Politik

Flüchtlinge büffeln in Gevelsberg für den Abschluss

Besuch in der Schulklasse: Michael Pfleging, Petra Akin

Besuch in der Schulklasse: Michael Pfleging, Petra Akin

Foto: Klaus Bröking

Gevelsberg.   Stadt Gevelsberg und Hans-Grünewald-Stiftung wollen zugewanderten Teenagern Weg in die Berufswelt öffnen. Unterstützung vom Bund gibt es nicht.

Zehn Flüchtlingskinder engagieren sich, um bei der Volkshochschule (VHS) in Gevelsberg den Hauptschulabschluss zu machen. Peter Erne und Gerd Westermann von der Hans-Grünewald-Stiftung, die den Kurs mit finanziert, können sich überzeugen, dass ihr Geld gut angelegt ist. Bürgermeister Claus Jacobi und VHS-Leiter Achim Battenberg werden darin bestärkt, den richtigen Weg gegangen zu sein. Eigentlich also eine Feierstunde – in der es aber lange Gesichter gibt.

Einige brauchen mehr Zeit

Jacobi und Fachbereichsleiter Michael Pfleging nutzen die Gelegenheit, mit der Bundes- und auch Landespolitik abzurechnen. „Die Integration hat so nicht stattgefunden“, sagt der Bürgermeister. Kommunen wie Gevelsberg würden einfach allein gelassen. In Berlin und Düsseldorf würde zu wenig unternommen, damit diejenigen, die in Deutschland Schutz suchen, eine Zukunft bekommen. Es sei noch nicht einmal gewollt, dass Menschen, die keine hundertprozentige Chance haben, hier bleiben zu dürfen, auch die deutsche Sprache lernen. Obwohl die Bundesagentur für Arbeit im Geld schwimme, die deutsche Industrie händeringend Fachkräfte suche, würde nicht genug getan, um die Menschen, die auf meist abenteuerlichen Wegen nach Deutschland gekommen sind, in die Berufswelt und damit in die Gesellschaft zu integrieren. „Die Integration findet nicht in Berlin oder Düsseldorf, sondern hier vor Ort statt. In unsere Gemeinschaft müssen wir diese Menschen aufnehmen,“ sagt Michael Pfleging und fügt hinzu: „Man muss uns nur die Mittel zur Verfügung stellen, damit wir auch handeln können.“

Büro für Vielfalt und Zukunftschancen

Das ist bei den zehn Jugendlichen, die bei der VHS in Gevelsberg auf die Prüfung für den Hauptschulabschluss vorbereitet werden, nicht der Fall gewesen. Sie sind im Teenageralter nach Deutschland gekommen. Weil sie noch schulpflichtig sind, werden sie in irgendwelche Schulen gesteckt und sich allein überlassen. Damit es in Gevelsberg nicht dabei bleibt, wurde hier das Büro für Vielfalt und Zukunftschancen im Rathaus etabliert, das sich um die jungen Menschen fern der ersten Heimat kümmert. Danach geht es vielleicht aufs Berufskolleg, wo die Probleme noch größer werden. Die Stadt Gevelsberg hat sich deshalb entschlossen, einen Lehrgang zum Erwerb des Hauptschulabschlusses der Klasse 9 bei der VHS ins Leben zu rufen. Die Stadtverwaltung hat eigene Mittel in die Hand genommen und die hätten nicht gereicht, wenn die Grünewald-Stiftung nicht bereitwillig in die Kasse gegriffen hätte. „Das darf eigentlich nicht sein“, sind sich alle, die an diesem Tag am Tisch sitzen, einig. Auf die Große Koalition setzt keiner in diesem Punkt.

Es gibt auch Konflikte

Im Raum nebenan werden die zehn Jugendlichen aus Afghanistan, Syrien, Somalia, Rumänien und woher sie alle kommen, am Computer unterrichtet. Sie haben Hauptschule, Realschule und Gymnasium nach ihrer Pflichtschulzeit verlassen, ohne einen Abschluss zu haben. In einem Jahr, in 1050 Unterrichtseinheiten, werden sie nun bei der VHS auf die Prüfung vorbereitet. Es sind Menschen, die es nicht leicht haben. Viele müssen die eigentliche Aufgabe der Eltern übernehmen, weil sie sich in der neuen Heimat ein wenig besser zurecht finden. Ein 16-Jähriger hat den Lehrgang abgebrochen, weil er von seiner Familie unter Druck gesetzt wird, mehr Geld in die Heimat zu schicken: „Die Verwandten hungern.“ Der Streit zwischen rumänischen Clans wurde in den Unterricht hereingetragen. Die Polizei musste schlichten, zwei vielversprechende junge Menschen die Maßnahme verlassen. Das sind Vorkommnisse, die denjenigen, die sich täglich für die Menschen einsetzen, das Leben nicht leichter machen. Sie wissen auch, dass nicht alle die Prüfung im Juli schaffen werden. „Verschenken können wir nichts“, sagt VHS-Chef Battenberg. Sie glauben aber auf dem richtigen Weg zu sein. Die Jugendlichen wünschen sich selbst Nachhilfe und auch Einzelunterricht, um ans Ziel zu kommen. Manche brauchen nur ein bisschen mehr Zeit – man sollte sie ihnen geben.

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