schwelm oder per E-Mail an gevelsberg@westfalenpost.de

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