Serie "24 Stunden"

Das Leben der anderen organisieren

Joanna Majnusz (rechts) bekommt Besuch von ihrer Chefin Birgit Jurczyk. Zum Beruf der Altenpflegerin gehört auch Papierkram, der heute zum größten Teil auf der Festplatte des Computers stattfindet.

Joanna Majnusz (rechts) bekommt Besuch von ihrer Chefin Birgit Jurczyk. Zum Beruf der Altenpflegerin gehört auch Papierkram, der heute zum größten Teil auf der Festplatte des Computers stattfindet.

Foto: Klaus Bröking

Gevelsberg.   18 Uhr: Altenpflegerin Joanna Majnusz sorgt dafür, dass hunderte Tabletten zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Bewohner kommen

24-h-Südwestfalen

Reportage zum Tag der Arbeit.
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„Wer alleine aufs Geld schaut, der ist in diesem Beruf nicht richtig“, sagt Joanna Majnusz. Die gelernte Krankenschwesterin ist 49 Jahre alt, arbeitet im Seniorenstift Haus Maria Frieden, ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lacht gern – was bei der Altenpflegerin sofort auffällt.

Es ist 18 Uhr. Joanna Majnusz blickt durch die Fensterfront des Büros der Wohngruppe Stadtblick in den Speisesaal. Dort wird das Abendessen serviert.

Die Altenpflegerin öffnet einen weißen Schrank. Hier reiht sich eine Schachtel mit Medikamenten an die nächste. „Wir haben eine Frau, die hat von ihrem Arzt zum Beispiel 17 Tabletten pro Tag verschrieben bekommen“, sagt Joanna Majnusz. Der Laie verliert da nicht den Überblick, er bekommt ihn gar nicht erst.

Seit 27 Jahren dabei

Die Tabletten werden für eine Woche sortiert, für jeden Tag, für jede Tageszeit. Es gibt Bewohner, die müssen ihre ersten Pillen schon vor dem Essen bekommen. Insulin wird gespritzt. Andere bekommen die Arzneimittel auf ihr Zimmer, die meisten während der Mahlzeiten, wie jetzt. Die dürfen dann aber erst serviert werden, wenn der Senior zum Tisch kommt, sonst greift vielleicht der Nachbar versehentlich zu.

Serviert wird ein traditionelles, deutsches Abendessen: also Butterbrote. Es gibt Wurst, Käse – die Senioren dürfen wählen – und dazu immer eine kleine kulinarische Überraschung. Es kann ein Schälchen Salat oder ein Stückchen Pizza sein. Heute ist es Mett mit Zwiebeln. Das Haus Maria Frieden ist da flexibel, weil es für seine 81 Bewohner eine eigene Küche unterhält.

„Von 18 bis 19 Uhr ist eine eher ruhige Stunde“, erklärt Joanna Majnusz, greift zu Ordnern und blickt auf den Bildschirm des Computers. Zeit für den Papierkrieg, der heute auf der Festplatte geführt wird. Zeit auch, um ein paar Worte mit den Bewohner zu wechseln? Die Pflegerin blickt erstaunt hoch: „Dazu muss man immer Zeit haben, wenn ein Gespräch nötig ist.“ Zeit auch, um ein paar Fragen zu beantworten. Macht sie ihre Arbeit gern? „Ich bin seit 27 Jahren dabei“, ist die Antwort, die alles erklärt. Fühlt sie sich in ihrem Beruf unterbezahlt, wie so oft zu hören ist? „Ich komme mit meinem Geld gut aus. Lieber hätte ich eine neue Kollegin als hundert Euro Gehalt mehr.“ Die gelernten Pflegekräfte erhalten je nach Berufsjahren gestaffelt zwischen 2650 und 3300 Euro. Hinzu kommen Zulagen, Weihnachts- und Urlaubsgeld. Was liebt sie an ihrem Beruf? „Die Arbeit im Team. Und wir bekommen auch eine Menge von den Menschen zurück.“

Joanna Majnusz erzählt von dem Tag, den sie nie im Leben vergessen wird. Ein Bewohner wurde vermisst. Die Pflegekräfte suchten verzweifelt nach ihm. Und dann war da die Frau, die eine schwere Demenz hatte. „Sie wusste nicht einmal mehr den eigenen Namen, sie spürte aber die Unruhe in mir. Die Frau ist zu mir gekommen, hat mich in den Arm genommen und fest an sich gedrückt.“

Wenn die Bewohner in ihren Zimmern sind, dann brauchen sie nur auf einen Knopf zu drücken und ein unüberhörbares akustisches und unübersehbares optisches Signal machen Joanna Majnusz darauf aufmerksam, dass ihre Hilfe gebraucht wird. Selten sind es Probleme, häufiger Problemchen, die zu lösen sind.

Die Pflegerin kennt die Mitglieder der Wohngruppe. Wenn die Nummer des Zimmers aufleuchtet, weiß sie meist, was anliegt. 18.21 Uhr: Die Dame auf Zimmer 214 braucht Hilfe, um von der Toilette zu kommen. 18.34 Uhr: Die Frau auf Zimmer 226 kann ihre Kompressionsstrümpfe nicht allein ausziehen, sonst ist sie noch ziemlich selbstständig. 18.50 Uhr: Der Herr auf Zimmer 253 hat Demenz. Er fühlt sich einfach allein gelassen. Hier heilen Worte.

18.41 Uhr: Einrichtungsleiterin Birgit Jurczyk kommt vorbei und bringt eine gute Botschaft mit. Ein Fitnessraum wird eingerichtet. Die Chefin weiß, dass der Beruf der Pflegerin nicht leicht ist. „Das geht auf die Knochen“, sagt sie. Joanna Majnusz treibt in ihrer Freizeit deshalb jede Menge Sport. Ihre Hobbys sind das Tanzen, Laufen, Aerobic und Pilates. Dass sie nur 30 Stunden in der Woche arbeitet, hat sie sich selbst ausgesucht: „Das reicht mir.“

Wenn sie gefragt wird, was der Beruf der Altenpflegerin eigentlich ist, dann antwortet die Frau, die in Oberschlesien geboren wurde: „Wir organisieren das komplette Leben unserer Bewohner.“ Der Beruf sei krisensicher, biete viele Aufstiegsmöglichkeiten und sei außerdem ideal für Frauen, die sich eine Zeit lang auf die Rolle der Mutter konzentrieren wollen, um dann wieder einzusteigen. Und: „Der Beruf ist nicht so schlecht, wie er von manchen Politikern gemacht wird. Da brauchen wir Jahre, um mit den Vorurteilen aufzuräumen“, fügt Birgit Jurczyk hinzu.

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