Interview mit Nina Däumig

Ennepetals Gleichstellungsbeauftragte: „Eine Herzensstelle“

Nina Däumig an ihrem Arbeitsplatz im Rathaus. Am 1. Oktober hat sie die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten angetreten. 

Nina Däumig an ihrem Arbeitsplatz im Rathaus. Am 1. Oktober hat sie die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten angetreten. 

Foto: Stadt Ennepetal / WP

Ennepetal.  Nina Däumig ist Ennepetals neue Gleichstellungsbeauftragte. Im Interview spricht sie über drängende Probleme, ihre Motivation und ihre Ziele.

Am 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Verschärft sich die Situation in der Corona-Krise? Welche Möglichkeiten gibt es, akut zu helfen und langfristig dem Problem zu begegnen? Im Gespräch nimmt die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ennepetal, Nina Däumig, Stellung zu diesen und anderen Fragen. Außerdem erklärt sie, warum sie ihre neue Aufgabe übernehmen wollte und welche Ziele sie sich setzt.

Am Mittwoch ist der Internationale Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Vielfach waren in den vergangenen Monaten Stimmen zu hören, die davor warnten, dass in der Corona-Krise die häusliche Gewalt zunehme. Können Sie das bestätigen?

Nina Däumig: Weil ich erst kürzlich als Gleichstellungsbeauftragte angefangen habe, habe ich in den vergangenen Wochen alle Kooperationspartner aufgesucht. Gerade war ich beim Team von Gesine Intervention, dem Zentrum für Prävention, Information, Schutz und Unterstützung bei Gewalt gegen Frauen im EN-Kreis. Die beschäftigen sich mit dem Thema und haben mir bestätigt, dass die Zahl der Fälle zugenommen hat. Allerdings seien die Zahlen nicht direkt während des Lockdowns im Frühjahr hochgegangen, sondern erst danach – sozusagen als Nachwehen der akuten Krisensituation. Natürlich muss man sich Sorgen machen, dass die aktuelle Lage ähnliche Folgen haben könnte.

In Zeiten eingeschränkter Sozialkontakte fehlt auch die soziale Kontrolle. Befürchten Sie, dass Gewalttätigkeiten verstärkt unbemerkt bleiben? Viele Frauen scheuen sich ja ohnehin, ihren Partner anzuzeigen und/oder zu verlassen, so dass in vielen Fällen nur Außenstehende auf das Problem aufmerksam werden.

Das ist in dieser Hinsicht tatsächlich eine sehr schwierige Zeit. Immerhin sind momentan, im Unterschied zur ersten Welle im Frühjahr, Kitas und Schulen in Betrieb. Dadurch leben Familien nicht ständig auf engem Raum miteinander und man könnte eher auf Fälle häuslicher Gewalt aufmerksam werden. Insofern ist die Situation etwas besser als im Frühjahr.

Welche Möglichkeiten haben Sie vor Ort, um mit betroffenen Frauen in Kontakt zu treten?

Wir versuchen, über die Medien Präsenz zu zeigen, auf Anlaufstellen und Kontaktmöglichkeiten hinzuweisen. Ich bin im Rathaus telefonisch erreichbar und mein Anrufbeantworter ist so geschaltet, dass immer die Möglichkeit besteht, eine Nachricht zu hinterlassen. So bin ich im Prinzip jederzeit erreichbar.

Welche Rahmenbedingungen müssten geschaffen werden, um dem Problem der Gewalt gegen Frauen zu begegnen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass der präventive Ansatz der richtige ist. Den habe ich in meiner vorherigen Position als Leiterin des Städtischen Familienzentrums im Mehrgenerationenhaus verfolgt. Grundsätzlich geht es um Toleranz. Es ist wichtig, bereits Kindern zu vermitteln, dass sie geschlechtsunabhängig alles erreichen, alles sein können und dass Gewalt nie eine Lösung ist. Nur wenn sie damit aufwachsen, können sie das verinnerlichen.

Aber Prävention hilft nicht, wenn in einer Familie Gewalt schon ausgeübt wird.

Ja, das ist natürlich ein großes Problem. Meine Kolleginnen, die schon langjährig Erfahrungen gesammelt haben, berichten, dass sie durchaus Erfolge im Bereich häuslicher Gewalt erzielt hätten. Doch oft kämen sie mit der Zeit wieder an einen Punkt, an dem sie schon einmal waren. Letztlich hilft nur, Anlaufstellen zu schaffen, um Menschen aus dieser Spirale herauszuziehen.

Eine Anlaufstelle sind die Frauenhäuser. Vielerorts wird berichtet, dass diese inzwischen ständig voll belegt sind. Wie sieht es im Frauenhaus EN aus?

Es ist momentan zu 100 Prozent ausgelastet. Das ist natürlich schlecht, denn das bedeutet, das wir keinen Notfallplatz zur Verfügung stellen können. Es gibt ja keine zeitliche Vorgabe für einen Aufenthalt. Einige Frauen sind nur kurz dort, weil sie einfach mal raus mussten, um Abstand zu gewinnen. Andere sind zum zweiten oder dritten Mal dort. Manche schaffen über das Frauenhaus ganz den Absprung aus ihrer Situation.

Welche Alternativen gibt es denn?

Die Vermittlung in ein anderes Frauenhaus, das noch Kapazitäten hat, wäre die erste Wahl. Auf der mehrsprachigen Internetseite www.frauen-info-netz.de sind die Frauenhäuser in ganz NRW aufgeführt und ihre Ausstattung und Merkmale zu finden. Daneben gibt es aber auch noch weitere Hilfsmöglichkeiten.

Eigentlich sind Sie als Gleichstellungsbeauftragte aus dem EN-Südkreis mit ihrem Partnernetzwerk aus verschiedenen Institutionen immer rund um den Tag gegen Gewalt gegen Frauen am 25. November mit einer Aktion in die Öffentlichkeit gegangen. Das ist in diesem Jahr wegen der Corona-Beschränkungen nur schwer möglich. Was haben Sie alternativ vor?

Es ist richtig, dass es den Tag, der in diesem Jahr unter dem Motto „Nachhaltig gegen Gewalt“ steht, in seiner gewohnten Form mit Infoständen in den EN-Städten nicht geben wird. Trotzdem findet rund um 25. November eine gemeinschaftlich geplante Öffentlichkeitsaktion statt. Mehr möchte ich noch nicht verraten. Zusätzlich werden wir in Ennepetal im Wortsinne Flagge zeigen und am 25. November das Rathaus beflaggen, mit dem Slogan von Terre des Femmes „Nein zu Gewalt an Frauen. Frei leben – ohne Gewalt“. Damit wollen wir wenigstens ein Zeichen setzen.

Ein weiteres Thema, das in Corona-Zeiten in den Blick gerückt ist, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als in der Zeit des Lockdowns Schulen und Kitas geschlossen waren – was teilweise auch aktuell passieren kann – mussten jüngere Kinder zu Hause betreut werden. Das blieb in den meisten Fällen an den Müttern hängen, die dafür zum Teil berufliche Nachteile haben. Wie kann man hier Verbesserungen schaffen?

Das ist ja seit 15 Jahren mein Thema. Zunächst einmal muss ich sagen, dass die Stadtverwaltung in dieser Hinsicht vorbildlich ist. Mütter und Väter haben, wenn es die Aufgabe zulässt, die Möglichkeiten von Homeoffice in Anspruch zu nehmen. Es ist wichtig, dass die Stadt in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle übernimmt. Wir haben auch durch den Ausbau der OGS-Betreuung an den Schulen und die Ausweitung der Betreuungszeiten in den Kitas die Rahmenbedingungen verbessert, damit Frauen und Männer Familie und Beruf, aber auch Pflege und Beruf besser vereinbaren können. Und zu den Auswirkungen von Corona: Ich finde, dass uns die Krise auch wachgerüttelt hat. Es war nicht zuletzt ein Appell an unser soziales Miteinander. Es geht darum, sich gegenseitig zu unterstützen, zum Beispiel zu schauen, wie man sich in der Nachbarschaft untereinander helfen kann, auch bei der Kinderbetreuung. Dieses soziale Gefüge sollte gestärkt werden.

Zu Ihrer Person: Sie sind seit dem 1. Oktober Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ennepetal. Zuvor haben sie eine Kindertagesstätte geleitet. Was hat Sie bewogen, sich einer doch deutlich anders gelagerten Aufgabe zu widmen?

Gleichstellungsbeauftragte ist für mich eine Herzensstelle. Ich habe mit Sabine Hofmann, die das ja bis vor einem Jahr gemacht hat, viele Jahre lang zusammengearbeitet. Das ist eine kreative Stelle, in der ich das, was mich selber bewegt, leben kann. Andererseits bin ich auch für die Arbeit in der Kita geboren, daher habe ich mich im vergangenen Jahr erst einmal gegen eine Bewerbung entschieden. Als die Stelle nun wieder vakant wurde, habe ich gedacht, dass es einfach so sein soll. Aber ich bin trotzdem schweren Herzens aus dem Familienzentrum weggegangen.

Können Sie aus Ihrer vorherigen Tätigkeit etwas für die Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte mitnehmen? Nicht zuletzt sorgen ja gerade Kitas dafür, dass Frauen Familie und Beruf besser vereinbaren können.

Ich kann viel an Erfahrungen mitnehmen. Ich habe ja in den 15 Jahren im Familienzentrum ausschließlich mit Frauen gearbeitet und habe die Probleme in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie beziehungsweise Pflege und Beruf kennen gelernt. Nicht zuletzt habe ich ja selber in einer Führungsposition gearbeitet und eine Tochter großgezogen.

Welche Schwerpunkte wollen Sie in Ihrem neuen Aufgabengebiet setzen? Wo sehen Sie besonderen Handlungsbedarf?

Gleichstellung ist ja wie eine Krake, das Thema ragt in alle Bereich hinein. Ich habe gemeinsam mit der Verwaltungsleitung überlegt, was Schwerpunkte innerhalb der Stadtverwaltung sein könnten. Die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf ist ein Bereich, außerdem das Thema Frauen in Führungspositionen. Das bedingt unter anderem, dass Männer Elternzeit nehmen können und sollten. Wichtig ist mir außerdem die politische Mitwirkung von Frauen und natürlich das Thema Gewalt gegen Frauen. Außerdem sehe ich einen Schwerpunkt in der Netzwerkarbeit im Ennepe-Ruhr-Kreis.

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