Pandemie

Gevelsberg: So haute Corona den Kämmerer „aus dem Rennen“

Andreas Saßenscheidt berichtet im Gespräch mit unserer Redaktion von seiner Corona-Erkrankung. Er ist Kämmerer der Stadt Gevelsberg

Andreas Saßenscheidt berichtet im Gespräch mit unserer Redaktion von seiner Corona-Erkrankung. Er ist Kämmerer der Stadt Gevelsberg

Foto: Carmen Thomaschewski / WP

Gevelsberg.  Gevelbergs Kämmerer Andreas Saßenscheidt war mit dem Corona-Virus infiziert. Noch Wochen später fühlt er sich schlapp.

Als die Kopfschmerzen kamen, dachte Andreas Saßenscheidt nicht an Corona. Auch nicht, als der Husten begann und er Gliederschmerzen verspürte. Auch als er den Test machte, hätte er nie geglaubt, dass wegen dieser Erkrankung einige Tage später der Bürgermeister und fünf weitere Kollegen im Rathaus in Quarantäne müssen. Er ist froh, dass er niemanden angesteckt hat und das Schlimmste überstanden ist. Dennoch: Die Gedanken sind geblieben und die Erkenntnis. „Vom einen auf den anderen Augenblick ist man aus dem Rennen.“

Eigentlich wollten er und seine Frau in den Urlaub fahren, er hatte einen Termin zur Auto-Inspektion. Der Kämmerer der Stadt Gevelsberg hatte sich für die freien Tage einiges vorgenommen. Dinge, die im Arbeitsalltag liegen bleiben. Und dann wurde er positiv getestet. Er weiß, dass es alles viel schlimmer hätte kommen können.

Kontaktverfolgung im Rathaus

Die Bilder der Intensivstationen sind auch in seinem Kopf, Anfang des kommenden Jahres wird er 60 Jahre alt und zählt dann offiziell zur Risikogruppe. „Den einen oder anderen belastenden Faktor bringe ich auch mit“, sagt er und gibt zu, dass er erschrocken war, als der Anruf vom Gesundheitsamt kam. Wo er sich angesteckt hat? Er vermutet im Familienkreis, dort sei jemand am Virus erkrankt und er wurde als Kontaktperson getestet.

Mittlerweile sind fünf Wochen vergangen. Der zweite Mann in der Stadt sitzt wieder in seinem Büro im Rathaus, erschöpft ist er immer noch, mehr als er sonst nach einer Grippe. Er habe sich sehr schlapp gefühlt, erschlagen, doch es sei zum Glück nie so schlimm geworden, dass er ins Krankenhaus musste. „Man hat mir gesagt, dass das jederzeit passieren kann, dass das plötzlich ganz schnell geht, und ich nicht zögern darf.“ Andreas Saßenscheidt ist froh, „der Verlauf war mild.“

Auch wenn er glimpflich davon gekommen sei, „die Bedrohung ist sehr real“, sagt er. Als Chef des Corona-Krisenstabes der Stadtverwaltung habe er eh ständig mit dem Thema zu tun gehabt, „doch wenn man es selbst erlebt hat, dann ist das noch mal etwas ganz anderes.“ Panik sei falsch, aber er mahnt an, ernsthaft mit der Situation umzugehen. Zu jeder Zeit.

Auch wenn er insgeheim hofft, zumindest für ein paar Monate von Corona verschont zu bleiben, immun zu sein, werde er sein Verhalten nicht ändern. Abstand halten, Kontakte vermeiden, lüften, Hände waschen. Natürlich habe er sich auch schon vor seiner Ansteckung so verhalten. Bürgermeister Claus Jacobi wurde trotzdem in Quarantäne geschickt, weil er während einer Sitzung neben Saßenscheidt saß. Jacobi war gerade im Urlaub angekommen und bekam den Anruf auf einer Alm in Südtirol. „Das tat mir sehr leid, aber es war nicht zu vermeiden.“ Er dachte, dass er auf alles geachtet habe. Das Gesundheitsamt sah das anders.

Sechs Menschen in Quarantäne

Der Kämmerer musste viele Namen aus dem Rathaus auf seine Liste schreiben. Montag wurde er getestet, Freitagnachmittag fingen die Symptome an, und Donnerstag und Mittwoch habe es leider viele Vorstellungsgespräche und Sitzungen gegeben. Zwei Tage vor Beginn der Symptome beginnt die Kontaktverfolgung. Das Gesundheitsamt habe viele Fragen gestellt, um herauszufinden, wie genau die Begegnung mit jeder einzelnen Person war: mit Mundschutz oder ohne, bei offenem Fenster und vor allem wie lange. Am Ende wurden vier Kolleginnen und ein Kollege ins Homeoffice und in die Quarantäne geschickt. Bei Saßenscheidt wurde die Quarantäne sogar verlängert, weil es dauerte, bis er symptomfrei war.

Wie es ihm in dieser Zeit ergangen ist? „Ich musste mir abgewöhnen, an die Tür zu gehen, wenn es klingelt“, sagt er. Nachbarn und Freunde hätten ihre Hilfe beim Einkaufen angeboten, es habe gut getan zu wissen, dass man Unterstützung habe. „Das war aber letztlich gar nicht nötig. Wir haben vier Kinder. Die sind zwar alle aus dem Haus, doch unsere Vorratshaltung ist noch immer so wie damals“, sagt er und lacht. Mit dem Essen seien sie hingekommen. Und einen Geruchs- oder Geschmacksverlust hatte er auch nicht. „Da bin ich froh, sonst hätte das Kochen gar keinen Spaß gemacht.“ Er habe viel gelegen, sich ausruhen müssen, gelesen und später sogar ein wenig von zuhause arbeiten können.

Freunde hätten er und seine Frau schon lange nicht mehr getroffen. „Letztens haben wir uns per Skype zugeprostet“, sagt er. Und im Sommer, da hätten sie sich auch mal draußen getroffen. Doch seit Wochen sei wieder alles Private auf Null gefahren. Auch seine große Leidenschaft das Tanzen. Getanzt wird nur noch vor dem Computer, zumindest seit die Quarantäne vorbei ist. „Die Videos zeigen uns, was wir üben sollen.“ So wie im Frühjahr. Im Sommer durften die Paare zurück auf die Tanzfläche, in einem abgeklebten Bereich, etwa 1,5 Quadratmeter pro Paar, damit sich niemand zu nahe kommt.

Und was er Positives aus den letzten Wochen mitgenommen hat? „Wie gut es tut, eine funktionierende Partnerschaft zu haben, dass man sich wieder auf die wesentlichen Dinge besinnt. Und dass man zufrieden sein soll, mit dem, was man hat.“ Natürlich sei ihm klar, dass er im öffentlichen Dienst privilegiert sei. „Ich habe einen sicheren Arbeitsplatz.“ Das sei in dieser Zeit viel wert. „Ich kann darüber froh sein.“

Jetzt sitzt der Kämmerer der Stadt Gevelsberg wieder in seinem Büro. Ein Schreibtisch in einem großen Raum. Gespräche mit Kollegen im Rathaus werden per Videoschalte gemacht. Als er krank wurde, waren die Zahlen längst nicht so hoch wie jetzt. Er weiß, das was passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen. „Man kann sich ja nicht eingraben, man wird nie ganz ohne Kontakt zu anderen sein“, sagt er.

Wichtig sei, Verständnis zu haben, sich an die Vorgaben zu halten. „Das verlangt uns allen viel ab“, sagt er als Betroffener und als Leiter des Krisenstabes und betont, dass man die Notwendigkeit nicht zerreden dürfe. „Man vergibt sich doch nichts, wenn man eine Maske trägt.“ Hätte er es nicht getan, wäre die Gefahr größer gewesen, dass er jemanden ansteckt. „Ich mag da gar nicht dran denken.“

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