Stress

Burnout:Interview mit Achtsamkeitstrainerin Marlies Grasmann

Marlies Grasmann ist Achtsamkeitstrainerin und hat eine Praxis in Gevelsberg.

Marlies Grasmann ist Achtsamkeitstrainerin und hat eine Praxis in Gevelsberg.

Foto: Privat / WP

Gevelsberg.  Die Gevelsberger Achtsamkeitstrainerin Marlies Grasmann berichtet darüber, wann aus Stress ein Burnout wird und was man dagegen tun kann.

Marlies Grasmann betreibt in Gevelsberg seit fast zehn Jahren eine Praxis für Supervision und Burnout-Prävention und ist Achtsamkeitstrainerin. Sie sagt: „Die meisten wissen, was ihnen gut tut, sie kommen nur nicht dazu“. Ihr Ziel ist es, diesen Menschen Wege aufzuzeigen, wie sie ihr Leben entspannter meistern können.

Warum verlieren sich so viele Menschen im Stress?

Marlies Grasmann: Die Menschen können immer besser für andere sorgen, als um sich selbst. Sie müssen das wieder lernen, und das hat jetzt nichts mit Egoismus zu tun. Ich bin mir sicher: Die Welt wäre ehrlicher, wenn sich jeder erst einmal um sich kümmern würde, ohne einem anderen zu schaden. Stress kann man nicht gänzlich vermeiden, aber man kann lernen, damit umzugehen.

Gibt es Risikofaktoren, die das Stressempfinden verstärken?

Ja. Hoher Perfektionismus und Leistungsstreben, nicht nein sagen können und fehlende Abgrenzung, hoher Idealismus, häufiges Grübeln. Wenn dann noch äußere Faktoren wie wenig Anerkennung und Wertschätzung, ständiger Zeitdruck und Multitasking, wenig Handlungsspielräume, Konflikte und fehlende Unterstützung dazu kommen, führt das zu Stress.

Und wenn der Stress zu viel wird, kommt es zu einem Burnout. Was ist eigentlich genau ein Burnout?

In den 70er Jahren schöpfte Herbert Freudenberger (deutsch-amerikanischer klinischer Psychologe und Psychoanalytiker Anm. d. Red.) den Begriff Burnout und definierte es als „Nachlassen bzw. Schwinden von Kräften und Erschöpfung durch übermäßige Beanspruchung der eigenen Energie, Kräfte und Ressourcen“. Bislang war Burnout keine eigenständige Krankheit und ein vielfach umstrittener Begriff. Im Internationalen Katalog von Krankheiten, der seit Anfang der 90er gültig ist, ist Burnout lediglich unter der Zusatzziffer Z73 unter Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung aufgelistet (inkl. Ausgebranntsein [Burn-out].) So wurde der Begriff undifferenziert verwendet, aber durch seinen bildlichen Charakter (Ausgebranntsein) hat er meines Erachtens einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Psychischen Krankheiten aus der Tabu-Zone hervorgeholt wurden. Die WHO hat nun auch den Begriff Burnout in Bezug auf Arbeit offiziell im neuen Katalog von Krankheiten aufgenommen.

Ab wann ist es nicht mehr nur Stress, sondern schon ein Burnout?

Dies ist nicht eindeutig festzulegen. Laut Freudenberger verläuft der Burnout in zwölf Phasen, die wissenschaftlich immer wieder variiert wurden und teilweise ganz grob auf fünf reduziert wurden. Es beginnt mit Enthusiasmus, danach kommt Stagnation, die Begeisterung ist wie weggeblasen. Es folgt die Frustration und dann viertens Apathie. Sie sehen keinen Sinn mehr und können sich nicht mehr aufraffen. Dann kommt fünftens das Burnout: Sie fühlen sich völlig erschöpft und ausgebrannt. In jedem Fall ist Burnout eine Folge von Dauerstress. Gemäß dem neuen Katalog der Krankheiten wird es dann voraussichtlich klare Kriterien geben für die Diagnose Burnout.

Haben Sie schon selbst ein Burnout erlebt?

In meiner Zeit als Projektleiterin in der IT-Branche mit parallelem nebenberuflichem Fernstudium der Arbeits- und Organisationspsychologie bin ich selber in diese Spirale geraten und haarscharf am Burnout vorbei geschliddert. Mittels Supervision und Coaching sind mir die inneren Risikofaktoren bewusst geworden und ich lernte, gegen zu steuern und mein Denken und Verhalten zu verändern. Auch die äußeren Faktoren steigender Zeitdruck und Multitasking und immer weniger Handlungsspielräume durch diverse Umstrukturierungen habe ich am eigenen Leib erlebt. So ist es für mich nach dem Abschluss des Fernstudiums eine neue Berufung geworden, Menschen in diesen Phasen zu begleiten.

Gibt es Signale, die ein Burnout ankündigen?

Nach meinen Erfahrungen gibt es folgende Signale, deren Ursachen aber in jedem Fall immer auch ärztlich abgeklärt werden sollten: Ständige Gereiztheit, die Nerven liegen sozusagen blank, ich werde zynisch. Der Akku ist häufig einfach leer. Ich habe das Gefühl, ich bin nicht mehr so leistungsfähig wie bisher. Ich ziehe mich sozial immer mehr zurück. Ich kann mich nicht mehr erholen, Ich komme nur noch schwer runter.

Gibt es auch körperliche Anzeichen?

Ja, zum Beispiel ein schleichend immer schwächer werdendes Immunsystem z.B. häufige Erkältungen etc. Diverse Körperliche Symptome von Kopfschmerzen über Herz-Kreislauf, Magen-Darm und Rückenbeschwerden. Bei anhaltender Schlaf- und Appetitlosigkeit ist dann sicher die Alarmstufe Rot erreicht und es sollte in jedem Fall ärztlicher oder Psychotherapeutischer Rat eingeholt werden.

Wie sollte man darauf reagieren?

Meine Erfahrung sagt mir, wenn ich länger als drei bis vier vier Wochen o.g. Signale erlebe und ich es aus eigener Kraft nicht mehr schaffe, dem Hamsterrad zu entkommen, wird es Zeit, sich Rat und Hilfe zu suchen. Leider schaffen viele diesen Schritt nicht rechtzeitig und landen dann im Burnout oder in anderen psychischen Krankheiten wie Depression und Angststörungen. Dies gehört dann in die Hände von erfahrenen psychologischen Psychotherapeuten.

Wann ist ein guter Zeitpunkt, zu Ihnen zu kommen? Und wie können Sie helfen?

Vor der vierten und fünften Phase ist meines Erachtens Prävention noch möglich. Es kommen aber auch Klienten in meine Praxis, die bereits ein Burnout hatten und dann sekundäre Prävention in meinen Kursen und meiner Praxis betreiben. Deshalb war auch die Aktionswoche für Seelische Gesundheit so wichtig. Ziel war es, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren und ihnen aufzuzeigen, an wen sie sich wenden können, um Hilfe zu bekommen. Ich vermittel verschiedene Entspannungs- und Stressbewältigungsmethoden, zeige praktische Übungen, biete Supervisionen an und lenke den Blick auf das Thema Achtsamkeit.

Was kann ich tun, wenn ich unter einem Burnout leide?

Ich kann erst damit umgehen, wenn ich die Symptome wahrnehme. Dies erfordert eine entsprechende Achtsamkeit und Wachsamkeit. Der erste Schritt bei Erschöpfung ist die Regeneration. Dabei spielen ganz einfach bewusstes Essen und Schlafen eine wichtige Rolle. Dann muss ich aber auch meinen mentalen Akku wieder aufladen, sozusagen den Kopf wieder frei kriegen. Dazu ist erstmal räumlicher Abstand von der Arbeit notwendig. Meditation kann dabei auch sehr hilfreichsein. Dann Dinge ausführen, die mir Freude bereiten und meine Gedanken im Zaum halten. Oft sind es alte innere Glaubensmuster und Überzeugungen, die es gilt zu überprüfen und zu reflektieren. Es ist wichtig, dass jeder seinen individuellen Weg des Umgangs findet. Auch die Körperwahrnehmung spielt eine große Rolle. Erst wenn er nicht mehr funktioniert, nehmen wir ihn wahr. Deshalb gilt es hier, achtsam zu werden und wieder ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Die Hirnforschung hat sogenannte Neuronale Netzwerke entdeckt, in denen unsere Reaktions- und Verhaltensmuster gespeichert sind. Dabei sind Körperhaltungen mit Gefühlen, Denkmustern und Handeln verknüpft. Das heißt, ich kann schon ganz einfach durch die Veränderung meiner Körperhaltung oder noch einfacher, meiner Atmung, meine Gefühlslage verändern und damit dann auch anders reagieren und vorbeugen. Umso wichtiger wird es, dass wir gut für uns selber sorgen und den Kontakt zu unserem Wesen und Wesentlichen nicht verlieren. Die Achtsamkeit ist für mich ein Weg dazu geworden.

Sie sagen, dass Schlaf wichtig ist. Haben Sie einen Tipp, wie man gut schläft?

Entspannungsmethoden helfen. Ich empfehle die Progressive Muskelrelaxation oder autogenes Training, das eine setzt an den Muskeln an, das andere im Kopf. Auch die Schlafhygiene ist wichtig. Dazu gehört ein Schlafzimmer, das nicht zu warm, möglichst ohne elektrische Geräte, und dunkel ist. Man muss sich dort wohl fühlen und zur Ruhe kommen können.

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