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Ennepetaler Feuerwehr-Chef bietet Pöblern die Stirn

Frank Schacht, Leiter der Feuerwehr in Ennepetal, machte seinem Ärger über die Respektlosigkeit, die ihm und seiner Truppe entgegenschlägt, bei Facebook Luft und erntet ausschließlich großes Lob dafür.

Frank Schacht, Leiter der Feuerwehr in Ennepetal, machte seinem Ärger über die Respektlosigkeit, die ihm und seiner Truppe entgegenschlägt, bei Facebook Luft und erntet ausschließlich großes Lob dafür.

Ennepetal.   Wehr-Leiter Frank Schacht wirbt auf Facebook für mehr Respekt gegenüber Einsatzkräften. Der Text wird zum Internet-Hit.

Heulen die Sirenen, geht alles ganz schnell. „Wo ist was passiert?“ „Warum werde ich geweckt, ist doch sicher nur eine Übung?“ „Alles total übertrieben von denen!“ So ähnlich sehen die noch netteren Kommentare aus, die oft mit hanebüchener Rechtschreibung im Sekundentakt in soziale Medien flattern. Frank Schacht, Leiter der Feuerwehr Ennepetal, hatte nun die Nase voll, stellte ein markiges Schreiben auf die Facebook-Seite der Wehr – und der Text wird zum viel gelobten Internet-Hit.

Das Fass zum Überlaufen brachte für Schacht die Reaktionen auf den Dachstuhlbrand eines leer stehenden Gebäudes in der Schillerstraße am Donnerstag vor Weihnachten um kurz nach 22 Uhr. „Ich zweifle mehr und mehr am Intellekt und am Verstand meiner Mitmenschen. (...) Ein Video von der Einsatzstelle, auf dem hörbar gelacht wird, war nach wenigen Minuten online. Sei’s drum. Wer meint, die Beiträge an sich sind schon primitiv genug, der sollte die über 100 Kommentare lesen. Ich halte es mit Einstein: ,Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.’“

Einfach selbst Mitglied werden

Schacht weiter: „Da stellen Experten fest, dass die Feuerwehr (die Deppen) so langsam löscht, dass gleich auch die anderen Häuser brennen. Zitate gefällig: ,Das nennt man Übung für die Feuerwehr. Quasi wie schnell sind wir am Brandherd, was können wir optimieren und trifft ja eh keinen Unschuldigen’ oder ,Dafür wird man geweckt? Erstaunlich’ (...) Also, liebe besorgte Mitbürgerinnen und Mitbürger: Wenn ihr wissen wollt wie Feuerwehr funktioniert: Werdet Mitglied! Wenn ihr nach der blöden Sirene eh nicht mehr schlafen könnt: Werdet Mitglied! Die Deppen von der Feuerwehr können ja auch nicht mehr schlafen. Wenn ihr schon nach wenigen Minuten genau wissen wollt, was los ist: werdet Mitglied!“, schreibt Schacht und erntet dafür fast ausschließlich Lob.

Mittlerweile hat der Text fast 250 000 Menschen erreicht, ist hundertfach weiterverbreitet worden. Frank Schacht selbst weilt aktuell im wohlverdienten Urlaub. Markus Heil, Leiter des Rettungsdienstes in Ennepetal, betreut den ­Facebook­auftritt der Wehr mit und kennt das Problem: „Die Menschen sind uns gegenüber respektloser geworden. An der Einsatzstelle passiert das selten, aber im Internet verlieren einige zunehmend ihren Anstand“, sagt er, betont aber, dass die Mitglieder der Wehr dies differenziert sähen und sich nicht entmutigen lassen.

Kulturelle Unterschiede

In Feuerwehrkreisen ist das Thema längst fester Bestandteil von Lehrgängen. Scripted-Reality-Sendungen im Fernsehen zeigen die vermeintliche Einsatzrealität, wodurch einige meinen, die Arbeit der Einsatzkräfte beurteilen zu können. Zudem kennen vor allem Menschen aus dem arabischen und russischen Raum das westliche System nicht. Dort ist die Feuerwehr oft dem Militär angegliedert und hat einen schlechten sowie teilweise gewalttätigen Ruf. Auch diese kulturellen Unterschiede führen zu Konflikten an Einsatzstellen und entsprechenden Online-Kommentaren aus diesen Kreisen.

Matthias Jansen, Leiter der Feuerwehr Schwelm, sieht noch eine andere Gefahr in dieser Entwicklung: Frust bei der Freiwilligen Feuerwehr: „Wie jemand auf die Idee kommen kann, dass Menschen in ihrer Freizeit nachts aufstehen, und zu einem ungewissen, vielleicht gefährlichen Einsatz aufbrechen, nur um andere mit dem Martinshorn zu wecken, erschließt sich mir nicht.“ Da sei es nachvollziehbar, dass sich Ehrenamtliche fragen, warum sie dieses Opfer bringen und sich das weiter antun. In der Schwelmer Wehr habe man das Thema zwar auf dem Schirm und werde regelmäßig damit konfrontiert, dies sei aber kein akutes Problem.

Ähnlich sieht die Lage in Gevelsberg aus. „Du kommst vom Einsatz zurück und siehst alles schon bei Facebook und Youtube“, sagt der stellvertretende Feuerwehrchef Uwe Wolfsdorff. Die Gevelsberger würden aus personellen Gründen keinen Facebook-Account betreiben und die Kritik sei kein großes Thema. Mehr schon die Vorfälle an Einsatzstellen. „In letzter Zeit war es ruhig, aber es kommt auch immer darauf an, zu welcher Zeit wir zu welchem Ort ausrücken“, sagt er.

Mit Blick auf die bevorstehende Silvesternacht wissen die Wehrleute, dass dies stets die anstrengendsten Einsätze sind, hoffen aber auf Respekt für ihre Arbeit – virtuell und in der Realität.

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