Europa-Wahl

Drei Jahre nach dem „Dexit“ herrscht Chaos im EN-Kreis

Dominik Spanke, Caritasdirektor positioniert sich ganz klar zur Europawahl und führt auf, was Europa gerade für die Armen und Kranken vor Ort tut. Aktuell ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege.

Dominik Spanke, Caritasdirektor positioniert sich ganz klar zur Europawahl und führt auf, was Europa gerade für die Armen und Kranken vor Ort tut. Aktuell ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege.

Foto: Stefan Scherer

Schwelm/Gevelsberg/Ennepetal.   Caritas-Chef Dominik Spanke erklärt, warum die EU sozialpolitisch vor Ort so wertvoll ist und positioniert sich vor der Wahl ganz klar.

Drei Jahre danach ist das Chaos perfekt. Möbelhaus Schmitz wirbt mit Tischen ohne Einfuhrzoll, der ehemalige Exportweltmeister Deutschland ist in eine handfeste Wirtschaftskrise geschlittert und zu einem Schmugglerparadies geworden. Deutschland über die neuen Grenzen in den Strand- oder Ski-Urlaub zu verlassen, dauert ewig und im Ausland werden wieder kräftig Roaming-Gebühren fällig. Im Kontaktanzeigenblock suchen verzweifelte junge deutsche Frauen Heiratswillige aus dem EU-Ausland. Die „Ausrufezeitung“ ist zwar nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen, aber sie ist Satire pur.

Die Abgehängten ernst nehmen

300 Exemplare liegen bei Caritasdirektor Dominik Spanke in seinem Schwelmer Büro. Der deutsche Caritasnachwuchs hat sich in der Zeitung damit auseinander gesetzt, was ein harter Ausstieg aus der EU für Deutschland bedeutet, wie sich die Lebenswirklichkeit und damit die Schlagzeilen drei Jahre nach dem „Dexit“ verändern. Das liest sich witzig, das liest sich abgefahren, dahinter verbirgt sich bitterer Ernst. „Wir geben denen eine Stimme, die oft nicht allein für sich sprechen können. Wir sprechen für die Armen, die Arbeitslosen, die Süchtigen und die Kranken. Und für diese Gruppen sagen wir ganz klar: Wir brauchen Europa.“

Der heimische Caritas-Chef und aktuelle Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, zu der auch AWo, Diakonie, Rotes Kreuz und der Paritätische gehören, bezieht im Vorfeld der Europawahl genau wie die jungen Menschen in der Caritas außergewöhnlich deutlich Stellung. Er weiß durchaus, dass es vor allem in den Bevölkerungsgruppen, die die Freie Wohlfahrt vertritt, die Europa-Gegner eine hohe Sympathie genießen und viele Stimmen einfahren. „Wir müssen das Gefühl der Menschen, sich abgehängt, chancen- und perspektivlos zu sein, ernst nehmen. Es ist unsere Rolle darauf hinzuweisen, dass es Probleme im Ennepe-Ruhr-Kreis, beispielsweise mit Armut, gibt“, sagt Dominik Spanke, betont aber auch: „Wir agieren nicht parteipolitisch.“ Gleichwohl wolle er aber auch verdeutlichen, was vor Ort durch die Europäische Union überhaupt erst alles möglich gemacht werde.

Zur Wertegemeinschaft werden

Zuvorderst sei dort der Europäische Sozialfonds zu erwähnen. „Wenn dieser nicht mehr arbeitsfähig ist, weil das Parlament seinen Haushalt nicht mehr hinbekommt, sind wir direkt vor Ort betroffen, beispielsweise fehlen dann Mittel für Sozialarbeiter, die sich um Jugendliche kümmern, die keine Perspektiven haben“, sagt Dominik Spanke. Auf dem Arbeitsmarktsektor seien es elementare Dinge wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wozu die EU Maßgebliches geleistet habe. Gerade im Armuts- aber auch im Sucht- und Drogenbereich machten erst die Fördermittel aus europäische Töpfen viele Projekte im Ennepe-Ruhr-Kreis überhaupt erst möglich.

Gleichwohl müsse die EU nicht nur für wirtschaftliche, sondern auch für sozialpolitische Mindeststandards in ihren Mitgliedsstaaten sorgen, damit würden auch Migrationsströme gelenkt werden können. „Eine soziale Infrastruktur ist genau so wichtig wie ein funktionierendes Schienennetz und hier muss deutlich nachgebessert werden“, sagt Dominik Spanke. Ein weiteres Problem, das aus seiner Sicht nur europäisch gelöst werden kann, ist der Fachkräftemangel in der Pflege. „Allein bekommen wir das benötigte Personal nicht mehr zusammen“, macht der Caritasdirektor im Gespräch klar.

All dies seien starke Argumente für eine starke EU. „Daher sollten die Menschen ihre Chance nutzen, zur Wahl gehen, und sich für eine Europapolitik entscheiden. Die Wirtschaftsgemeinschaft muss noch sehr viel stärker zu einer Wertegemeinschaft wachsen“, sagt Dominik Spanke auch mit Blick auf die Ausrufezeitung, die sich jede gern im Caritas-Büro, August-Bendler-Straße 14, in Schwelm kostenfrei abholen kann, so lange der Vorrat reicht. Er hofft, dass die Visionen des Caritasnachwuchses nicht Realität werden.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben