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Blödsinn als Therapie: Tanzvideo wird zum Hit im Internet

Lara Blatkiewicz aus Hagen leidet an der seltenen Muskelkrankheit Morbus Pompe. Mit ihrer Pflegerin tanzte sie zu „Time of my Life“

Lara Blatkiewicz aus Hagen leidet an der seltenen Muskelkrankheit Morbus Pompe. Mit ihrer Pflegerin tanzte sie zu „Time of my Life“

Foto: Stefan Scherer

Ennepetal/Hagen.   Lara Blatkiewicz ist auf Intensivpflege angewiesen. Mit ihrer Pflegerin tanzte sie zu „Time of my Life“. Das Video berührt Hunderttausende.

Sylvia Faust schließt Lara Blatkiewicz in die Arme. Das Lied „Time of my Life“ aus dem Film Dirty Dancing läuft im Hintergrund. Gemeinsam wirbeln die beiden durch das Zimmer, lachen, singen lauthals mit. Eigentlich nichts Besonderes, würde Lara nicht gerade in Uwe sitzen. So nennt die 13-Jährige ihren Deckenlifter, mit dem Sylvia Faust sie aus dem Bett holt oder in die Badewanne setzt. Lara ist so schwer erkrankt, dass sie 24-stündige Intensivpflege benötigt.

Das Video der Szene haben im Internet bereits mehrere hunderttausend Menschen gesehen, und es wird zu einem Sinnbild dafür, dass Pflegekräfte – wie hier vom Ennepetaler Pflegeteam Intensa – mit ihren Patienten Spaß haben, herumblödeln und abseits von Waschen und medizinischer Versorgung den Erkrankten und Behinderten eine wunderschöne Zeit voller Lebensqualität bieten können.

Im Schlaf wird Lara beatmet

Lara Blatkiewicz tanzt mit ihrer Pflegerin

Lara Blatkiewicz tanzt "Time of my Life" aus dem Film Dirty Dancing mit ihrer Pflegerin Sylvia Faust nach. Das Video geht bei Instagram und Facebook viral. Sie tanzen häufiger und haben dabei viel Spaß, wie man auch in den weiteren Szenen sieht.
Lara Blatkiewicz tanzt mit ihrer Pflegerin

Lara Blatkiewicz leidet an der ausgesprochen seltenen Muskelkrankheit Morbus Pompe. Sie kann nicht laufen, sich nicht allein Waschen, muss beatmet werden, wenn sie schläft. Die 13-jährige sprüht trotz ihres schweren Schicksals vor Lebensfreude. Dabei war bereits der Start in ihr Leben ein schwerer. „Ich habe ganz normal entbunden“, beginnt Laras Mutter Jessica Färber zu erzählen, die damals noch in Thüringen wohnte. Doch schnell begannen die ersten Komplikationen. Lara musste an den Inkubator, dann bekam der Säugling eine Lungenentzündung. „Das war unser Glück, denn da wurde festgestellt, dass Laras Herz doppelt so groß ist, wie es sein sollte“, sagt Jessica Färber.

Eltern sind genetisch wie Geschwister

Es folgte die erschütternde Diagnose. Für Lara begann ein Leben in Kliniken. Jessica Färber wollte nicht wahrhaben, dass ihr süßes Baby, das doch ganz normal aussah, unter einer solchen Krankheit leidet. „Ich wurde schnell aggressiv“, beschreibt sie diese erste Zeit in Laras Leben. Es dauerte, bis sie die Wahrheit annehmen konnte, wollte dann aber wissen, warum Lara an Morbus Pompe leidet, was nur etwa 30 Kinder in Deutschland haben.

„Laras Vater und ich sind genetisch wie Geschwister. Das hat diesen Gendefekt hervorgerufen“, sagt Jessica Färber. Ein Arzt sagte ihr, die Chance auf diese Konstellation sei niedriger als auf einen Sechser im Lotto. Die Eltern betrieben sogar Ahnenforschung. Ergebnis: So weit die Experten in die Vergangenheit blicken konnten, fanden sie keine familiären Banden zwischen den beiden.

Derweil kam Lara in eine Studie, bekommt seitdem Enzyme, die ihr helfen, mit der fortschreitenden Krankheit besser umzugehen. Viermal in der Woche ist sie bei der Physiotherapie, dreimal bei der Logopädie, zweimal bei der Ergotherapie und einmal in der Uniklinik Münster zur Enzymbehandlung. Lara konnte früher laufen, doch seit einem Sturz, bei dem sie sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hat, ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Weil in Hagen zwei weitere Kinder mit dieser Erkrankung wohnen, zogen Lara und ihre Mutter nach NRW. Seitdem blüht das ohnehin schon fröhliche Mädchen noch mehr auf.

Beste Freundin gefunden

Ihre beste Freundin hat sie in der Oberlinschule in Volmarstein gefunden: Alina hat Asperger-Autismus und die beiden sind typische Teenager. Laras größter Wunsch? „Einmal die Sängerin Namika treffen.“ Und dann sind da noch die Pflegerinnen aus Ennepetal. „Sie sind unsere Familie“, sagt Lara und erzählt, wie sie mit den Frauen, die abwechselnd 24 Stunden am Tag auf sie aufpassen, Partys feiert, in der Wanne herumplanscht, tanzt, in den Zoo geht. Gemeinsam mit den beiden Intensa-Chefinnen Marianne Szaszowski (28) und Carina Gröning (27) war sie das erste Mal im Urlaub, das erste Mal am Meer.

Bei all dem Spaß und der Lebensfreude ist für Pflegedienstleitung Marianne Szaszowski aber auch in jeder Sekunde klar, das sie und ihr Team nicht als Clowns bei Lara sind: „Wir müssen Laras Atmung überwachen, ihr bei allen alltäglichen Aufgaben helfen. Eine kleine Erkältung kann schon verheerende Folgen haben.“ Die Art und Weise wie das Ennepetaler Pflegeteam diese Aufgaben wahrnimmt, macht dabei allerdings den Unterschied. Das wird nicht zuletzt an dem Video ganz deutlich.

Fast jeden Abend wird getanzt

Auch wenn das Filmchen im Netz durch die Decke geht, ist das, was dort zu sehen ist, für Lara und ihre Pflegerinnen das Normalste der Welt. „Von solchen Videos haben wir noch ganz, ganz viele“, sagt die 13-Jährige, die dem Intensa-Team als Dankeschön eine große Collage gebastelt hat. Darauf zu sehen: Lara und ihre Frauen strecken die Zunge heraus. Vielleicht kommt bald ein weiteres Bild vom Tanzen dazu. Denn fast jeden Tag setzt Sylvia Faust ihre Patientin in Deckenlifter Uwe und dann wirbeln sie lachend durch das Zimmer, um einen der berühmtesten Tänze der Filmgeschichte zu lernen.

INTERVIEW: „Wir betreiben keine Massenabfertigung“

Marianne Szaszowski spricht über die Schwierigkeiten in der Pflegebranche.

1 Können Sie sich um all ihre Patienten so rührend kümmern?

Lara ist Intensivpflegepatientin, für die wir allein fünf examinierte Kräfte beschäftigen. Insgesamt haben wir drei Patienten in der Intensivpflege, würden diesen Bereich auch gern ausbauen, finden aber keine gut ausgebildeten Leute. Der Pflegemangel trifft uns voll. In der Intensivpflege können wir uns um die Patienten auf diese Weise kümmern. Im ambulanten Dienst ist das natürlich eine ganz andere Nummer.

2 Was ist dort konkret anders?

Hier reden wir über Minuteneinsätze, die die Mitarbeiter abrechnen müssen. Aber auch hier stellen wir die Wirtschaftlichkeit hinten an. Wir arbeiten mit Menschen und betreiben keinen Massenabfertigung. Und wenn diese Menschen uns in diesem Moment ein paar Minuten länger brauchen, sind wir für sie da – selbst auf die Gefahr hin, dass wir zum nächsten Patienten etwas später kommen.

3 Wie beurteilen Sie die Zukunft der Pflege?

Es wird immer schwieriger werden, gute Leute zu finden. Mit den fünf examinierten Intensivpflegekräften, die wir allein für Lara haben, decken andere komplette Wohnbereiche ab. Viele fliehen vom stationären Bereich. Dennoch ist die Bezahlung nicht attraktiv. Da setzt die Politik den Krankenkassen falsche Schranken, die sie an uns weitergeben. Wir würden unsere Mitarbeiter höher vergüten, wenn wir höher abrechnen dürften.

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